III 24ma* OHNE GEWALT
Das ist Sein Gebot:
Agiere, aber:
ohne Gewalt

ohne Gewalt gegen Gewalt. Macht das überhaupt Sinn? Ist das "Kriegerische", das wir
in uns tragen, vielleicht ein Relikt aus früheren Zeiten? Wer den Krieg nicht wollte, hatte früher keine Chance. Und ganz bestimmt nicht im zweiten Weltkrieg. Ich erinnere mich
an die Berichte eines meiner Patienten, der dabei war, als die Alliierten in Europa landeten. Vor ihm die Alliierten, die aus den Booten herausquollen und hinter ihm die SS-Leute, die ebenfalls
mit der Waffe in der Hand bereit waren, jeden deutschen Überläufer zu erschießen. Die Not dieser Tage quälte den Mann noch bis ins hohe Alter in der Erinnerung.
Unsinnigkeit des Krieges. Was ich da gerade niedergeschrieben habe, ist so sehr Allgemeinwissen, dass man es eigentlich gar nicht sagen müsste. Die Politik zeigt uns aber, dass sich die Großen dieser Welt anscheinend so sehr von den einfachen Menschen abheben, dass sie sich für das Wohl der Menschen (zumindest für das Wohl der Menschen anderer Länder) gar nicht interessieren. Da gilt es nur, die eigenen Interessen durchzusetzen und zwar ohne Rücksicht auf Andere. (Im Gegensatz dazu nennt die Kirche die Anderen mit Recht stets Schwestern und Brüder.)
Feindliches Verhalten gegenüber Anderen stammt wohl noch aus den Anfängen der Menschheit. Ähnliche Verhaltensmuster finden wir bei kleinen Kindern: "Wenn mit du mit dem spielst, dann gucke ich dich nicht mehr an. Und meinen Bulldogg bekommst du auch nicht mehr." Ich wiederhole mich zum x-ten Male, wenn ich sage, dass der Teufelskreis des "Wenn, dann" nur im gegenseitigen Aufeinanderzugehen durchbrochen werden kann. Im gegenseitigen Verzeihen. Erinnern Sie sich daran, dass Petrus seinen Herrn einmal gefragt hatte, wie oft er seinem Nächsten vergeben müsse? Wenn Sie es nicht mehr wissen sollten: Den Bibelspruch finden Sie im Internet. Oder hier weiter unten. Und dann denken Sie daran, dass es nur Einen gibt, der das nicht nur fordert, sondern auch vorgelebt hat. In einem unterdrückten Land hat Er ein Beispiel dafür gegeben, dass man - und das ist das Einmalige und völlig Neue Seiner Botschaft - Gleiches nicht mit Gleichem vergelten sollte, sondern zur Verzeihung aufgefordert ist. Nicht bloß sieben Mal. Sondern - und da sagte Er eine ganz große Zahl, um anzudeuten: Immer wieder. Es gibt tatsächlich ein Rezept für Frieden. Bitten wir den Herrn der Welt um Seine Hilfe für die notleidenden Menschen. Möge Er dem Hass ein Ende machen.
Bonhoefer ist lieber in den Tod gegangen, als sich die Meinungsäußerung verbieten zu lassen. Die Geschwister Scholl und viele weitere Ungenannte sind umgebracht worden, weil sie den Frieden für alle wollten. Aus dem gleichen Grund wurde Martin Luther King ermordet und Nelson Mandela jahrelang eingekerkert. Bevor ich das Thema weiterentwickle, möchte ich Sie daran erinnern, dass es in Deutschland tatsächlich auch schon einmal eine Revolution ohne Blutvergießen gegeben hat. Dem Unrechtsstaat DDR haben die "Revolutionäre ohne Waffen" Menschlichkeit entgegengesetzt. Wie Christus.
Leipzig, 18.September 1989: Zum Friedensgebet erscheint Pastor Christian Führer, den kein Mensch hier bisher anders gesehen hat als in Jeans und passender Weste, ganz in Schwarz - wegen der Polizeiaktionen, die "Veränderung auf friedlichem Weg immer unwahrscheinlicher werden lassen". Dennoch hämmert Führer den Gottesdienstbesuchern ein: "Keine Gewalt! Für uns Christen bleibt auch der, der gegen uns mit Gewalt vorgeht, ein Mensch." Tatsächlich lässt sich auch in den kommen Wochen niemand aus der Schar der Beter und Demonstranten provozieren. Die Sicherheitskräfte bleiben die einzigen, die zum Knüppel greifen - und der marode DDR-Staat blamiert sich bis auf die Knochen. Die mehr als 800 Jahre alte Nikolaikirche aber, deren Inneraum mit stuckierten Palmblättern, Weinreben und Blumenknospen einem Paradiesgarten nachempfunden ist, und ihren Pfarrer kennt seit diesen Tagen so ziemlich jeder Fernsehzuschauer in der westlichen Welt.
Leipzig, 7. Oktober 1989, ein Samstag, 40. Jahrestag der Staatsgründung: Ein Trupp Bereitschaftspolizei mit Schlagstöcken und Schäferhunden taucht auf dem Nikolaikirchhof auf, wo Gruppen Menschen flanieren und die Zettel mit den Namen der Inhaftierten lesen wollen. Die Polizisten prügeln rund 200 Menschen zu den Lastwägen, sperren sie in einem außerhalb der Stadt eingerichteten Internierungslager in Pferdeställe.
Leipzig, 9. Oktober 1989, ein Montag: Die Angst geht um in der Stadt. 8 000 Polizeikräfte werden in Leipzig zusammengezogen. Man hört, in den Krankenhäusern
seien auf Anordnung der Behörden komplette Abteilungen geräumt und Blutkonserven für Opfer von Schussverletzungen angefordert worden. Stasi-Chef Erich Mielke soll angeordnet haben, neue
„konterrevolutionäre Aktionen“ unerbittlich zu unterbinden, „mit der Waffe in der Hand“. Hat nicht erst im Juni die chinesische Regierung auf dem Pekinger „Platz des himmlischen Friedens“
Tausende protestierender Studenten zusammenschießen lassen? Ein anderes Gerücht will freilich auch wissen, Moskau habe befohlen, dass die sowjetischen Panzer - anders als beim Volksaufstand 1953
- in den Kasernen bleiben sollen. „Die Angst war in jenen Tagen mein ständiger Begleiter, Tag und Nacht“, die Angst um seine Familie und seine Gemeinde, erinnert sich Christian Führer. Dennoch
wird das Friedensgebet nicht abgesagt - es findet an diesem Tag sogar in vier Kirchen gleichzeitig statt. Landesbischof Dr. Johannes Hempel eilt von Gebäude zu Gebäude und fordert überall
zu strikter Gewaltfreiheit auf. Im Stadtradio verliest der Dirigent des Gewandhaus-Orchesters Kurt Masur einen auch von aufgeschlossenen Parteivertretern unterzeichneten Aufruf zur
Besonnenheit.
2400 Menschen drängen sich in der Nikolaikirche, Zehntausende warten auf dem Kirchhof und in den angrenzenden Straßen Am Ende sind es rund 70 000, die nach dem Gottesdienst mit brennenden Kerzen und dem Ruf „ Wir sind das Volk - Keine Gewalt!“ durch die Leipziger Innenstadt ziehen. Kampftruppen und Polizeikräfte werden in Gespräche verwickelt. Statt die Stasizentrale zu stürmen, stellen die Demonstranten Kerzen auf die Eingangsstufen. Und das Wunder geschieht: Es gibt kein Blutbad, keine Verhaftungen, keine Prügeleien. Die Staatsmacht, die längst an sich selbst zu zweifeln begonnen hat, streckt vor dieser riesigen, schutz- und wehrlosen Menschenmenge die Waffen.
„Wir waren auf alles vorbereitet“, soll der Volkskammerpräsident Zimmermann entgeistert
gesagt haben, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“
Neun Tage später tritt Erich Honecker zurück. In Dresden, Plauen, Karl-Marx-Stadt, überall demonstrieren friedliche Menschen, gründen Bürgerkomitees und Parteien. Im März 1990 finden die ersten
freien Volkskammerwahlen statt.
„Ein Wunder biblischen Ausmaßes“ nennt Pfarrer Führer diesen unblutigen Umsturz. „Uns Deutschen war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie eine Revolution gelungen. Und dass nun der Geist der
Gewaltlosigkeit Jesu die Menschen ergriffen hat in diesem unchristlichen Land, dass diese Menschen, denen es niemand zugetraut hätte, von diesem Geist angesteckt wurden, dass sie sich befreien
ließen aus gebückter Haltung und unwürdiger Anpassung, das ist das Wunder dieses Tages und dieses Abends.“
Am Schluss des sehr aufschlussreichen Artikels beschreibt Pfarrer Führer, dass die weitere Entwicklung ganz und gar nicht in seinem Sinn war: Der allzu flotte Beitritt zur Bundesrepublik, die
kritiklose Übernahme westlicher Konsumorientierung, das Ersetzen des atheistischen Materialismus durch die neue Religion der „Tempel, Banken und Kaufhäuser“ konnten ihm nicht gefallen. Der
„globale Raubtierkapitalismus“ habe genauso wenig Zukunft wie das realsozialistische Experiment, davon war überzeugt. Aber „momentan trau sich die Kirche zu wenig von der Radikalität Jesu zu“,
flüchtet sich in konfliktscheu ausgewogene Verlautbarungen, statt so provokant zu reden wie Jesus in der Bergpredigt... Der zweite Teil der friedlichen Revolution steht noch aus.
Eine Revolution - ohne Gewalt - und geglückt
In diesem letzten Satz hat der erfolgreiche und gewaltfreie Revolutionär unsere Aufgabe für die Zukunft aufgezeigt. Dem Bericht „Die Revolution der Kerzen“ von Christian Feldmann (Wochenendmagazin Straubinger Tagblatt 12.7.2014) habe ich die entscheidenden Teile entnommen. Sie finden im Bericht oben einen Eintrag vom 7.10.89. Für diesen Tag, dem 40. Jahrestag der DDR, gibt es bei Wikipedia einen Eintrag über Aufführungen von Fidelio.
Eine der politisch brisantesten dürfte die Inszenierung gewesen sein, die unter der Regie von Christine Mielitz am 7. Oktober 1989 – zum vierzigsten
und letzten Jahrestag der DDR – in der Semperoper Dresden Premiere hatte. Diese fiel in die Tage, in denen in Dresen hunderte Demonstranten, die friedlich für Meinungs- und Reisefreiheit
demonstrierten, zusammengeknüppelt, auf LKW verladen und in Gefängnisse abtransportiert wurden. Die Regisseurin bringt ein solches DDR-Gefängnis mit Stacheldrahtzaun und Sichtbeton als Bühnenbild
für ihren „Fidelio“ auf die Bretter.
Zum Schluss dieses Kapitels nur noch ein Gedanke: In unserer Kirche werden mit Recht die Heiligen verehrt. Es gibt aber jede Menge Menschen, die Gutes im Sinne Jesu getan haben, die nicht der
katholischen Kirche angehören. Sollte unsere Kirche nicht einmal auf diese Leute schauen, die ganz wesentlich am Reich Gottes mitwirkt haben und ihnen dafür eine entsprechende Ehrung zukommen
lassen. Etwa als „heilige Mitarbeiter im Weinberg des Herrn“? C. Pastor Führer verdiente sicher eine solche Ehrung. Und ein Wunder hat er sich schließlich vom Herrn erbeten und auch geschenkt
bekommen. Für uns alle. Oder Herr Bonhoefer? Und warum nicht auch Mahatma Gandhi? Schließlich ist unsere Kirche Weltkirche und Jesus schaut liebevoll auf alle Menschen.