I 6he "Der Bien"

I 6he "Der Bien"

Tautz: "Bienenstaat" - In seinem interessanten Buch „Phänomen Honigbiene“ zeigt H. Tautz, wie die Bienen „Staat machen“. Im Übrigen sagt man "Der Bien", wenn man von einem Bienenvolk spricht. Die Imker wollen damit ausdrücken, dass man ein Bienenvolk als ein einziges Tier, einen "Hyperorganismus", eben als den "Bien" verstehen muss. Hören wir nun, was der Bienenforscher  sagt. Und beachten Sie, dass ich in die eckigen Klammern einige neue Wörter geschrieben habe. Wenn man diese Worte nämlich mit den vorhergehenden des Autors austauscht, dann bekommen die Aussagen des Bienenforschers einen neuen Sinn, der sich nun auf Menschen bezieht: 

 

„Die Verhältnisse und Vorgänge in einem Bienenvolk [Volk] sind hochkomplex, da ständig von tausend Bienen [Menschen] gleichzeitig kleine Verhaltensbausteine beigetragen werden, die sich zum Gesamtverhalten der Kolonie [Menschengemeinschaft] zusammenfügen. Komplexe biologische Systeme passen sich kurzfristig durch ihre Plastizität [Bildung] und langfristig durch ihre Evolution [Kulturfortschritte] an relevante Aspekte der Umwelt an; sie besitzen die Fähigkeit zur Adaption.“

 

Mein kleines Experiment mit dem Austausch von Wörtern des Originaltextes macht deutlich, was gemeint ist.  Als wesentliche Voraussetzung für eine Gemeinschaft gilt eine allgemeine Bildung, eine Bildung, die so weit geht, dass jeder Mensch - ähnlich wie die Bienen - in der Gemeinschaft einen Platz findet, an dem er seine Fähigkeiten zum Wohle des Ganzen einbringen kann - und das auch will, weil er den Vorteil dieser wirklichen Gemeinschaft erkannt hat.

 

Tautz: "Bienenstaat"

Nach diesem Blick auf den "Bien" können wir versuchen, herauszubekommen, ob wir Menschen auch über die Voraussetzungen verfügen, die wir benötigen, um einen menschlichen Superorganismus zu bilden. Man könnte auch einfach von Menschengemeinschaft sprechen. Wir haben erfahren, dass es im Bienenstaat die ganz fleißigen Tiere und die etwas bedächtigeren gibt. Fleißige, die gibt es auch unter uns Menschen.  Aber auch die etwas Langsameren. Auch die brauchen wir. Die benötigt auch der Bienenstaat. Und das erklärt Herr Tautz so, dass es ganz wichtig ist, dass es solche gibt, die schnell handeln und andere, die abwarten, bis es gar nicht anders geht. Das ist sozusagen eine „stille Reserve“, die dann im Ernstfall zusätzlich zur Verfügung steht.

 

In unserer Gesellschaft sehen wir Extremismus und Gewalttätigkeit. Warum? Weil diese Menschen vielleicht gar nicht wissen, was sie tun. Wenn die Quertreiber alle aber - so behaupten sie doch - das Gute wollen - dann müsste eine bessere Bildung dafür sorgen, dass es in Zukunft weniger solche nicht genügend Informierte gibt. Große Schwierigkeiten bereiten die „Macher“ in den Führungspositionen. In einer Zukunft, die sich am Bienenstaat orientiert, müssten sie sich zurücknehmen können.  Diese Überlegung hat Konsequenzen: Wenn es denn so angestrebt ist, dass jedes Individuum seinen Beitrag nach eigenem Ermessen leistet, warum fangen wir, also Du und ich, nicht schon jetzt damit an? Der Anruf geht ja nicht nur an die höheren Chargen sondern an jeden Einzelnen.

 

Übrigens hat Mutter Teresa, eine der vielen Arbeiterinnen im Blumengarten Gottes, diesen zutiefst christlichen Aspekt deutlich vorexerziert. Noch etwas Wichtiges: Die Bienen kommunizieren miteinander: Jede mit Jeder. Das geht heute dank Internet und Handy auch unter Menschen. Im Übrigen: Was machen die Bienen, wenn der Raum zu eng wird? Sie schwärmen aus und suchen sich ein neues Zuhause. Kommt uns das vielleicht aus aktueller Situation in der Weltpolitik bekannt vor? Der Imker schafft den schwarmwilligen Bienen neuen Wohnraum. Und er gibt ihnen Arbeit, lässt sie Waben bauen und schafft in der alten Behausung Platz für Vorräte. Er hilft ihnen vielleicht auch, in der Nähe ihrer alten Heimat einen neuen guten Platz zu finden. Pflanzt vielleicht auch zu den Bienen passende Bäumer und Sträucher an. Wesentliche Voraussetzung für einen „Hyperorganismus“ Menschheit sind also Bildung und Gemeinschaftssinn. Sind das wirklich so unerreichbare Ziele?  Wir sollten nicht nur den Bienen Wohnraum geben, sondern auch den Menschen, die auf der Suche nach einer Heimat sind.