II 23wki* Der Dreieine

II 23wki*   Der Dreieine

Hier auf dem Berg Zion wird der HERR, der allmächtige Gott, 
alle Völker zu einem Festmahl mit köstlichen Speisen und herrlichem Wein einladen,

einem Festmahl mit bestem Fleisch und bestem Wein.

Jesaja 25,6

Gott macht sich bekannt - als liebevoller Partner

 

Die Große Kraft, die sozusagen als geistiges Wesen in den allermeisten Religionen verehrt wird, bekommt in der judäischen Tradition ein Gesicht, das schließlich vom Islam mit gewissen Abweichungen übernommen wird und in der christlichen Tradition durch eine weitere göttliche Person erweitert wird. Es geht beim Beschreiben der göttlichen Personen um das Darstellen des göttlichen Wesens. Wir nennen dieses Wesen die "Heilige Dreifaltigkeit" und setzen einen weiteren Akzent, der bis dahin in dieser Weise noch nicht verankert ist. Der "Sohn Gottes" spielt in den beiden ursprünglichen Buchreligionen keine Rolle, ist aber im Christentum von ganz großer Bedeutung. Im Neuen Testament wird im ersten Kapitel des Johannesevangeliums gesagt, dass Christus der menschgewordene Gedanke Gottes ist. In verständlicher Weise könnte man auch formulieren, dass die göttliche "Gebrauchsanweisung" für das Leben nicht in einem Dokument zu suchen ist, das von Gott auf die Erde gekommen ist. Nein, die "Gebrauchsanweisung" ist eine wirkliche Person, die Gott und Mensch zugleich ist, und uns alles gesagt hat, was für uns wichtig ist.

 

Ich möchte noch hinzufügen, dass eine Reihe von Wissenschaftlern der Auffassung ist, dass Christus nicht nur für eine Reihe von Menschen geboren wurde, die der mosaischen Tradition entstammen. Anders gesagt, Christus ist nicht nur die "Christen" da, also für Seine Jünger*innen, sondern für alle anderen Menschen auch. Also auch für diejenigen, denen das Christentum (bis jetzt) noch fremd ist.

 

In den Büchern Moses wird ein Gottesbild gezeichnet, das wir verstehen können: Der Dreieine. Der Stiftspropst und und Leiter der Stadtkirche Landshut Msgr. Dr. Franz Joseph Baur hat den Leitartikel für das Straubinger Tagblatt zu Pfingsten 2018 geschrieben: Heiliger Geist - der Atem Gottes. Hier in diesem Zusammenhang interessiert, was er über Gott, den Schöpfer zu sagen hat. Es ist vielleicht diesem oder jenem bekannt. Allerdings hat er sehr schöne Worte gefunden. Ich lade Sie ein, die wenigen Zeilen aufmerksam zu lesen.

 

Der Schöpfergott

 

Msgr. Dr. Franz Joseph Baur spricht zunächst von einem Ereignis, das zum Schlüsselerlebnis für die Religions-,  ja für die Menschheitsgeschichte wurde: Jemand, die Tradition wird ihn Moses nennen, erlebt, wie Gott aus seiner Verborgenheit heraustritt, sich ausdrücklich mit ihm und seinem Volk in Verbindung setzt - bei Martin Buber spielt übrigens auch die Beziehung eine ganz wesentliche Rolle im Menschsein! - und ihm einen Namen in die Hand gibt, damit die Beziehung weiter gepflegt werden kann. Der Gottesname ist den Juden so heilig, dass sie ihn nicht aussprechen.

 

Dem folgt die katholische Bibelübersetzung und schreibt ihn [nämlich den Namen] auch nicht mehr aus, sondern ersetzt ihn durch "der HERR". Der eigentliche Name, das berühmte Tetragramm (Vier-Buchstaben-Wort) JHWH, ist unaussprechlich. Er lässt sich übersetzen mit "Ich bin, der ich bin" oder "Ich bin da". Das ist gleichzeitig die Kundgabe eines Namens und die Verweigerung eines Namens. "Wie soll ich den Israeliten sagen, wer mich gesandt hat?" - "So sollst du ihnen sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt" (Ex 3,14). Das ist eine Aussage, eine Zusage, aber kein Name. Aber mit diesem Nicht-Namen will Gott angerufen werden: "Das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen" (Ex 3,15).

 

Aus Scherben zusammengesetzter Krug
Dieser Krug mit den Bruchlinien deutet an: Es geht bei Gott immer um Heilung von Wunden.

Papst Franziskus hat bei einer Audienz am Petersplatz im Juni 2018 (Straubinger Tagblatt vom 21.6.2018) deutlich erklärt, dass die Vorstellung von einem "eifersüchtigen und besitzergreifenden Gott" die "tragischste der Lügen sei". Papst Franziskus sagte im Hinblick auf den Dekalog - so nennt man auch die "Zehn Gebote" - dass hier ein

 

"liebender Vater"

 

zu uns spricht, 

 

 "der sich um seine Kleinen kümmert und sie vor der Selbstzerstörung bewahren will". 

 

Gott kann alles in Ordnung bringen. Es geht Ihm immer um Heilung. Das ist auch die Philosophie des Papstes Franziskus.


Papst Franziskus geht neue Wege
Papst Franziskus - ein Hoffnungsträger
 Das Innere der Ludwigskirche in München
Hier habe ich ein Bild vom Innern der Ludwigskirche in München, der "Hauskirche" von Biser, der uns viel über das Jesuskind erzählt hat.

Jesus Christus

Über die Liebe Gottes zu uns lasse ich einen großen Religionsphilosophen zu Wort kommen. BISER ÜBER JESUS

Der herausragende Theologe erklärt, dass Gott nicht fassbar sein kann für unseren Verstand. Bisers Aussagen sind nicht die eines streng schauenden Hüters der rechten Lehre, nein, es ist der Gesang eines Künstlers, eines Liebenden, der sein Herz dem Jesuskind geschenkt hat. Das Johannesevangelium beginnt mit den Worten: "Im Anfang (ἀρχή) war das Wort (λόγος) und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott."  Biser sagt, dass genau dieser Bibeltext das Handeln Gottes erklärt. Um es in einem Bild auszudrücken. Das Wort ist der "Regenbogen", der wie eine Brücke Himmel und Erde verbindet.Biser hat die Liebe des Jesuskindes deutlich gemacht. Dieser Beitrag ist Teil einer Veröffentlichung im Wochenendmagazin Straubinger Tagblatt vom 5.1.2013. Es ist ein Artikel zum Fest der Erscheinung des Herrn mit dem Titel "Verborgen hinter drei Königen".  Zunächst erklärt der Autor, dass das Fest mit dem lateinischen Namen "Epiphanie" - Erscheinung des Herrn - hinter dem Weihnachtsfest etwas verblasst.  

 

Hinter den sehr bald von der Legende verbrämten Gestalten der Magier aus dem Morgenland, den sogenannten Drei Königen, verschwand der Sinnkern der Festfeier immer mehr im Hintergrund. Und doch ist alles schon mit dem Namen des Festes gesagt: Epiphanie - Erscheinung des Herrn. Aber was heißt das? Beginnen wir mit einem einfachen Beispiel! Mir geht eine Einsicht auf. Solange ich sie für mich behalte, mag sie mich erfreuen, ja vielleicht faszinieren. Aber für meine Umwelt bedeutet sie nichts, ist es, als wäre sie nie gewonnen worden. Oder ein zweites Beispiel! Da schwemmt ein tropischer Regen irgendwo in Südafrika einen wunderbaren Diamanten aus dem Erdreich hervor. Er liegt da und blitzt in der Sonne, und die Sonne spiegelt sich in ihm. Solange ihn aber kein kundiges Menschenauge erspäht, bildet er keinen Wert, ist er für die Menschheit so gut wie nicht vorhanden. Beide Male ändert sich die Situation von Grund auf, sobald ich meinen Gedanken ausspreche oder der Diamant entdeckt wird. Jetzt kann dieser Gedanke wirken und helfen, und jetzt wird der Diamant zum Schicksal. Auf Gott bezogen, werden diese spielerischen Vergleiche heiliger Ernst. Denn im göttlichen Geist blitzt nicht nur wie in dem unseren dann und wann ein Gedanke auf; Gott denkt sich vielmehr selbst in ewiger Wesensnotwendigkeit.

 

* Und dieser ewige Gottesgedanke ist nicht nur ein flüchtiger Widerschein seines Inhaltes; nein, er ist groß, ewig, herrlich und heilig wie Gott selbst! Und er ist all dies nicht als starrer, kalter Spiegel der Gottherrlichkeit, sondern als der lebendige Partner, das beseligende Du, der vielgeliebte Sohn des ewigen Vaters. Er ist die Idee aller Ideen, das Bild aller Bilder, Quellgrund und Fülle aller Wahrheit, Brennpunkt und Ziel allen Geistes.  

 

Und doch bliebe uns der Glanz dieses göttlichen Selbstbegriffs verborgen, bliebe der Turmbau unserer eigenen Gedanken ohne die krönende Spitze und ohne den tragenden Grund, hätte Gott sein lebendiges Wesen um sich nicht hineingesprochen in das Dunkel und die Unwissenheit dieser Welt. Und das geschah in der Sendung seines Eingeborenen, in der Menschwerdung des Wortes, im Wunder der Weihnacht. Seitdem hat Gottes Gedanke eine menschliche Geschichte, seitdem ist das von Ewigkeit her verborgene Gottesgeheimnis geschichtliches Faktum, greifbare Wirklichkeit. Und dies so sehr, dass der erste Johannesbrief tatsächlich mit den Worten beginnen kann: „Was von Anfang an war, was wir gehört, mit eigenen Augen gesehen, was wir geschaut und mit unseren Händen betastet haben - das kündigen wir auch.“ 

 

Gott hat Sein Wesen vor uns offenbart. Und zwar durch die Menschwerdung Seines Sohnes. Jesus hat sich als Sohn des Höchsten zu erkennen. Bei Biser spielt deshalb auch die Epiphanie, das Erscheinen Gottes in der Weltöffentlichkeit - vor den drei Magiern, den Vertretern der Wissenschaft - eine ganz wichtige Rolle.

 

Schwarz-Weiß-Zeichnung von Günter Reckzügel: Anbetung der Magier aus dem Morgenland.
Schwarz-Weiß-Zeichnung von Günter Reckzügel: Anbetung der Magier aus dem Morgenland.

 

 

Die Epiphanie ist der "Auftritt" des Gottessohns in der Welt. Das war allerdings nicht ein einmaliges Ereignis seinerzeit in Bethlehem. Das war die Eröffnung für einen Prozess, der immer noch stattfindet. Ich denke, dass es auch sehr wichtig ist, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass uns schon bald nach der Geburt des Herrn durch das Erscheinen der "Weisen aus dem Morgenland" klargemacht wurde, dass Jesus nicht für eine bestimmte Gruppe von Leuten auf die Erde gekommen ist, sondern für die Menschen aller Hautfarben, aller Religionen und der verschiedensten Kulturen.

 

Das ist ganz bedeutsam, dass es  geradezu eine Besonderheit des Sohnes des Höchsten ist, dass Er für alle Menschen da sein will. Diese Universalität geht über alles Denken der früheren und auch mancher heutiger Gesetzeslehrer weit hinaus.


Die weltweite Bedeutung Jesu scheint von den Christen unserer Tage vielleicht noch gar nicht erkannt worden sein, denn manchmal hat man den Eindruck, als würden manche Menschen glauben, Christus "gehöre" nur ihnen, den Getauften. Davon abgesehen, dass überhaupt niemand meinen soll, dass ihm Christus "gehören" könne. Man könnte vielleicht sagen, dass man selbst Christus gehören möchte. Aber als Bitte und nicht als Anspruch. Doch nun zurück zum Religionsphilosophen Biser.  

 

Jesus lässt sich von Seinen Anhängern verspeisen, d. h. für Seine Freunde gibt Er alles her, was Er hat und was Er ist.
Das Brot hat eine große Symbolkraft - Jesus bezeichnet sich selbst als Brot des Lebens

 

 Die Worte des Religionsphilosophen Biser deuten schon an:

Dieser unser aller und einziger Gott ist mit unserem Denken und schon gar nicht mir unserem Wortschatz zu erfassen.

 

Und trotzdem erscheint Er für uns in einem Zeichen,

das uns allen vertraut ist. Ein Symbol, das jeder kennt.

Es gibt wohl kaum etwas, das für uns

eine solche Symbolkraft hat wie Brot

oder Wein.

 

Es ist kein Zufall, dass Christus in der Brotgestalt verehrt und wiedererkannt werden will.

Er ist die Nahrung, die uns leben lässt.

Er ist der Weinstock, von dem wir, die Reben,

unsere Kräfte beziehen.

So ist es nur folgerichtig,

wenn Er sagt, dass Er das Brot des Lebens ist.

Mit etwas anderen Worten:

"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."

Das Glasfenster in der Jakobsbasilika in Straubing vermittelt uns das Geheimnis des Abendmahls
Christus schenkt uns die Eucharistie - Er lässt sich von uns verzehren

Vor zwei Jahrtausenden ist der Messias, der Sohn Gottes in Menschengestalt aus Liebe zu uns gekommen.

Er hat Sein Leben hingegeben, damit wir leben. Das ist einer der Kernpunkte unseres Glaubens.

 

Ein Schäfer aus dem Nepal trägt ein Schaf auf seiner Schulter
Jesus trägt uns wie der Hirte sein Lamm
Der Hirte mit einem Lamm
Der Hirte mit einem Lamm

Der Hirte ist immer ein Symbol für Jesus. Er ist Der, Der uns behütet. Wer sich in den Psalmen auskennt, kann singen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Wenn wir Gott als den unbedingt Liebenden erkennen, dann hat das auch für unser Denken Konsequenzen.

 

Die Aufnahme vom Herrn wurde im Schaufenster der

Schnitzerfamilie Albl in Oberammergau (https://www.albl-oberammergau.com/de/) gemacht.

 

Christus ist Derjenige, Der im Namen des Herrn kommt. Also Einer, Der in unsere Unordnung hinein die Botschaft von der Liebe Gottes bringt, Der als Erster und Einziger gesagt hat: Liebe deine Feinde. Wer Jesus ernst nimmt, der beißt an diesem Satz herum und denkt, das müsse man doch umdeuten, das hat doch nichts mit wirklichem Leben zu tun. Nein, es hat mit dem, wie wir leben, tatsächlich nichts zu tun. Und genau darum geht es, denn das ist das "Rezept" für ein besseres Miteinander. Jesus hat das aber nicht nur gesagt, sondern gelebt. Bis zum bitteren Ende. Es geht also. Eine solche radikale Liebe hätten wir bis dahin nicht als Lebensmöglichkeit akzeptiert. Und auch jetzt handeln wir nicht danach, sondern setzen auf Macht und Konfrontation! Im Übrigen gibt es meines Wissens keine andere Religion, die allen Ernstes diese radikale Liebe fordert. Es ist deswegen sinnvoll, auf Den zu schauen, Der für uns am Kreuz gestorben ist. Alles Denken über Gott kann man zusammenfassen in einem einzigen Satz:

 

Gott ist Liebe. Er ist unser Freund. Er lässt sich von uns verzehren.

 

In der Gestalt von Brot und Wein, den Grundnahrungsmitteln, gibt Er sich uns hin.

In der Eucharistie.

Er hat Sein Leben hingegeben, damit wir leben. Das ist einer der Kernpunkte unseres Glaubens.

 

Der Hirte ist immer ein Symbol für Jesus. Er ist Der, Der uns behütet. Wer sich in den Psalmen auskennt, kann singen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Wenn wir Gott als den unbedingt Liebenden erkennen, dann hat das auch für unser Denken Konsequenzen.

Und: Er ist ein Gesetzeslehrer, dem wir vertrauen können.

 

Es gibt nur Einen, der jemals gesagt hat:

Liebe Deine Feinde.

Das ist auch heute noch revolutionär.

 

 

 

Heiliger Geist

Geist der Eintracht

 Ein Beitrag von Helmut Thielicke

Dieser Beitrag ist sehr kurz. Wenig anschaulich ist er schon, der Begriff "Heiliger Geist". Doch das hat nichts mit der Bedeutung des Heiligen Geistes zu tun. Den folgenden Beitrag möchte ich auch gar nicht kommentieren. Er spricht für sich selbst. Und das Wesen des Heiligen Geistes ist so schwer zu fassen, dass ich keine Fotos dazu anbieten kann.

 

Ich habe einmal, knieend im Steppensand, mit einigen Hereros in Südwestafrika das Mahl des Herrn gefeiert. Keiner verstand auch nur einen Laut von der Spreche des anderen. Aber als ich mit der Hand das Kreuzzeichen machte und den Namen "Jesus" aussprach, strahlten ihre dunklen Gesichter auf. Wir aßen dasselbe Brot und tranken aus demselben Kelch, und sie wussten nicht, was sie mir alles an Liebe erweisen sollten. Wir hatten uns nie gesehen. Soziale und geographische und kulturelle Grenzen standen zwischen uns. Und doch umschlossen uns Arme, die nicht von dieser Welt sind. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich begann, die Pfingstgeschichte zu begreifen. Ich verstand das Wunder der Kirche.

 

Ich habe über den großen liebevollen Gott gesprochen, als würde ich Ihn kennen und verstehen. Das wäre wunderbar, wenn es so wäre. Dann wäre dieses Leben unter Seinem Schirm etwas, das mich ganz erfüllen müsste. Aber da bin ich, so denke ich, nicht allein im anscheinend gar nicht so einfachen Umgang mit dieser Freude, die so groß ist, dass es uns schwerfällt, das alles zu begreifen. Dann wären wir nicht zufällig Arzt und Fotograf, Bäcker und Fußballfan, Lehrer und Sportler. Nein, das wäre anders. Wir wären Menschen, deren Herz voll wäre vom Jubel über Den, Der uns alle liebt. Aus dieser Fülle heraus käme dann alles andere. Aber ich glaube, es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die sind nahe dran an dieser Fülle des Lebens.

Es geht nur gut weiter, wenn wir uns von einem neuen Geist bewegen lassen. Das, was ich meine, ist längst schon da. Es braucht nur noch zugelassen werden von uns. Weil es um unsere Freiheit geht. Um die Basis unseres Handelns. 

 

Der Geist der Eintracht ist der Geist Gottes - Jürgen Polster

Pfingsten ist ein Fest, an dem wir uns immer wieder erinnern, wie das damals war, als sich die ersten Christen zusammenfanden zu einer Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, die wir heute als Kirche bezeichnen. Sie waren getrieben von einer Glut, einer Kraft, die wir heute so lapidar Heiliger Geist nennen. Was ist geblieben von diesem Gründungsfeuer? Die Namen und Bezeichnungen sind geblieben – Kirche, Heiliger Geist – aber die Bedeutung hat sich verändert.  Ein Wort, ohne die dazugehörige Erfahrungswelt, ist tot!

 

Der Heilige Geist, oft dargestellt in Vogelgestalt, wird ab und zu im Jahr – z.B. an Pfingsten, bei der Firmung oder bei der im engsten Familienkreise vollzogenen Taufe, in weiteren Abständen auch bei einer Papstwahl – wie ein Kanarienvogel im Käfig auf den Fenstersims der sogenannten Kirche gestellt, damit er sein Lied trällern kann. Danach verschwindet er wieder in den verborgenen Räumen der Glaubenshüter.

 

Ein Geist als Glut und Feuer, welches die Menschen sammelt und wärmt, wie wir es sogar beim Anzünden des kleinen Lichtes einer Kerze empfinden, wäre zu gefährlich in diesen Räumen. Es könnte ja der Dachstuhl abbrennen! Und vom Alltag durchdringendem Atem ist nichts mehr zu spüren. In unserem Sprachgebrauch sagen wir ja: „Wir gehen heute in die Kirche“. Wir hörten vorhin: Kirche ist eine vom Geist erfüllte Gemeinschaft.  Wenn wir also am Sonntag in die Kirche gehen, müssen wir sie logischerweise irgendwann wieder verlassen haben. Vermutlich nach ca. 45 Minuten! Somit können wir nach einer Woche oder zum nächsten Hochfest wieder hineingehen. Eine seltsame Pilgerbewegung! Mich erinnert es an die Wetterhäuschen, wo in bestimmten Abständen ein Mädchen oder ein Bursche aus dem Häuschen tritt, je nach Wetterlage. War das der Atem, der die Kirche an ihren Wurzeln belebt hat?

 

Die ersten Christen wurden gnadenlos verfolgt. Warum eigentlich? Sie hatten nichts angestellt. Sie waren keine Aufständische. Die Römer hatten sogar geflissentlich andere Religionen in ihr System aufgenommen, wenn sie ein anderes Land eroberten. Somit auch das Judentum. Warum wurden die Christen verfolgt? Was machte sie so gefährlich? Mit Pfingsten wurden die Menschen innerlich frei. Sie hatten keine Angst mehr. Menschen, die keine Angst mehr haben, lassen sich nicht leicht manipulieren. Sie schauen sich Auge in Auge und nicht von unten nach oben oder von oben nach unten. Angstfreie Menschen schaffen automatisch eine solidarische Gemeinschaft auf gleicher Augenhöhe. Das ist gefährlich für vorhandene Strukturen, die auf Machtausübung fußt. Freie Menschen, die aufrecht gehen, so wie sie sich Gott gedacht hat als ein Ebenbild, sind gefährlich! Klammernde Hände haben Angst zu fallen. Sie fürchten sich vor der Macht der Schwerkraft und sehen nur den einen Ast, an dem sie sich halten.  Das ist auch der Grund, warum sich die Kirche solange schwer tat, und immer noch tut, mit dem Heiligen Geist.

 

Dabei ist es ja der Abba, der liebende Vater, der uns hält, aus dessen Atem wir leben, aus dessen Liebesglut wir erwärmt werden, aus dessen tiefen Vertrauen in uns er uns fliegen lässt in die Freiheit. Der Heilige Geist weht über Vorurteile, verbrennt Pfründe und Gewohnheiten, ist immer und überall da, wie ein Vogel, wenn wir ihm den nötigen Lebensraum lassen. Vielleicht müssen wir die Kirche gar nicht verlassen, um wieder in sie hinein zu gehen.

 

Vielleicht ist Alltag und Glaubensakt eine Einheit, jede Sekunde, jeder Augenblick.