I 67wki* WELT IN NOT

I 67wki* WELT IN NOT

Wir wollen uns der Gegenwart mit ihren Herausforderungen widmen. Hier habe ich ein paar Fotos, die uns zu denken geben. Das sind keine Dokumentationen. Die Fotos stehen symbolisch für schwere Umweltveränderungen. Und für den Aufbruch im Chaos. Im Übrigen ist der Klimawandel mit den veränderten Wetterbedingungen eine Folge verfehlter Umweltpolitik. Das Schlimme ist, dass sich auch seit Bekanntwerden der fatalen Folgen nichts Entscheidendes ändert. Unbeirrt steuern die "Macher" auf unserer Erde in Richtung "Wachstum". Dass es irgendwann ein Ende der Wachstumsspirale geben wird, das hat sich anscheinend noch nicht herumgesprochen. Frei nach dem Motto: "Heute wird noch Profit gemacht. Was morgen sein wird, das interessiert mich nicht."

Wir müssen feststellen: Es ist die NATUR IN NOT.

 

Kleinbauernhaus
Blick in die Vergangenheit: Kleinbauernhaus in der Gemeinde Wiesenfelden

Da habe ich ein Bild aus meinem Buch „Heimat Niederbayern“ auf der Seite 112 von einem kleinen Bauernhaus. Da stehen zwei ältere Leute vor ihrem Anwesen. Das sieht recht romantisch aus. Allerdings ist das ein Bild aus einer längst vergangenen Zeit. Das Ehepaar ist längst gestorben. Und das Haus steht heute in einem Freilichtmuseum. Landwirtschaft ist anders geworden.Man spricht beim Schachspiel vom Bauernopfer, wenn man bei der Wahl eines bevorstehenden Verlustes eher einen der acht Bauern opfert als eine „wertvollere“ Figur, die im Spiel mehr Funktionen hat. Ähnliches kennen wir vom Kartenspiel. Spiele sind meist vom wirklichen Leben abgeschaut worden, schließlich werden bei allen Kriegen auch heute noch die einfachen Leute „aufs Spiel gesetzt“, wenn es darum geht, einen Sieg einzufahren. Diese Verluste sind bei der Planung eines Krieges schon einkalkuliert. Das klingt makaber. Ist es auch. Doch darüber spricht man nicht. Allerdings gelten diese „Regeln“ nicht nur im Krieg. Als ich mich in den 80er Jahren in Wiesenfelden als Landarzt niederließ, gab es in diesem Ort geschätzte dreißig Landwirte. 30 Jahre später konnte man die Zahl der Bauern an einer Hand abzählen. Mit moderner Technik, Fremdkapital und sehr viel Engagement und Fleiß hatten es diese Wenigen geschafft, in ihrem Beruf zu überleben.

 

Als Stadtbewohner werden Sie sich vielleicht sagen, dass hier eine notwendige Auslese stattgefunden hat, weil die Modernisierung in der Landwirtschaft von kleineren Betrieben nicht geleistet werden kann und Großbetriebe eben viel rationeller geführt werden können. Sie werden das achselzuckend hinnehmen, denn die Versorgung mit Lebensmitteln ist ja - so oder so quantitativ und dem Anschein nach auch qualitativ - gewährleistet. Das Problem unserer Landwirte ist, dass sie die von ihnen hergestellten Lebensmittel zu Weltmarktpreisen verkaufen müssen. Die Gestehungskosten sind aber in den sogenannten Billigländern viel geringer. Das liegt teilweise daran, dass das unter Ausbeutung der Arbeitskräfte geschieht und dass andernorts der Einsatz von Chemie erlaubt ist, der bei uns zu Recht immer mehr eingeschränkt wird. Die von unseren Landwirten geforderte nachhaltige Landwirtschaft kann deshalb preislich niemals mit Billigprodukten aus dem Ausland mithalten. Man versucht es aber um zu überleben. Von einem Mindestlohn für Bauern habe ich noch nie etwas gehört.

 

Das Problem unserer Landwirte ist, dass sie die von ihnen hergestellten Lebensmittel zu Weltmarktpreisen verkaufen müssen. Die Gestehungskosten sind aber in den sogenannten Billigländern viel geringer.

 

Das liegt teilweise daran, dass das unter Ausbeutung der Arbeitskräfte geschieht und dass andernorts der Einsatz von Chemie erlaubt ist, der bei uns zu Recht immer mehr eingeschränkt wird. Die von unseren Landwirten geforderte nachhaltige Landwirtschaft kann deshalb preislich niemals mit Billigprodukten aus dem Ausland mithalten. Man versucht es aber um zu überleben. Andererseits werden gerade landwirtschaftliche Produkte aus Deutschland ins Ausland exportiert. Die Qualität „Made in Germany“ wird durchaus geschätzt, zumal der Preis so niedrig ist, dass auch noch die Transportkosten letztlich vom Erzeuger in Deutschland mitgetragen werden.

 

Am 18.5.19 berichtet Herr Wolfgang Engel im Straubinger Tagblatt über den Verfall traditionsreicher landwirtschaftlicher Betriebe. Der Untertitel: Landwirte spüren kaum noch Vertrauen in die Gesellschaft: ein Grund, warum Landwirte aufhören. Ort der Handlung: Nähe Straubing.

 

Die Hofstelle selbst dürfte Hunderte Jahre alt sein, seit über 250 Jahren ist der Hof im Familienbesitz: Familienunternehmen, also das, was die deutsche Wirtschaft starkgemacht hat, über Generationen. Der Hofherr ist vielleicht der letzte... Der Prebeck-Hof baut hauptsächlich Zuckerrüben an. Seit Jahrzehnten inzwischen ist das die Haupteinnahmequelle, vor Kartoffeln, Weizen und ein bisserl Mais... Jetzt wird es auch mit der Zuckerrübe schwierig. Der Preis ist halbiert. Wo er noch vor drei Jahren fünf oder sechs Euro pro 100 Kilo bekommen hat, waren es zuletzt 2,50 Euro, plus 50 Cent  Treueprämie, wenn er eine bestimmte Menge mehr liefert als früher...

 

Vor 20 Monaten hat die EU ihre Zuckermarktordnung abgeschafft. Hans Prebeck konkurriert seitdem ungeschützt mit dem Weltmarkt... Brasilien oder Thailand subventionieren den Zuckeranbau, in Brasilien kommen jeden Tag neue Agrarflächen dazu; Brandrodung schafft neue Zuckerrohrfelder.

 

„Man fordert Blühflächen und daheim mäht Robby, der Roboter“, hat Bärbel Steinberger in ihrer Garten-Kolumne „ Der Grüne Daumen“ in dieser Zeitung am Mittwoch geschrieben, „ man fordert absoluten Pestizidverzicht in der Landwirtschaft und spritzt seinen zünslerbefallenen Buchs mit Careo - das ist nichts Homöopathisches, das ist ein Neonic.“ [Giftig für Bienen] Und auch die Bauern sehen natürlich, wie in Städten und Dörfern Steingärten angelegt werden und gleichzeitig für Bienen unterschrieben wird.

 

Am 20.5.19 war im Wirtschaftsteil der genannten Zeitung folgende Überschrift zu lesen: Höfesterben geht ungebremst weiter - Milcherzeugung chronisch defizitär - Bauern arbeiten auf Mindestlohnniveau. Wenn das keine alarmierende Meldung ist! Ich jedenfalls sehe da dringenden Handlungsbedarf der Regierenden.

 

Übrigens, was den Honig betrifft, da wird der Markt mit ausländischen Produkten überschwemmt, die sich grundsätzlich von dem unterscheiden, was unsere Imker hier im Land unter Herstellung von Qualitäts-Honig verstehen. Mit dem Seitenblick auf dieses ganz andere Lebensmittel kann ich mich - ohne meine grundsätzlichen Erwägungen zu verlassen - wieder der Landwirtschaft zuwenden. Landwirtschaft und Bienenhaltung stehen sich nämlich nicht feindlich gegenüber, nein, sie stehen unter demselben Druck. Mit Recht wird darauf verwiesen, dass der Verbraucher artgerechte Haltung und ökologische Standards fordert aber im Supermarkt nach billigen Massenprodukten greift. Die Werbung empfiehlt uns das, denn "Geiz ist geil". Mein Kommentar: Wirtschaftsimperialismus - der ist stärker als das Einkaufsgewissen.

 

Der Bauer soll billigst produzieren und dabei in der Ökologie politisch korrekt sein. Gleichzeitig soll er mit einem Weltmarkt konkurrieren, der ökologisch gewiss nicht korrekt ist.  Eine Frage sei erlaubt: Wem dient es eigentlich, dass die Bauern geopfert werden?

 

Und eine andere Frage: Was macht der Bauer, um zu überleben? Da hätte ich eine Anwort, die Sie übrigens bei einem Spaziergang leicht überprüfen können.

 

Er baut Mais an, denn der Maisanbau wird subventioniert, damit werden die Biogasanlagen befüllt. Die waren aber eigentlich dafür gedacht, um Abfälle aus der Landwirtschaft zur Energiegewinnung zu nutzen. Kilometerweit fahren die Traktoren, damit der Mais an seinen Bestimmungsort kommt. Wahrscheinlich lohnen sich auch lange Anfahrswege, denn schließlich wird auch der Diesel für die Bauern subventioniert.

 

Sollte ich Ihnen jetzt vielleicht noch etwas von der Arbeit der Landärzte erzählen? Da kenne ich mich nämlich aus. Nun davon spreche ich nicht. Aber über eines könnten Sie nachdenken: Warum haben wir das Problem, dass sich kein Arzt mehr auf dem Land niederlassen will? Und wer bei diesem Prozess immer noch nicht daran denkt, dass es etwas Grundsätzliches in unserer Gesellschaft "schief" laufen könnte, der möge sich auch noch über das Wirtshaussterben Gedanken machen. Der aktiven Generation der Autofahrer macht es übrigens wenig aus, wenn die „Tante-Emma-Läden“ aus Innenstädten und Dörfern verschwinden. Doch auch diese Generation wird eines Tages eine stattliche Reihe von Senioren darstellen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr mobil sein werden.

 

Aus Familien werden Individuen, die dann wieder in andere Gruppen (in Einrichtungen für Alte) eingefügt werden. Die bei der Säuglingsversorgung begonnene Kasernierung kommt im hohen Alter wieder zum Tragen. Und dann werden wir Alten wieder froh sein um die kleinen - und ja so unrentablen - Läden froh sein, die dann noch nicht kaputt gemacht worden sind. Übrigens konnte man während der Coronakrise plötzlich viel Leute aus der Stadt in den kleinen Geschäften auf dem Land sehen - dort, wo niemand investieren will und wo sonst nur die einfachen Leute aus der Umgebung einkaufen. Heute wissen wir noch, um was es bei den Hamsterkäufen ging.

 

Frage ist, ob die Entwicklungen in der Landwirtschaft unabhängig von uns verlaufen, ob sie gewollt sind oder nicht. Die Politikwissenschaftler schauen mit Sorge auf die Entwicklung radikaler Gruppen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Auf all diese Fragen werden Sie keine Antwort in den hier vorgelegten Texten finden. Nur noch eine Frage sei erlaubt: Kann es sein, dass wir unsere Wertekultur wirklich zugunsten rein wirtschaftlichen Denkens aufgeben wollen? Andere Länder haben mit Wirtschaftsimperialismus Erfolge. Doch was ist dabei gewonnen, wenn das verlorengeht, was uns noch von Raubtieren unterscheidet?

 

Bei unserem Fehlververhalten gegenüber der Natur möchte man daran denken, dass es vielleicht notwendig sei, eine "Umweltethik" zu entwerfen. Darüber hat sich Christoph Sebastion Widdau ernsthaft Gedanken gemacht und die in einem Buch niedergelegt: "Einführung in die Umweltethik", Pilipp Reclam jun. Herr Tutsch hat im "Magazin zum Wochenende (Straubinger Tagblatt) am 27.11. 2021 das Buch vorgestellt. Eine ganz andere (aber keinesfalls gegensätzliche) Sicht auf die Problematik rundet dieses Thema inhaltlich ab. Dazu einige Wort im folgenden Artikel von Prof. Bordt.  

 

In der modernen Landwirtschaft ist Schichtarbeit notwendig
Maschinen erleichtern die Bauernarbeit - und fordern Schichtbetrieb
Sandsturm an der Adria
Harmlos aber symbolhaltig: Ein plötzlich aufgetretener Sandsturm an der Adria

Da habe ich kürzlich eine Formulierung von Professor Bordt gelesen, die das übliche Sprechen von der Natur übersteigt. "Die Pandemie als Strafe Gottes?" ist der Titel des Leitartikels im Straubinger Tagblatt zu Ostern 2021. Natürlich wissen Sie schon die Antwort: "Der Gott, an den Jesus Christus geglaubt, den er seinen Vater, ja sogar seinen Papa genannt hat, ist kein Gott, der Strafen verhängt." Aber um diese Frage geht es mir nicht. Es geht mir um den Blick auf die Natur, und da haben wir alle die Vorstellung, dass die Natur von Haus aus "gut" sei, doch dem hält Bordt im Hinblick auf Naturkatastrophen und die Pandemie entgegen, diese "bedrohen das Leben der Menschen und bringen großes Leid mit sich". Diesen Sachverhalt musste ich einmal einem Herrn erklären, der sich sehr für den Naturschutz engagiert und keine Zeckenimpfung wollte, weil die "Natur grundsätzlich gut sei". Er hat die Impfung bekommen und das war gut so. Und nun formuliert Bordt: "...wird auch deutlich, wie unglücklich formuliert der Appell einer "Bewahrung der Schöpfung" ist. Und - um wieder auf das Thema zu kommen: "Schon die Entwicklung der Impfstoffe, die uns aus der Pandemie befreien werden, ist nur möglich, weil etwas Naturgegebenes in Laboren umgestaltet und in den Dienst von Heilung und Schutz gestellt wird."

 

Soweit so gut. Dieser unverstellte Blick auf die Natur ist gewissermaßen Voraussetzung für den nun folgenden Satz. Den flechte ich jetzt ein: Es ist also nicht verkehrt, der naturgegebenen Ordnung eine Wertekultur gegenüberzustellen. Und nun sage ich etwas, das mir sehr wichtig ist. Es ist die Fortführung der Ausführungen von Herrn Bordt. Da geht es  um eine Dimension des Seins, die weit über das hinausgeht, was wir als Schöpfung nachhaltig verwalten wollen:

 

Die Überwindung einer naturgegebenen Ordnung, in der alles Leben dem Tod verfallen ist und zugrunde geht, feiern Christinnen und Christen zu Ostern als Zentrum ihres Glaubens. [...] um etwas zu feiern, was heute, was in der Gegenwart gültig ist. Die Macht des Todes, und damit auch die Macht eines der Natur inhärenten Prinzips, ist überwunden.

 

Prof. Dr. Michael Bordt SJ hat kürzlich eine Publikation im Sandmann Verlag herausgebracht: "Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen. Spiritualität in Zeiten des Umbruchs".