III 0wki NACH OSTEN

III 0wki NACH OSTEN

Wir leben in einer sehr offenen Welt. Wenn wir die heutige Welt verstehen wollen, dann müssen wir den Blick nach Osten, auf die Menschen mit anderen Religionen richten. Derzeit ist es so, dass wegen des Priestermangels Menschen aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen und aushelfen, wenn der Ortspfarrer ausfällt. Sehr viele dieser Menschen kommen aus Indien. Auch als es darum ging, das Karmeliterkloster in Straubing mit neuem Leben zu erfüllen, kamen Angehörige dieses Ordens aus Indien. Anscheinend haben sie sich ganz gut eingelebt bei uns. Diese Menschen bilden lebendige Schnittstellen zwischen den Völkern und den Religionen. Ich denke, wir sollten die  Mystiker des Ostens bei unseren Betrachtungen nicht außer acht lassen.

 

Ich möchte im Folgenden auf weitere „Schnittstellen“ zwischen den Religionen zu sprechen kommen. Die Organisation „Missio“ erzählt von ihrer Arbeit. Es wird hervorgehoben, dass die Verkündigung über eine Gemeinsamkeit gehen sollte. Ein Beispiel: Es wird festgestellt, dass bei einer großen Bevölkerungsgruppe ein Opferkult zumindest in der Erinnerung fortbesteht, bei dem früher tatsächlich Menschen den Göttern dargebracht wurden. Wenn diese Opfer zwar jetzt nicht mehr real vollzogen werden, so ist doch bei den Menschen immer noch latent der Gedanke vorhanden, dass man hier den Göttern etwas vorenthalte. Diese Menschen fühlen sich nicht wohl.

 

Der Missionsgedanke knüpft nun daran an, dass die alten Traditionen sowohl bei uns als auch bei anderen Völkern immer noch eine gewisse Bedeutung haben. Dabei erinnern wir uns, dass auch in unserem Kulturkreis immer noch viele Christen an die alte aus dem Judentum stammende Tradition vom "Opferlamm" anknüpfen. Die neuere Theologie sieht den Kreuzestod Jesu nicht mehr als Opfer, weil Gottvater ein derartiges "Opfer" gar nicht verlangt hat. 

 

Wir werden ausgehen von der bekannten Aufgabe, die uns Christus gegeben hat. Ich zitiere, diesmal aus der Lutherbibel 1545: "19 Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matth 28:19-20) Zu diesem Wort braucht es eigentlich keinen Kommentar. Deutlich wird uns nahegelegt, unser Wissen über Gott, das uns Christus vermittelt hat, weiterzugeben. Schließlich hat Er dafür mit Seinem Leben bezahlt, dass Er uns dieses Wissen mitgeteilt hat. Also hat dieses Wissen große Bedeutung.

 

Nun steht man im missionarischen Dienst als Christ beispielsweise vor der Aufgabe, den Nicht-Christen glaubhaft zu vermitteln, dass Christus zwar "wie ein Opferlamm gestorben" ist, dass Sein Sterben aber eine neue Dimension hat, die über den etwas altertümlichen Opfergedanken weit hinausgeht. Fakt ist, dass Er mit Seinem Sterben Seine gesamten vorher gemachten Aussagen bestätigt, gewissermaßen "besiegelt" hat. Sein Tod war die logische Folge Seiner davor in den letzten zwei oder Jahren erfolgten Verkündigung der Wahrheit über Gott, die allerdings in vollem Kontrast zu dem stand, was die Pharisäer - nämlich die offiziellen Glaubenshüter -  als Lehre vorgeschrieben hatten. Jesus hat uns beispielsweise im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erklärt, dass Er auf seiten der Armen und Ausgebeuteten, der zu Unrecht Verurteilten und Getöteten Seinen Platz hat (und dass die "frommen Gesetzeslehrer") sich einen Dreck um den ausgeraubten und niedergeschlagenen Mitmenschen gekümmert hatten.) Das alles hatte natürlich bei den "Schriftgelehrten" einen gewaltigen Hass hervorgerufen.

 

Bemerkenswert ist, dass Christus nicht nur als Gott der Christen auftritt sondern als Gott aller Menschen, als Dominus Jesus. Eine ganz große Schnittstelle! Im Übrigen hat Er ja gesagt, dass Er - und nur Er allein - der Weg zum Vater ist. Nun kommen wir zu einer weiteren - sozusagen kleineren - „Schnittstelle“. Ich möchte Ihnen der indischen Theologen Painadath vorstellen. Das ist einer, der eine Brücke zwischen östlicher Weisheit und westlicher Theologie gebaut hat. 

 

Painadath - ein Brückenbauer

 

Hier werde ich einen Text zeigen, den ich der „Weltkirche“ entnommen habe. Allerdings ist zu erkennen, dass die Amtskirche sich nicht in der Rolle eines "Türöffners" erkennt, sondern eher als ängstlichen "Glaubenshüter", der die weltweite Kirche Christi noch nicht so ganz akzeptieren kann, sondern die Kirche eher als einengend auf bestimmte Menschengruppen - gewissermaßen als formales Lehrgebäude - ansieht. Bei einem solchen Selbstverständlich sind natürlich einzuhaltende Rituale und von Menschen festgelegte Dogmen von großer Bedeutung. Lesen Sie selbst, was ein Wissenschaftler über die Beurteilung derartiger Bestrebungen durch die Amts-Kirche sagt:

 

Die Übernahme von Elementen aus asiatischen Religionen in die christliche Spiritualität wurde von der römischen Zentrale in der Vergangenheit mehrfach kritisiert. So veröffentlichte die Glaubenskongregation 1990 ein Dokument, in dem die Faszination für Formen asiatischer Spiritualität und Meditation seitens Christen im Westen gerügt und vor den nichtchristlichen östlichen Methoden der Meditation innewohnenden Gefahren für den christlichen Glauben gewarnt wird. Zugleich wird in dem Dokument betont, dass die christliche Tradition an eigenständigen Formen von Spiritualität reich ist und keiner Befruchtung von außen bedarf. 1998, elf Jahre nach seinem Tod, [also von Painadath - Anmerkung von M. K.] wurde, wieder von der Glaubenskongregation, vor den Schriften des indischen Jesuiten und geistlichen Lehrers Anthony de Mello SJ (1937–1987) gewarnt, da einige seiner Aussagen zu Spiritualität und Meditation mit dem Glauben der Kirche unvereinbar seien und daher großen Schaden anrichten könnten.

 

Übrigens: Weltkirche ist nicht nur ein Titel. Weltkirche ist auch das, was Missio sein will: Die Kirche für alle. So wie Jesus "für alle" gestorben ist und "für alle" da sein will. Weltkirche - das ist das, was alle Religionen umschließt und vereint, was sich verlaufen hat. Weltkirche, das ist das, was uns alle verbindet: Ein Konzept der Liebe. Das Konzept Jesu dürfte dahinter stehen.

 

Das zwei Jahre später im August 2000 – auch von der Glaubenskongregation – veröffentlichte Dokument »Dominus Jesus«, in dem den nichtchristlichen Religionen unter anderem abgesprochen wurde, einen theologisch relevanten Glauben zu haben, wurde in den asiatischen Kirchen und vor allem in Indien als eine herbe Enttäuschung erlebt. In einem Beitrag drückte Sebastian Painadath seine Betroffenheit und Trauer darüber aus, dass durch solche Papiere der römischen Zentrale »die Fenster zugemacht werden, die das Zweite Vatikanische Konzil geöffnet hat«. Besonders bedauerte er, dass durch die andere Religionen abwertenden Äußerungen das über Jahre aufgebaute Gesprächs- und Vertrauensverhältnis mit Hindus und Muslimen ernsthaft beschädigt werde.

Das Christentum solle sich als Mitpilger auf einem gemeinsamen geistigen Pilgerweg mit den Schwestern und Brüdern in den anderen Religionen verstehen. So hat Sebastian Painadath jedenfalls das Signal verstanden, das von dem von Johannes Paul II. 1986 in Assisi abgehaltenen Gebetstreffen mit Angehörigen der anderen Religionen ausgegangen ist.

 

Diesen Blick auf das östliche Denken möchte ich noch etwas erweitern. Ich habe den Gedanken an der Superorganismus "Menschheit" immer noch nicht aufgeben. Und wenn ich mir vorstelle, dass die Menschen des Ostens in ihren religiösen Vorstellungen der unsrigen gar nicht so fern stehen, dann frage ich mich, ob wir für die Bildung des "Hyperorganismus Menschheit" diese freundlichen und entgegenkommenden Leute in diesen Ländern nicht als erste  fragen sollten, ob sie sich nicht dazu entschließen könnten, sich mit uns zu einer Gemeinschaft des Friedens zusammenzutun. Die Entwicklung wird möglicherweise in diese Richtung verlaufen, denn irgendwie gibt es da eine Seelenverwandtschaft. Warten wir es ab. Oder noch besser: Strecken wir unsere Arme und Hände in Richtung Osten aus. Wir werden Menschen finden, die uns entgegenkommen.

 

Was sind die Einwände gegen die östliche oder asiatische Spiritualität? In erster Linie geht es darum, dass in östlichen Traditionen große Zurückhaltung herrscht, Gott, die letzte Wirklichkeit oder den Grund unseres Seins in Begrifflichkeit zu fassen oder die Kategorie der Person zu verwenden. Dies geschieht nicht aus Unsicherheit, ob es diese Wirklichkeit auch gibt, sondern aus Ehrfurcht vor dem letzten Geheimnis, in das einzudringen den Menschen verwehrt ist oder nur möglich ist in dem Maß, in dem ihm die Augen dafür geöffnet werden. Daher ist die Haltung des Schweigens vor dem Geheimnis eine bevorzugte Gebets- oder Meditationshaltung in den östlichen Traditionen. In den Augen der Hüter der Wahrheit lauert hier die Gefahr des Pantheismus. Aber es geht nicht um die Leugnung der Personalität Gottes, sondern es geht um eine andere Form des Zugangs zu der damit gemeinten Wirklichkeit und ist zugleich Ausdruck der Achtung vor der Andersartigkeit dieser letzten Existenz, der wir uns nur in analoger Weise nähern können.

 

Dieses Zitat des Missionswissenschaftlers Georg Evers finden Sie in der Zeitschrift „Forum Weltkirche“. Üblicherweise findet man im Internet Artikel von Zeitschriften aus früherer Zeit. Hier ist der Link.

 

 

              https://www.forum-weltkirche.de/de/personen/13760.sebastian-painadath-sj.html

 

Sie brauchen aber gar nicht versuchen, diesen Link aufzuschlagen, denn Sie bekommen wahrscheinlich die folgende Fehlermeldung.

Das bedeutet, die Seite mit dem genannten Artikel von Georg Evers, der zur Gemeinsamkeit der Religionen aufruft, ist aus der veröffentlichten Literatur verschwunden. Seltsamerweise hat man die Seite seit einem Dreivierteljahr nicht wieder neu eingestellt. Dazu gibt es den eigenartigen Kommentar: „Papst Franziskus mag unsere Website dennoch weiterhin.“ Sie können dann noch versuchen, über die "Suchseite" Herrn Painadath zu finden. Ich habe ihn jedenfalls nicht finden können. Missio Aachen (nicht zu verwechseln mit Missio München) und der Herder-Verlag - beide für "Forum Weltkirche" zuständig, haben den Brückenbauer anscheinend in der Versenkung verschwinden lassen, genauer gesagt, den kritischen Artikel des Missionswissenschaftlers Georg Evers. Können Sie sich darauf einen Reim machen? Vielleicht schon, wenn man weiß, dass die ewig Gestrigen im Vatikan Herrn Paidanath mit seinen Ansichten gar nicht so sehr im Vordergrund wissen wollen. Oder wissen Sie vielleicht eine andere Erklärung für dieses Phänomen des Verschwindens? Auf jeden Fall finde ich das alles sehr enttäuschend und ich fürchte, dass fortschrittliches Denken von manchen Leuten gar nicht gern gesehen wird. Das sind wohl die Gleichen, die sich auch gar nicht für den Synodalen Weg begeistern können. Dabei wären beide Initiativen ganz wichtig für die Kirche. 

 

Die Abgründe zwischen den Religionen sind die Produkte unserer eigenen Angst. Ich denke, der Gott aller Menschen sieht das alles gelassener. Schließlich hat Er diese „Auseinandersetzung“ mit der Welt als Einer von uns lange vor uns auf sich genommen. Und - gehen wir noch weiter zurück - uns Menschen nicht als uniform Glaubende sondern als Suchende - und jeden als Unikat - erschaffen. In diesem Zusammenhang ist ein Zitat von Bedeutung, das ich zwar nicht zuordnen kann, aber irgendwann gehört habe: Auf die Frage, wie viele Wege zu Gott es geben würde, antwortete ein gescheiter Mensch sinngemäß: "Genau so viele, wie es Menschen gibt."

 

Bei unseren Betrachtungen kommen wir nicht vorbei am indischen Philosophen Aurobindo. Der ist für uns heute deshalb so interessant, weil er die Welt als Schöpfung ansieht, aus der sich Gott nicht zurückgezogen hat. Welt und Gott stünden vielmehr in einem wechselseitigen Beziehungsspiel, in dem Gott zwar absolut und allmächtig bleibe, aber seine göttlichen Qualitäten jederzeit in jedem Menschen aufscheinen lasse: die Freiheit, die Liebe, den Aufstieg ins Transzendente.

 

So formuliert Prof. Dr. Martin Balle in einem Artikel im Magazin zum Wochenende vom 16.6.2018 (Straubinger Tagblatt). In diesem Artikel „Die Vergegenwärtigung des Kosmos“ wird über ein Buch von Prof. Dr. Rager berichtet, das von den Gemeinsamkeiten erzählt, die zwischen Christentum und fernöstlichem Denken zu finden sind. Sie können erkennen, dass Prof. Rager wiederum eine Schnittstelle zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei Religionen aufgemacht hat. Ich jedenfalls sehe das so. Und die Schnittstelle ist Christus Jesus. Als Messias, als Botschafter Gottes, der für   b e i d e   Seiten zuständig ist. Schließlich sollten wir auch noch auf die anderen Buchreligionen schauen. Immerhin haben wir gemeinsame Ahnen.

 

Sri Aurobindo

 

Gern möchte ich Sie mit den Ideen dieses Philosophen bekannt machen. Dazu greife ich auf ein Buch von Prof. Rager zurück, das erst 2018 erschienen ist: „Sri Aurobindo - Philosophie der Person“. Hinter der Buchidee steckt der Gedanke, dass es sehr wichtig ist, die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen und Kulturen herauszuarbeiten, damit die Menschheitsfamilie - so interpretiere ich den Autor - irgendwie zusammenwachsen kann. Denn nur so können die vielen Herausforderungen unserer bewegten Zeit aufgearbeitet werden.

 

So viel lässt uns die politische Wirklichkeit bereits erkennen, dass die meisten gut gemeinten Maßnahmen der Politiker immer wieder viel zu kurz greifen. Die Besinnung auf eine christliche Haltung ist gut und richtig, man kann sie aber nicht einfordern, weil die aktuellen Probleme vielfach auf Menschen treffen, denen die christlichen Überlegungen fremd sind. Dem Theologen Hans Küng verdanken wir den Begriff „Weltethos“. Damit ist ein Verhalten gemeint, dass die Weltfamilie einigen könnte (sollte). Es ist als Ansatz für die notwendige gemeinsame Basis in der Weltpolitik zu sehen. Ähnlich muss man wohl das Buch von Prof. Rager als einen Vorstoß in Richtung Gemeinsamkeit  verstehen. Noch vor den eigentlichen Ausführungen findet sich bei der Vorstellung des indischen Philosophen die bemerkenswerten folgenden Sätze:

 

„Durch seine gründliche Kenntnis der westlichen Literatur und Kultur einerseits und der philosophischen und spirituellen Tradition Indiens andererseits ist er zum hervorragenden Vermittler zwischen westlichem und indischen Denken geworden.“

 

Prof. Rager kommt auf den Personenbegriff zu sprechen, der bei Aurobindo ebenso wie in unserer Kultur eine wichtige Rolle spielt und eng mit dem Begriff von Bewusstsein verknüpft ist. Dies alles wird der Autor im weiteren Verlauf im Buch analysieren. Nur noch einen Satz des Autors, der auf interessante Beziehungen verweist: Der integrale Yoga von Sri Aurobindo lässt viele Gemeinsamkeiten mit der christlichen Mystik erkennen.  Ich kann den Inhalt des Buches auch nicht ansatzweise wiedergeben, möchte Ihnen aber wenigstens die Schlussgedanken des Verfassers darstellen:

 

In der Genesis (XIV, 18-20) wird berichtet, wie Abraham, der von Gott auserwählt war, den Segen von Melchisedech empfängt, „einem Priester des höchsten Gottes“, aber nicht aus dem jüdischen Volke. Christus Jesus ist nicht nur Jude, sondern zugleich „Priester nach der Ordnung des Melchisedech“ (Hebr. V.10). Diese Tatsache ist wegweisend. Unsere jetzige Form des Christseins braucht den geistigen Zuwachs durch die „Nicht-Christen“; unsere europäische Philosophie ist angewiesen auf die Kommunikation mit dem Wahrheitssuchen der anderen Völker; denn die Wahrheit ist eine und allumfassend.  

 

Es lässt sich sehr wohl erkennen, dass Prof. Rager die Vision einer Völkergemeinschaft - und vielleicht noch mehr - vor Augen hat. Zwar lässt die momentane politische Lage noch nichts von alledem erkennen. Aber Zielvorstellungen sind da. Politiker können das übernehmen und Wege suchen für eine Realisierung. Formuliert und vorgelebt von Christus. Und zwar nicht nur für Christen, sondern eben als „Weltethos“. Begründung: Weil Er uns   a l l e    liebt. Hervorgehoben habe ich das Zitat des inzwischen verstorbenen Prof. Dr. Raymundo Panikkar, der mit Herrn Rager befreundet war. Der Name dieses Mannes lässt erkennen, dass er aus einem uns eher fremden Kulturkreis kommt. Er sagt mit anderen Worten, was Jesus selbst so ausgedrückt hat:

 

     „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

 

Panikkar - Christ und Philosoph des Ostens

 

Das Pannikar-Zitat aus dem Buch von Prof. Rager lässt uns aufhorchen. Ist da etwas in Gange, von dem wir nichts wissen? Noch nichts wissen? Christus für die Anhänger anderer Religionen? Hatten wir nicht immer gemeint, Er käme wieder, um  u n s,  Seine Anhänger, zu sich zu führen? Wir hatten doch schon immer - als Kinder schon - vernommen, was Er seinerzeit im Heiligen Land gesagt hat? Und versucht, danach zu handeln? Sind wir nicht durch die Taufe und die anderen Sakramente diejenigen, die eine Menge an Voraussetzungen mitbringen, um uns von Ihm zu Kindern Gottes machen zu lassen? Sicherlich ja, aber dann sollten wir auch wissen, dass Er von allen gesprochen hat, die Er an sich ziehen will. Wir müssen also eine Gemeinschaft werden.

 

Und da ergeht wohl der Aufruf an uns, mit den „Anderen“ eins zu werden. Pannikar sucht diesen gemeinsamen Weg. Das folgende Zitat ist aus dem Buch "Christophanie"  (S.22) von Herrn Panikkar: Da ich ... mir der Verantwortung der Religionen bewusst bin, ersuche ich seit vielen Jahren um ein Zweites Konzil von Jerusalem (ganz gleich, wo der Sitz wäre), das außer den Christen auch die Vertreter der anderen Traditionen der Menschheit einschließen sollte.

Das Konzil, das sich Professor Pannikar zu seinen Lebzeiten gewünscht hatte, müsste sich folgenden Themen widmen:
„- Die internen Probleme jeder Kultur der Menschheit (historische Konkretisierung).
- Kollektiver Dialog über die verschiedenen ... Anschauungen (menschliches Zusammenleben).
- Die Harmonie mit der Natur ...(kosmische Brüderlichkeit).
-Die menschliche Verantwortung gegenüber einer (mystischen) Wirklichkeit...“

 

Diesen Gedanken finde ich aufregend. Und ich denke, diese Idee von einem Konzil, das die Religionen übergreift, sollten wir nicht einfach beiseitelegen. Der Papst hat übrigens in Rom schon einmal gemeinsam mit hohen Würdenträgern der Muslime und der Juden gebetet. Die Herren haben sich umarmt, weil sie gespürt haben, dass es nur diese eine gemeinsame Richtung gibt.

 

 * „...der Vergöttlichung des Menschen entspricht die Menschwerdung Gottes. Christus ist sowohl die Offenbarung Gottes (im Menschen) als auch die Offenbarung des Menschen (in Gott). Der Abgrund zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen reduziert sich in Christus auf Null, und in uns verwandelt er sich in die Hoffnung, das andere Ufer zu erreichen. Im Offertorium der Messe symbolisiert die Verbindung des Wassers und des Weines die Teilnahme unserer Menschlichkeit an der Göttlichkeit Christi.

 

Dieses Geschehen beinhaltet auch den Schlüssel für die zu verwirklichende Menschengemeinschaft. Über den einzuschlagenden Weg hat Professor Panikkar - vielleicht ein Leben lang? - nachgedacht. Er wünscht sich so etwas wie einen Wachstumsprozess, in welchem das vorgeschlagene Konzil wohl einen guten Start abgeben würde. Aber vielleicht ist der Prozess schon längst über den Start hinaus? Denken Sie an die gemeinsamen Friedensgebete in Assisi. Auf jeden Fall äußert sich H. Panikkar über dieses „Wachsen“ in einem anderen Buch „Der neue religiöse Weg“. Auf Seite 145 heißt es dann:

 

Im Wachstum gibt es Freiheit. Vielleicht zeigt sich die Freiheit nirgendwo deutlicher und herrlicher als hier im Bewusstsein der religiösen Person, die entdeckt, dass er oder sie der Mitschöpfer, -erbauer und -gestalter nicht nur seines oder ihres eigenen Lebens ist, sondern des Lebens des ganzen Kosmos: Der Mensch ist der Künstler des mystischen Leibes, der frei handelnde, der sich selber und die Welt diesen oder jenen Weg führen kann, der die Geschichte in diese oder jene Richtung lenken kann. Was ist faszinierender als die religiöse Existenz, sieht und lebt man sie aus dieser dynamischen Perspektive heraus?

 

Das Gesagte hat Allgemeingültigkeit, trifft es doch für viele unserer Entscheidungen zu. Doch im religiösen Bereich erscheint diese Entwicklung von „Einheit in Verschiedenheit“ ganz besonders dringlich. Im Übrigen möchte Professor Panikkar - so habe ich ihn verstanden - auf keinen Fall eine theologisch- wissenschaftliche Diskussion ohne Blick auf die aktuellen Probleme dieser unserer Welt, also will er - und da muss man ihm unbedingt beipflichten - eine geistige Auseinandersetzung, die die Armutsproblematik, die Ressourcenknappheit und damit wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigt.


Eigentlich müsste das alles selbstverständlich sein. Es sollte Aufgabe jeglichen politischen Handelns sein, wenn wir die Aussagen von Christus wirklich ernst nehmen. Hat Er nicht gesagt, dass Er für  a l l e   gekommen ist? Damit sie - nämlich alle! - das Leben haben! Und da scheinen wir gerufen zu sein, aus unserer bequemen Rolle als Konsumenten auszusteigen - das ist nämlich eine Rolle, in die uns die Industrie hineinlanciert hat. Unser Handeln sollte keine Reaktion auf die Angebote der Wirtschaftsriesen sein, sondern selbständiges Tun. Doch es wird uns noch ein Weiteres vorgegaukelt, dass wir keine Möglichkeit hätten, in die Maschinerie, die uns alles Mögliche verspricht, was sie nicht halten kann, einzugreifen.

 

Der von Christus begonnene und uns empfohlene Weg, der die Einheit aller Menschen zum Ziel hat, ist nicht so ganz einfach. Es ist ja nicht so, dass wir einfach in irgendwelchen internationalen Gremien beschließen: „Jetzt gehen wir die Einheit der Menschheit an.“ Und alle übrigen, die nicht in diesem Gremium sitzen (wollen), sollen plötzlich ihre Waffen wegwerfen und volle Begeisterung verkünden. Nein, so einfach ist das - wie das unsere Geschichte und auch unsere Tagespolitik zeigt - wirklich nicht. Trotzdem wird es verlangt. H. Panikkar lässt uns wissen, dass diese Völkergemeinschaft als Gemeinschaft der Anhänger Christi zu verwirklichen ist, denn das Werden der Völkergemeinschaft - des Gottesreiches - ist Sein Plan und Seine Idee. Und für diese Idee hat Er letztlich Sein Leben gegeben.

 

Herr Panikkar berührt in seinem Buch „Christophanie“ einen Vorgang, der uns nur schwer verständlich ist: Warum musste Christus auf die Welt kommen und warum musste Er auch noch einen so grimmigen Tod erleiden? Hätte der Gott, Dem alle Macht gehört, das nicht einfacher machen können? Für Seinen Sohn und auch für uns? Sicherlich hätte Er das. Aber Er wollte das wohl nicht, denn problemlos hätte es sich der junge Mann aus Nazareth ganz bequem auf dieser Welt einrichten können. Doch wenn schon der Widersacher dem erwachsenen Jesus nach dem Tauferlebnis so einen „guten Job“ angeboten hat, dann war da wohl etwas faul an diesem Angebot. Ja, das Angebot des Widersachers ist schon beinahe ein Indiz dafür, dass der Plan Gottes auf diese Weise zunichte gemacht werden sollte. Was Christus für uns wollte, das macht uns Panikkar deutlich. 

Der Philosoph erklärt auf Seite 35 seines Buches „Christophanie“, dass mit der Vermenschlichung des Gottessohns ein zweiter Vorgang unlösbar verknüpft ist: die Erhebung des Menschen in die Nähe Gottes. Beide Prozesse stehen in Zusammenhang.

 

Herr Panikkar wollte seine Philosophie übrigens immer in Zusammenhang mit den tatsächlichen politischen Ereignissen in der Welt sehen. Er wollte keineswegs ein Lehrgebäude, das „über den Dingen“ steht. Deswegen fordert er die Einmischung in das politische und wirtschaftliche Geschehen. Und diese Möglichkeiten der Einflussnahme haben wir. Sogar in einem enormen Maß. Aber nur, wenn wir diese Chance auch erkennen und wahrnehmen! Und bei dem Versuch, Veränderung zu erreichen, werden wir spüren, dass das funktioniert. Ein Negativbeispiel aus der Literatur finden wir bei Kafka: Der Held seiner Erzählung steht ein Leben lang vor einer Tür, weiß aber nicht, ob er durch diese Tür hindurchgehen soll oder darf. In dem Moment, als er meint, endlich eine Entscheidung getroffen zu haben, kommt ein Türhüter und verschließt diese Tür. Er erklärt, dass diese Tür für ihn, den Unentschlossenen, bis jetzt geöffnet war, nun aber - vielleicht denkt man jetzt an den Tod - für immer verschlossen wird.
 
Noch etwas hat Herr Panikkar recht schön herausgestellt: Man findet nicht zu Jesus, wenn man über Ihn diskutiert. Man muss es einfach wagen, sich auf Ihn und Seine Aufforderungen einzulassen. Die sind nicht so hoch, dass man sich davor drücken müsste. Es geht dem Autor darum, zu zeigen, dass man mittun muss, um dann die überraschende Erfahrung zu machen: Das geht und nicht einmal schlecht. H. Panikkar setzt da auf eine Aussage Jesu. Als man den Herrn nach Seiner Herkunft und nach allem Möglichen anderen fragte, da sagte Er nur: "Kommt und seht!“ Das ist eine Einladung, die auch an uns gerichtet ist. Diesen Punkt hatte ich übrigens auch früher schon einmal angesprochen.

 

Nehmen wir einfach einmal die Aufforderung zur Gemeinschaft mit anderen Menschen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das kennen wir. Kennen es so gut, dass wir es nicht mehr hören oder gar mitdenken. Wenn wir das versuchen, dann erkennen wir, dass hinter dieser schlichten - um nicht zu sagen: abgedroschenen - Aufforderung etwas anderes steht: Nämlich ein ganz neues Bewusstsein: Ich könnte mich nun anders definieren. Nicht mehr als Mensch unter anderen Menschen, sondern als Teil einer ganz großen Gemeinschaft, man könnte auch sagen, als ein Teil des  „Superorganismus Menschheit“. Dadurch würde meine Persönlichkeit nicht aufgehoben, sondern in ein Größeres sinnvoll eingeflochten. Und diese Einordnung vollziehe ich selbst und vor allem auf eigene Initiative. Und ich gebe dabei nichts ab an Rechten, über die ich bis dato verfügte und eben auch weiterhin verfüge. Ich arbeite mit am Bau eines Gefüges, das ich in seiner künftigen Form zumindest als ein Modell für das uns verheißene Reich Gottes erkennen kann. Unnötig ist es wohl, zu betonen, dass diese Aufgabe nur dann gelingen kann, wenn - nachdem einmal Strukturen aufgebaut worden sind - diese sich länderübergreifend zusammenfinden. Ist da nicht etwas, das uns an das zusammenwachsende Europa erinnert? Der Philosoph Panikkar hat in einem seiner Bücher dargelegt, dass man sich eine menschliche Gemeinschaft wie ein geknüpftes Netz vorstellen könnte. Dabei geht er davon aus, dass sich der einzelne Mensch erst in der Gemeinschaft entfalten kann. Auf dieses Denkmodell werde ich in DAS SIND WIR  WIR MENSCHEN  Netzwerk ausführlich eingehen.

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Pater Saju

 

Pater Saju möchte die indische Tanzkunst mit der christlichen Religion verbinden. Dieser Mut zu neuen Wegen ist beeindruckend.
Das ist Pater Saju, der Priester, der tanzt.

Hier habe ich das Bild des indischen Tempeltänzers Pater Saju. Der Tänzer ist katholischer Priester und betreibt in Indien eine Begegnungsstätte. Auch er ist ein Vermittler zwischen verschiedenen Welten und Kulturen. Wir stellen ein rhetorische Frage: Wie sieht sich Pater Saju in dieser Rolle als Mittler zwischen den Kulturen und Religionen?

 

Die, die kommen und sich meine Aufführungen ansehen, verstehen, was ich durch Tanzen ausdrücke. Der Tanz umfasst Körper und Seele, er ist eine Form des Gebetes. Die Seele kann sich im Tanz mit dem Allumfassenden vereinigen.

 

Diese seine Worte habe ich dem Missio-Magazin Nov./Dez. 6/12 entnommen. Noch ein Wort zu Herrn Saju. Das ist keiner, der abgehoben irgendwo „in höheren Regionen“ lebt, wie man das vielleicht erwarten würde. Zumindest nicht bis zu dem Jahr, in dem der Artikel im Missio Magazin erschienen ist. Und er ist einer, der die Verkündigung lebt.

 

 

 


Weiter wird nämlich in dem genannten Magazin über Saju folgendes berichtet:

 

In fünf bis zehn Jahren soll es [nämlich das Ashram] Teil des renommierten St. Xavier´s College in Kolkata sein. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg: Heute muss Pater Saju sich erst einmal darum kümmern, die Fischteiche zu leeren und den Fang im Morgengrauen auf dem Fischmarkt verkaufen...

 

Diese Sätze bestätigen, was wir schon lange wissen: In der realen Welt, im Geschehen des Tages, in der Verbindung zu den Mitmenschen ist das wirkliche Leben. Solche Leute lassen sich - genau wie Papst Franziskus - nicht von Spitzfindigkeiten mancher „Gelehrter“ von ihrem Weg abbringen.

 

  Francis D‘Sa

 

Es gibt noch mehr indische Philosophen und Theologen, die ähnliche Überlegungen anstellen. Da ist der „Grenzgänger“ Francis d`Sa. Ich lasse Sie jetzt gleich lesen, wie dieser Theologe denkt. Universal. Ich möchte Ihnen einen Abschnitt aus einem Artikel der Zeitschrift Weltkirche „vorlesen“. Francis D‘Sa hat sein Weltbild in verschiedenen Veröffentlichungen dargestellt. Der Ausschnitt lädt dazu ein, noch mehr über ihn zu lesen.

 

In einem Beitrag zur pluralistischen Theologie der Religionen hat er [Anm.: nämlich D‘Sa] einen fiktiven Dialog zwischen dem Apostel Paulus, dem Missionar Franz Xaver und dem, wie er sich selbst beschreibt, »christlich-hinduistischen D’Sa« beschrieben, womit er auf die doppelte Loyalität anspielt, der er sich verpflichtet fühlt, das christliche und hinduistische Element seiner Identität in einem ständigen Dialog zu halten. Das Stichwort Dialog durchzieht viele seiner Veröffentlichungen. Francis D’Sa ist kein Freund einer Theologie, die in erster Linie auf Dogmen setzt. Auch Riten sind ihm suspekt. Im Dialog unter Mitgliedern verschiedener Religionen sollte es daher in erster Linie um den »Austausch heiliger Geschichten« gehen, die erzählt und mitgeteilt werden müssen, damit der jeweils andere sie »hören« kann. Francis D‘Sa geht es:

 

„Nicht um den kleinen Christus des populären Christentums,

sondern um den universalen Christus.“

 

Es steht mir als theologischem Laien nicht zu, ein Urteil über die Veröffentlichungen dieses Mannes zu fällen. Noch dazu, wo ich tatsächlich keinen wirklichen Einblick in sein Schaffen habe. Allerdings finde ich den Gedanken, dass Christus alle Menschen liebevoll anblickt, sehr tröstlich. Wenn eine Religion von sich sagt, dass sie allein den Weg zu Gott kennt, dann macht mich diese Aussage skeptisch. Wenn ich aber weiß, dass Christus sich allen Menschen zuwendet, dann macht mich das frei von Überheblichkeit.

 

Das Bodenseekreuz zeigt das liebevolle und konsequente Verhalten Jesu gegenüber den Mitgekreuzigten. Es ist für uns als Lehrstück zu verstehen.
Das Bodenseekreuz auf der Insel Mainau

 

Das Bild vom Bodenseekreuz an dem Gewässer, das Menschen verschiedener Länder verbindet ohne sie miteinander zu verschmelzen, hält eine wichtige Aussage bereit, die das vorhergehende Kapitel ergänzt:

 

Wer auf Jesus blickt, den schaut der Herr an und vergibt die Sünden. „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“

 

Auch in dieser Ausnahmesituation hat Christus vor Seinem Geschenk des Lebens nicht nach der Religion dieses Sünders oder dessen Schuld gefragt.  Wer Ihn aber lästert und die von Jesus angebotene Freundschaft ausschlägt, schneidet sich selbst vom Leben ab.

 

Der Künstler hat das Verhalten der beiden Mitgekreuzigten eindeutig dargestellt. Mich würde es nicht wundern, wenn der Schächer, den wir an Christus rechter Seite sehen, die Gesichtszüge des Künstlers tragen würde.