II 40me* ÜBER LIEBE

II 40me* ÜBER LIEBE

Nachsinnen schadet nicht: Wir haben oft genug Gedanken ueber Liebe. Die geschlechtliche Kraft ist eine der stärksten Triebfedern der Menschheit. Die Frage ist, wie man richtig mit dieser Kraft umgeht.  Der russische Philosoph Wladimir Solowjew sprach aus, was auch heute noch ziemlich modern klingt: Die „Kraft, die den Egoismus von unten her an seiner Wurzel einreißen kann“, so formulierte er, ist… „die Liebe und hauptsächlich die geschlechtliche Liebe“. So jedenfalls der Philosoph in seinem Buch  „Der Sinn der Geschlechtsliebe“.  

 

Solowjew über Liebe

 

In diesem seinen Buch geht es dem russischen Philosophen Solowjew um die Einordnung dieser starken Kraft in unsere übrigen körperlichen und geistigen Bedürfnisse. Allerdings nicht als eine Art Gebrauchsanweisung für die Lebenspraxis sondern als eine grundsätzliche Notwendigkeit heraus, die zwar körperlichen Ursprungs ist, aber in Wirklichkeit einem höheren Prinzip gehorcht. Die Gedanken dieses Mannes sind auch heute noch interessant. Vielleicht kann ich mit einem längeren Zitat aus seinem Buch (Seite 216-217) gewissermaßen den Kern seiner Überlegungen darstellen. Dabei geht es ihm um nichts Geringeres als die Wahrheit: 

 

Damit aber das individuelle Wesen in der Wahrheit - der All-Einheit - seine Rechtfertigung und Bestätigung finde, genügt es nicht, dass es sich in der Wahrheit bloß bewusst wird - es muss auch in der Wahrheit sein; ursprünglich und unmittelbar aber ist der individuelle Mensch, wie auch das Tier, nicht in der Wahrheit. Er findet sich als ein abgesondertes Teilchen des Weltganzen und behauptet im Egoismus dieses sein Einzelsein als ein Ganzes für sich, er will alles sein, losgetrennt von allem - mithin außerhalb der Wahrheit....

 

Diese Feststellung erklärt gewissermaßen, dass der rigorose Egoismus irgendwie zur Natur des Menschen gehört. Die uns bekannten Gesetzlichkeiten in der Tierwelt, die wir gemeinhin als "Recht des Stärkeren" bezeichnen, sind bekannt. In der Bibel spricht man in diesem Zusammenhang von der "Erbsünde", ein Begriff, der für uns Heutige nicht sehr verständlich ist, aber sich vielleicht dadurch erklären lässt, dass wir doch eine Menge an Altlasten in unserem  Erbgut mit uns herumtragen.

 

Dazu habe ich noch eine Aussage, die uns vielleicht selbstverständlich erscheint. Überraschend dürfte für viele Menschen jedoch sein, von wem diese Sätze ausgesprochen worden sind. Ich zitiere aus der Tageszeitung vom 20.9.2018: "Die Sexualität, der Sex, ist ein Geschenk Gottes. Kein Tabu" sagte der 81 Jahre alte Pontifex [Anm.: nämlich Papst Franziskus] bei einer Audienz mit französischen Jugendlichen, wie der Vatikan am Dienstag mitteilte. Danke für diese klaren Worte.

 

Lange genug hat sich die Kirche bei diesem Thema zurückgehalten. Und das war falsch. Der Papst sagt ganz richtig, dass Sex (und natürlich  auch der dazugehörige geliebte Mensch) Geschenke Gottes sind, die wir getrost annehmen dürfen. Lassen Sie mich die Folgerungen aus diesem Satz in ein Bild bringen. Der, der uns diese Geschenk macht, sollte auch bei uns sein, wenn wir das ganz große Geschenk, den geliebten Menschen, "aus der Verpackung nehmen", hüllenlos anschauen und berühren.  Und auch dann, wenn wir die größtmögliche Nähe dieses "Du" erfahren, die uns überhaupt zuteil werden kann.

 

Jetzt kommt noch eine sehr wichtige Aussage. Johannes Paul II. hat sich in seinem Buch „Erziehung zur Liebe“ (Seewald-Verlag) zu dieser Thematik geäußert: „.. jeder Mensch ohne Ausnahme stimmt der Tatsache zu, dass nur und ausschließlich die Liebe den Trieb zu einem typisch menschlichen Erlebnis macht. Das soll nicht heißen, dass sie von dem Element der Sinnlichkeit und Begierde befreit, aber sie verankert das ganze Erlebnis in der geistigen Tiefe des Menschen.“ 

 

Der Mensch als Person lebt in einem Körper mit ganz konkretem geschlechtlichen Drang. Solowjew hat das recht deutlich gesagt, wir brauchen deshalb die Kräfte der Natur nicht schön zu reden. Weil sie in Wahrheit schön sind. Aber eben auch wild. Nun ist man heutzutage so weit, dass man die beiden menschlichen Seiten - die geistige und die "animalische"  - akzeptiert und keinesfalls gegeneinander ausspielt. Man sagt, dass es Aufgabe eines jeden Einzelnen sei, für sich den richtigen Weg zu finden. Das allerdings ist ein Prozess, der sich manchmal durch unser ganzes Leben zieht. Ich lasse jetzt noch einmal den Philosophen Professor Bartscherer zu Wort kommen. Er kann das etwas eleganter als ich ausdrücken, um was es geht.

 

Dr. Christoph Bartscherer: Formen der Liebe

 

Dieser Aufsatz ist erschienen in der Osterausgabe 2014 des Wochenendmagazins (Straubinger Tagblatt). Der Autor beschreibt zunächst sehr einfühlend, wie ein junger Mensch, der sich selbst als gar nicht liebenswert erachtet, einen Brief bekommt, in dem ihm ein Mädchen erklärt, dass sie sich in ihn verliebt hat. Und das verändert sein Leben. Macht es schön. Nun stellt der Autor die rhetorische Frage, was man aus dieser Geschichte lernen kann.

 

Zum Beispiel, dass Liebe etwas völlig Unerwartetes und Unverdientes sein kann, das blitzartig und abrupt in ein Leben einbricht. Wie Paulus in seiner Damaskusvision von Gottes Liebe vollkommen unvorbereitet überwältigt und ergriffen wurde, so kann auch jeder von uns von der Macht der Liebe urplötzlich überrascht und beglückt werden oder aber, dass Liebe eine Kraft ist, die man nicht gewaltsam erzwingen oder künstlich erzeugen kann, weil sie eine Gabe ist, die einem aus freien Stücken geschenkt wird, das große "Umsonst" (Eugen Biser), das man um keinen Preis der Welt käuflich erwerben oder sich durch Leistung erarbeiten kann.

 

Gedenkstein mit einem alt gewordenen Paar
Wo nur habe ich diesen Gedenkstein fotografiert?

 

Altwerden der Liebenden

 

Wenn es nun glückt, all das umzusetzen und wenn das Schicksal es dann zusätzlich auch noch gut meint, dann könnte es sein, dass man zumindest im Herbst des Lebens einen guten Platz in der Menschengemeinschaft gefunden hat. Wenn man nach einem erfüllten Leben  fragt, dann macht man das nicht so wie ein Buchhalter, der einen Sachverhalt Punkt für Punkt durchgehen muss.

 

Nein, das ist ein anderes Gebiet, eines mit Träumen und ganz viel Kreativem. Philosophen, Dichter, Maler haben sich mit immer wieder mit diesen Sehnsüchten befasst und letztlich gibt es manches, was nur durch Musik ausgedrückt werden kann. Wenn nun zwei Menschen im gemeinsamen Altwerden die Fülle des Lebens erfahren, dann ist es wohl mit das Schönste, was ein Paar als Geschenk erleben kann.


Und schließlich kann Liebe uns von Grund auf verwandeln und uns zu besseren und liebenswerteren Menschen machen. Sie kann dort, wo Selbstverachtung und Verzweiflung herrschen, Zuversicht und Vertrauen schenken und Missgunst und Aggression in weltgestaltende Aktivität umwandeln. Sie kann in etwas Unvollkommenem etwas Vollkommenes,  in etwas Unfertigem etwas Schönes sehen, weil sie das Unsichtbare hinter dem Augenschein wahrnimmt und so das Gute aus uns hervorholt. Wie heißt es im "Kleinen Prinzen" so treffend: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."  Dazu nur noch ein Satz: Jesus wusste mit Gewissheit um die beglückende Wirkung der Zärtlichkeit,und er ließ es auch zu, dass man ihn damit beschenkte.