IIc6 Gnadenjahr
Das "Gnadenjahr", Heiliges Jahr oder auch Jubeljahr genannt, ist etwas, das aus der guten Tradition des jüdischen Volkes kommt und irgendwann auch von der christlichen Kirche übernommen wurde. In gewissen Zeiträumen sagte man, müsse man mit seinen Schuldern eine Art "Abschluss" machen, um dann neu anzufangen. Schließlich ist manchmal abzusehen, dass die Schuldner keine Chance haben, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Da mögen Unwägbarkeiten oder Schicksalsschläge eingewirkt haben oder möglicherweise auch etwas Anderes, also vielleicht eine falsche Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Jedenfalls gab es nach einem derartigen Schuldenschnitt wieder einen Neuanfang, für alle Beteiligten. Das ist eigentlich eine gute Sache. Andererseits gab es vielleicht auch immer wieder mal "Schlitzohren", die ganz bewusst auf einen solchen Schuldenerlass setzten und gar nicht bereit waren, irgendwelche Darlehen pünktlich zurückzuzahlen.
Wie dem auch sei, dieses Jubeljahr hatte schon seinen Sinn. Und in der Kirche hat es eine Fortsetzung gegeben. Papst Franziskus hat ein solches Gnadenjahr angeordnet, um eine allgemeine Vergebung gewisser Sünden für reumütige Christen zu bewirken. Im Rahmen dieses Gnadenjahres hat der Papst auch einige Reformen umgesetzt, die er unter diesem Titel erwirkt hat.
Nun spielt sich in der ganzen Welt etwas ab, das zumindest unsere Generation ziemlich überrascht hat und auch wirtschaftliche Probleme verursacht hat. Gott sei Dank - für uns ohne Krieg. Und wenn die Corona-Krise vorbei sein wird, werden eine Menge Leute sagen: Wir sind noch einmal davongekommen. Grund zur Dankbarkeit. Grund auch, andere Menschen, denen es nicht so gut geht oder gegangen ist, an dem Geschenk des Überlebens teilhaben zu lassen. Nun, ganz ugeschoren werden unsere Nachfahren allerdings nicht davonkommen, denn durch die Problematik hat sich ein riesiger Schuldenberg gebildet.
Besonders benachteiligt sind diejenigen, die es sich nicht einmal leisten können, Geld aufzunehmen. Die meisten Gelder werden wohl die Industrienationen aufnehmen, schließlich besteht theoretisch die Möglichkeit, das Geld an die Geldgeber irgendwann zurückzugeben. Das wären also die westlichen Industrienationen. Die Entwicklungsländer haben in der Pandemie von Haus aus keine Chancen. Eine Kreditaufnahme ist auch kaum möglich, weil sie sicherlich von uns kaum Geld zu erwarten haben. Denken Sie nur daran, dass es sehr schwierig für arme Länder ist, überhaupt an die begehrten Impfstoffe heranzukommen. Denn das ist tatsächlich eine Frage des Geldes und man argumentiert: Welches Land Impfstoffe entwickelt und fabriziert, dessen Bürger sollen auch davon profitieren. Schließlich soll der Impfstoff ja auch bezahlt werden.
Gegen dieses Argument lässt sich nicht viel sagen. Allerdings war es schon immer so, dass man auch früher immer wieder versucht hat, auch denen etwas zukommen zu lassen, die eigentlich gar keine Chance haben. Ob das immer nur Menschenfreundlichkeit gewesen ist, darüber kann man diskutieren. Vielleicht geschah so etwas deswegen, weil es auf lange Sicht vorteilhafter erscheint, den Ärmsten nur so viel zu nehmen, dass sie am Ende nicht auf Unterstützung angewiesen sind und dann schließlich auch wieder von Reicheren versorgt werden müssen. Und dafür langfristig. Doch die Rechnung bleibt nicht aus: Wenn wir die Bedingungen in den armen Ländern nicht ändern, dann kommen die Leute irgendwann zu uns und stellen ihre Anträge auf Hilfe.
Genau mit diesen Überlegungen im Hinterkopf habe ich eine Idee. Die sieht so aus: Schuldenerlass in einem noch zu bestimmenden Rahmen für alle auf der Welt. Die Ökonomen werden dann erklären, dass man synchron dazu auch das Geld auf den Sparbüchern der Leute etwas kürzen müsste. Aber das will natürlich niemand. Muss ja vielleicht auch gar nicht sein, die Sparer sind ja durch den Wegfall der Zinsen sowieso im Nachteil. So oder so: Die Schuldenlast der Industriestaaten würde geringer und auch die Schulden der verarmten Länder würden geringer. Das ist ja schon einmal sehr viel.
Schließlich würde durch eine solche Maßnahme das Geld wieder - je nach Ausaß des Schuldenerlasses - in geringem Maß dem Goldwert angeglichen, denn die Länder haben ja immer noch ihre Goldreserven, der aber in keinem Verhältnis mehr zum Wert des Geldes stehen. Ich denke, dass sich die Ökonomen darüber Gedanken machen sollte, ob eine solche Maßnahme zum Wohle aller beitragen könnte. Dazu fehlt mir das Wissen. Schließlich sind viele Detailfragen von Bedeutung, die von den Fachleuten gestellt und beantwortet werden müssten. Immerhin ist während der Corona-Krise im Rahmen des Schuldenmachens die Geldmenge um ein Vielfaches angestiegen. Und die Rückführung einer solchen Inflation auf normale Werte erscheint mir auf lange Sicht eine gute Sache zu sein. Bevor es wirklich einmal zum großen Crash kommt, der uns alle ins Unglück stürzen würde, sollte man langsam die Inflation wieder etwas zurückfahren - und dabei auch den Armen wieder Chancen geben. Sprach einer, der von der Geldpolitik eigentlich nichts versteht. Aber wofür haben wir denn die Fachleute? Das hier Angedachte kann schließlich nur Anregung sein.