III 20ma OHNE MORAL
Doppelmoral? Das lehnen wir ab. Selbstverständlich. Doch bevor wir lautstark so eine Aussage machen, sollten wir doch mal einen Moment überlegen und und die Frage stellen, ob wir nicht selbst schon mal auf die Versuchung zur Doppelmoral hereingefallen sind. Denn mit der Verurteilung der Anderen sind wir schnell bei der Hand. Ich glaube nicht, dass ich von diesem Fehler frei bin. Dazu ist das Leben einfach zu vielgestaltig und ich denke, man muss immer wieder ganz genau überlegen, ob man nicht je nach Lage der Dinge mal so und mal anders spricht. Das wäre der Maßstab und - wie immer im Leben - die Grenzen sind fließend. Gute Richter im Amt wissen das und sind in der Lage, ein weises Urteil zu sprechen, das einem Angeklagten hilft, einen guten Weg zu finden. Ganz vorsichtig formulierte und anscheinend provokative Frage: Vielleicht gehört so etwas wie ein "Denken in verschiedenen Kategorien" als Ausdruck einer hoch entwickelten Denkweise zu dem, was uns Menschen ausmacht? Kommt anscheinend darauf an, wie man diese Fähigkeiten nutzt: Zur Unterdrückung anderer oder vielleicht sogar zu mehr Einfühlungsvermögen.
Zunächst einmal zu dem, was uns alle erschüttert. Die katholische Kirche ist im Jahre 2021 so tief in eine Krise gerutscht, dass es vielleicht sogar zu einem Wendepunkt kommen könnte. Eine Reihe von Klerikern ist der Versuchung der Doppelmoral unterlegen und hat mit einem unsäglich schlimmen kriminellen Verhalten - als Missbrauchstäter - unschuldigen Menschen und der Kirche einen großen Schaden zugefügt. Das ist ein Beispiel für Doppelmoral einer ganzen Clique von Verbrechern als systematisches Vergehen an Unschuldigen. Andere Kirchenmänner haben gemeint, es könnte gut sein, diese Verbrechen zu vertuschen - und dabei alles nur noch schlimmer gemacht. Die endgültige Aufarbeitung der Missbrauchsskandale wird wohl mindestens noch eine Generation dauern. Also so lange, bis keiner von den Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden kann.
Nun sollten wir uns vor Augen führen, was so alles im Geschäftsleben passiert. Hoch angesehene Leute beteiligen sich an einem Unternehmen aus und erfahren wenige Zeit später, dass gewiefte
Schwindler genau dieses Unternehmen an den Abgrund geführt haben. Dabei waren doch die Aussichten so gut und die Geschäftsbilanzen so überzeugend. Hat man da nicht allzu gern an den Erfolg
geglaubt? Die Menschen, die das Unternehmen in die Insolvenz gebracht hatten und jetzt ihren Gerichtsprozess bekommen, zeigten nach außen Ehrlichkeit und waren genau das nicht. Ihre Doppelmoral
hat anderen Gutgläubigen eine Menge an schweren wirtschaftlichen Schäden eingebrockt. Doppelmoral in krasser und inzwischen für jedermann
erkennbarer Form. Das ist meine persönliche Einschätzung des Falles "wirecard".
Doppelmoral, bei der es oft gelingt, die wahren Absichten zumindest eine Zeitlang zu verbergen. Eine Masche gerissener unehrlicher Firmen. Davon versteht man etwas in der Wirtschaft. Anleger oder Kunden werden über die wahren Absichten und Arbeitsweisen eines Konzerns im Unklaren gelassen. Unter der Überschrift "nachhaltig" verbergen sich manchmal nämlich unlautere Absichten. Es wird im großen Stil gelogen. Denken Sie an die Konzerne, die unsere Regenwälder oder die Lebensgrundlagen fremder Völker vernichten und große Gewinne mit dem Anbau von Früchten machen, die sich in reichen Ländern gut verkaufen lassen. Es ist ja so, dass in jedem zweiten Artikel, der Ihnen im Supermarkt angeboten wird, Palmöl verarbeitet ist, das auf neu angelegten Plantagen gewonnen wird. Auf dem Land, auf dem vorher Regenwald statt. Beispiele für die Doppelmoral der Konzerne finden sich genug. Denken Sie daran, welche Schwierigkeiten es macht, Lieferketten zu verfolgen, um Ausbeutung sichtbar zu machen. Vergessen dürfen wir nicht, dass Europa ein Handelsplatz ist, auf dem die Produkte gehandelt werden, die unter Ausbeutung hergestellt worden. So werden wir als Kunden im Supermarkt zu Komplizen der Verbrecher.
Dann gibt es noch die Menschen, die sich Subventionen erschleichen. Dann gibt es solche, die in der Corona-Krise unlautere Geschäfte gemacht haben. Bemerkenswert ist, dass eine Reihe von Abgeordneten in das Visier der Staatsanwaltschaft geraten sind. Das sind Leute, die vor Ihrer Wahl versprochen haben, sich für die Interesse der Menschen einzusetzen: Doppelmoral der Mandatsträger, die mehr an Wissen haben als Normalbürger und aus diesem Wissen Kapital schlagen. So dürfte man solches Verhalten wohl beurteilen.
Doppelmoral - wenn für Menschen anderer Hautfarbe oder Religion andere Gesetze als für die anderen Bürger gelten. Apartheid ist inzwischen als gesetzliche Grundlage in Südafrika nicht mehr von Belang. Die Erfahrung zeigt uns, dass sie aus den Köpfen noch lange nicht verschwunden ist. Das wissen wir aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Erst in jüngster Zeit scheint ein Umdenken zu beginnen. Aber als Deutsche dürfen wir keineswegs nur auf die Fehler anderer blicken, schließlich kommt erst jetzt ein Prozess in Gang, bei dem es darum geht, Kulturgüter an ehemalige Kolonien zurückzugeben. Schließlich hat man auch in Deutschland die Vorstellung gepflegt, dass Menschen anderer Rassen den Europäern nicht gleichzusetzen wären - und "Kolonialwaren", die von Ausgebeuteten geerntet wurden, verkauft. Die Weltläden versuchen, der Ausbeutung ein Ende zu machen. Deshalb sollten wir durch den Kauf "fair" gehandelter Produkt dazu beitragen, dass Gerechtigkeit wird.
Über die schlimmen Auswüchse der "Rassentheorie" während der Nazizeit will ich gar nicht sprechen. Das menschenverachtende Handeln der Nazis darf aber nicht vergessen werden. Im Übrigen wissen wir von vielen der Verbrecher, dass sie sich in ihrem Privatleben als "gute Familienväter" zeigten. Kann man das tatsächlich? Ein klassisches Beispiel für Doppelmoral.
Ein aktuelles Beispiel für die Doppelmoral der Gesellschaft: Die Seenotrettung für Flüchtende. Natürlich gibt es in der Gesellschaft immer wieder sich widersprechende Beurteilung von Situationen. Manche Menschen lehnen die Seenotrettung für diese Menschen ab, weil sie sagen, damit leiste man nur den Schleuserdiensten Hilfe. Aber wenn niemand die Fluchtursachen ausreichend bekämpft, dann ist doch wenigstens gut, wenn man sich der Menschen annimmt, die eine Flucht auf dem Seeweg als Ausweg aus ihrer Not gewählt haben.
Aus Italien, das immer wieder mit der Not der Migranten konfrontiert ist, kommt die Nachricht in der Tageszeitung vom 7.6.2021: Das Rettungsschiff Sea-Eye 4 wurde im Hafen von Palermo festgesetzt und nach einer zwölfstündigen Kontrollinspektion ein erneutes Auslaufen vorerst untersagt. Zur Begründung hätten die Inspektoren angegeben, die Besatzung habe zu viele Menschen aufgenommen. Und nun die andere Seite der Doppelmoral: Gleichzeitig ernannte Palermos Bürgermeister Lioluca, den Präsidenten von Sea-Eye, Gordon Isler, und Einsatzkoordinator Jan Ribbeck ... zu Ehrenbürgern der Stadt.
Das Genie. Wie ist das denn bei den Großen der Geschichte. Von den Herrschern will ich aber lieber gar nicht reden. Ohne Doppelmoral war es gar nicht möglich, zu herrschen. Aber es gibt ja noch andere große Menschen. Einer der Größten unseres Volkes war der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Über ihn etwas nicht so Gutes zu sagen, das würde meinen Deutschlehrer sehr verletzen. Ich werde auch das Wort, das über diesem Kapitel steht, nicht benutzen. Dieses Wort passt nicht für diesen genialen Dichter. Es ist ja auch nicht gut, alles und jeden herunterzuziehen. Aber manchmal frage ich mich, ob wir nicht manchmal dazu neigen, bei den Großen ein Fehlverhalten einfach zu vergessen, weil es uns gefällt, Ideale zu haben - und diese auch zu verehren. Das lassen wir uns gr nicht gern nehmen. Also: Faust ist wohl das literarische (und zur deutschen Tradition gehörige) Vorzeigestück, was das Suchen des Menschen ausdrückt und ich wüsste kaum eine literarische Leistung, die dem Werk des genialen Wolfgang gleichkommt. Vergleiche sind übrigens völlig fehl am Platz. Und Goethe ist ja unbestritten eine Größe.
Aber in Gedanken bringe ich mir wieder in Erinnerung, was für ein Problem mich seit meiner Schulzeit nie wieder losgelassen hat: Goethes wirkliches Leben und sein literarisches "Werk" konnte ich nie so richtig zur Deckung bringen. Da war einmal der junge Mann, der ein Mädchen geliebt und verführt, sich aber bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht hatte, weil... ja nun, so genau wissen wir das nicht. Auf jeden Fall hat er die Geliebte verraten und anscheinend wohl sogar mit einem Kind "sitzengelassen." "Der Mann ahnte schon jetzt seine große Begabung und musste für dieses Talent ein Opfer bringen." Mit solchen oder ähnlichen Worten versuchten die Anhänger des talentierten Mannes in liebenswürdiger Weise das "Kavaliersdelikt" zu entschuldigen. Es sollte kein Makel an ihm hängenbleiben. Die Frau, die ihn geliebt hatte, blieb für immer allein. Man könnte auch sagen, er war nicht der Einzige, der so etwas getan hat. Und ich frage ganz deutlich: Ist da irgendwo ein männliches Wesen, das von sich sagen kann, dass es in seinem Leben niemals eine Situation gegeben hätte, die genauso hätte ausgehen können?
Also keine Verurteilung von meiner Seite, sondern der Blick auf ein Geschehen, das uns den Mann als Menschen mit Stärken und Schwächen erscheinen lässt, der in seinem Lebenswerk schließlich dem Gretchen ein Denkmal setzt, sich also wahrscheinlich auf seine Weise und damit auch dichterisch auseinandergesetzt hat. Im Übrigen wahrscheinlich damit bis zu seinem Lebensende nicht fertig geworden ist, denn es wird berichtet, dass er sich bei seinem Sterben sehr schwer getan hat. Doch wir sollten das alles nicht so hoch aufhängen.
Da gibt es nämlich noch etwas anderes, das den Künster möglicherweise belastet hat. Viel später nach der Geschichte in Sesenheim hat sich der Geheimrat nämlich (wie wohl des öfteren) verliebt, unsterblich und unglücklich noch dazu. Er hatte wohl sogar Selbstmordgedanken. Auch dieses Gefühl hat er dichterisch verarbeitet, blieb am Leben und ließ nur den verliebten Romanhelden Selbstmord begehen. Allerdings war dieses Werk "Die Leiden des jungen Werther" so gut gemacht, dass nach seiner Veröffentlichung eine Reihe liebeskranker Menschen sich nach dem Vorbild des Romanhelden das Leben nahmen. Auch das ist kein Vorwurf, aber es ist schon seltsam, wie das Schicksal hier gespielt hat. Und darüber wird er wohl auch nachgedacht haben, dass er da möglicherweise etwas angerichtet hatte, das er gar nicht wollte. Und wenn Sie den Faust wenigstens abschnittsweise gelesen haben (gehörte bei mir zum Unterrichtsstoff), dann werden Sie mir zustimmen, dass aus dem Menschen Faust immer wieder die Zweifel sprechen.
Wie ich so lange nach meiner Schulzeit auf alle diese Gedanken gekommen bin? Am 12.6.2021 fand ich im "Magazin zum Wochenende" (Straubinger Tagblatt) einen sehr interessanten Artikel von Prof. Dr. Jürgen Wertheimer mit der Überschrift: Ein merkwürdiger Pseudoheiliger - Die "Faust"-Figur gilt vielen als eine Chiffre für höheres Streben und menschlicher Hybris. Eine Deutung. Wie dieser leicht provokative Aufsatz gemeint ist, das mag der letzte Satz verdeutlichen: Europa scheint, soviel kann man abschließend sagen, doch ein ziemliches Faible für fragwürdige und skrupellose Intellektuelle zu haben.
Im Deutschabitur wurde ich im mündlichen Teil über "Iphigenie auf Tauris" ausgefragt. Das war schon mein Wetter. Deshalb ging die Prüfung glatt. Auf jeden Fall war das auch so ein Theaterstück, bei dem die Hauptdarsteller Konflikte durchstehen mussten. Und das muss man Goethe auf jeden Fall zugestehen, dass er Konfliktsituationen gut darstellen konnte, weil er selbst genügend solcher Grenzsituationen hat durchstehen müssen. Vielleicht muss man ganz tief drin stecken, damit man glaubwürdig über Menschen schreiben kann. Ich denke, irgendwie kann ich den Menschen Goethe verstehen, der irgendwann mal die einfachen Worte sagte: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Er musste es wohl wissen, denn lange genug hatte er sich mit "Mephisto" auseinandergesetzt. Der hatte ihm nämlich unentwegt eine andere Sicht unterbreiten wollen, etwa die, die heute modern ist: Nimm mit, was du haben kannst. Denn bald ist dein Leben vorbei.
Doppelmoral des "Normalbürgers", der es ab und zu "vergisst", einige seine Einkünfte anzugeben , wenn er die Steuererklärung ausfüllt. "Ist ja nur ein Kavaliersdelikt!" - redet man sich selbst dabei ein. Oder derjenige, der einer "Gelegenheit" zu einem Seitensprung nicht widerstehen kann und dabei eigentlich seine Glaubwürdigkeit und die gute Gemeinschaft, an der er vorher so lange gearbeitet hatte, aufs Spiel setzt. Die älteren Herrschaften sind diesen Versuchungen möglicherweise nicht so sehr ausgesetzt. Aber: Alter schützt vor Torheit nicht. Manchmal sind die Alten etwas vorsichtiger, weil sie vielleicht bei einer früheren Verfehlung mit einem blauen Auge davongekommen sind. Und wenn keine Gelegenheiten da sind? Im Internet findet man sie bestimmt.
Spüren wird man die volle Härte des Schicksals allerdings, wenn man - ansonsten ein ehrbarer Mensch - einen Verkehrsunfall aus Mangel an Vorsicht verursacht und Jemandem schweren Schaden zufügt hat. Da bleibt nur noch Reue, wenn plötzlich alles anders ist und das Moral-Predigen vor anderen Leuten einem selbst nichts genutzt hat.
Doppelmoral ist es, wenn man lauthals gegen das Bienensterben auffordert und gleichzeitig die billigsten Produkte kauft, von denen man vermuten muss, dass sie durch Ausbeutung der Natur gewonnen werden. Die Strafe dafür zahlt die Menschen-Gemeinschaft.
Irgendwo ist das alles dann gar nicht mehr so weit weg von uns. Denn wer kann schon sagen, dass sein Leben immer geradlinig verlaufen ist. Ich jedenfalls nicht. Aber das muss wohl sein, dieses immerwährende Abwägen und Überlegen vor dem Handeln. Es ist geradezu etwas, das zu unserem Menschsein dazugehört, dass wir permanent vor Entscheidungen gestellt werden. Vor Situationen, die in der Bibel als Versuchung bezeichnet werden. Da hat man plötzlich in einer finanziell schwierigen Zeit plötzlich eine Gutschrift in gerade mal niedrigem zweistelligen Bereich auf dem Geschäftskonto und denkt, da frage ich gar nicht nach, woher das Geld kommt. Das sollte man aber, sonst könnte es sein, dass man in große Schwierigkeiten kommt. Auch wenn es nur ein Fehler des Überweisenden war! Dann muss man dem vielleicht noch erklären, warum dieser das Geld gar nicht hätte schicken dürfen. Dass es jemand anderem gehört, beispielsweise.
Sie merken schon, dass wir alle ab und zu ganz nahe dran sind an dem, was wir gar nicht wollen. Mancher aufwändig geführte Gerichtsprozess gegen gut bekannte Persönlichkeiten lässt erkennen, dass ehrenwerte Menschen auf einmal wegen einer Kleinigkeit zu Gejagten werden können. Und wenn wir jetzt noch darüber nachdenken, aus welchem Stoff die Filme und Romane gemacht sind, die uns in unserer Freizeit unterhalten sollen, dann erkennen wir, dass wir von der zwielichtigen Welt mancher Gauner gar nicht so weit weg sind. Denn die gesamte Literatur - sei sie nun klassisch oder modern - nimmt den Stoff immer aus dem Leben der Menschen, die sich kaum von uns unterscheiden und Konflikte mit sich selbst oder mit Anderen durchzustehen haben.
Ist die Doppelmoral also grundsätzlich schlecht? Im Grunde genommen ist die Bezeichnung ja wertfrei. Nur ist es so, dass wir unter Doppelmoral immer verstehen, dass jemand sich als gut darstellt und dabei Böses im Schilde führt. Natürlich geht das auch anders. Nehmen wir einmal an, da gibt es einen Menschen, der immer redlich ist und dabei doch nicht so von sich eingenommen ist, dass er sich schon für einen "besseren Menschen" hält, sondern andere Menschen ohne Wenn und Aber akzeptiert, dann hat er für sich eine wohl etwas strengere Moral. Trotzdem aber zwängt er seinen Moralbegriff anderen nicht auf. Das wäre dann sozusagen eine Form der Doppelmoral, die gar nicht schlecht wäre, theoretisch vorstellbar, im wirklichen Leben möglich? Die Antwort müssen sie sich selbst geben.
Und was sagt Jesus über Doppelmoral? Als sich einmal eine Meute von Männern zusammengerottet hatte, um eine Ehebrecherin zu töten, sagte Er zu den Versammelten nur einen einzigen Satz: "Wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein!"