V0wki* ER IST BEI UNS
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
"Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!"
Entgegnet ihm finster der Wüterich. -
"Die Stadt vom Tyrannen befreien!"
"Das sollst du am Kreuze bereuen."
Friedrich Schiller
Der mit uns ist - das kann ein Bürge sein, einer der für jemand anders eintritt. In jeder höheren Schule, die etwas auf sich hält, wird das Gedicht "Die Bürgschaft" von Friedrich Schiller eingehend besprochen, dessen erste Zeilen oben zu lesen sind, die recht dramatisch den Hergang des Geschehens schildern. Zumindest war das früher so, dass dieses Gedicht im Lehrplan der Schulen eine wichtige Rolle spielte. Es werden nämlich mehrere Punkte angesprochen, die der Erziehung der jungen Menschen im besten Sinne des Wortes dienen sollten:
1. Da ist zunächst einmal davon die Rede, dass ein furchtbarer und schrecklicher Tyrann herrscht. Nun kann unter den jungen Menschen darüber diskutiert werden, ob der Mord an einem solchen "Unmenschen" gerechtfertigt ist oder nicht. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Wunsch nach dem Tod eines Tyrannen erscheint uns verständlich. Die Tötung jedoch ist mit den Werten, die wir immer noch hochhalten, nicht vereinbar.
2. Als der geplante Tyrannenmord nicht gelingt, wird der Täter verhaftet und zum Tod am Kreuz verurteilt, das liest man schon in den ersten Versen.
3. Und wichtigste Aussage der Ballade: Es wird geschildert, dass ein Freund des Tyrannenmörders sich als "Pfand" in die Hände des Tyrannen begibt, um es dem Freund zu ermöglichen, in den drei Tagen (eine symbolträchtige Zahl!) bis zu seinem vorgesehenen Tod noch einige wichtige Dinge in Ordnung zu bringen. Es geht also um eine Bürgschaft. So ist dieses Gedicht vom Autor denn auch überschrieben worden.
zu 1. Ich möchte zunächst einmal über den geschichtlichen Hintergrund zu sprechen kommen. Da hilft mir Wikipedia, ich kann also aus dieser Quelle (mit Verweisen im Internet) zitieren:
Dionysios I. (altgriechisch Διονύσιος; * um 430 v. Chr.; † Frühjahr 367 v. Chr.) war Tyrann von Syrakus. Er gehörte zu den mächtigsten Tyrannen der Antike. Seine Herrschaft dauerte von 405 v. Chr. bis zu seinem Tod. Daher und durch die Umstände seines Aufstiegs wurde er zum Musterbeispiel eines Gewaltherrschers. Er begann seine Laufbahn im Rahmen der demokratischen Institutionen und betätigte sich zunächst als Volksredner und Agitator. Nach seiner Wahl ins Feldherrnkollegium diskreditierte er systematisch seine Amtsgenossen, ließ sich von der Volksversammlung mit Sondervollmachten ausstatten, baute seine Leibgarde zu einer privaten Miliz aus und ergriff schließlich mit einem Staatsstreich die Macht. Formal blieb die Demokratie bestehen, faktisch nahm die Herrschaft des Machthabers monarchische Züge an.
Also diese Geschichte ist tatsächlich faszinierend, denn die "Karriere" des Tyrannen ist etwas, das wiederum in unseren Tagen geradezu nach Vergleichen mit wirklichen Personen schreit. Wenn es vielleicht manche nicht ganz geschafft haben, die Macht an sich zu reißen, auch die Versuche dazu lassen uns in Abgründe schauen.
zu 2. Harte Bestrafung von Menschen, die sich der Macht totalitärer Systeme nicht beugen wollen, ist in nichtdemokratischen Staaten die selbstverständlich zu erwartende Reaktion. Auch hier kommt man sehr schnell auf Parallelgeschichten in unserer Zeit. Bei der aufmerksamen Verfolgung der in den Zeitungen veröffentlichten Berichte kann sich jeder selbst ein Bild machen. Ich brauche und will auch keine derartigen Machtsystem nennen. Meine Aufgabe ist es nicht, Hass zu säen, denn Hassgedanken könnten leicht aufkommen, wenn man mit offenen Augen auf die Ereignisse in dieser Welt blickt. Die Arten der Tötung oder Bestrafung haben sich allerdings inzwischen der Zeit angepasst. Die Systeme sind gleich geblieben.
zu 3. Nun komme ich zu meinem Anliegen, denn bisher ging es nur um die Rahmenbedingungen für die eigentliche Handlung, die ich zusammenfassend skizzieren möchte: Ein guter Bekannter nimmt es - von wirklicher Freundschaft angetrieben - auf sich, für den Freund das Pfand zu sein, an dem der Herrscher seine Tötungsabsicht ausführen wird, wenn der Verurteilte nicht rechtzeitig zur Vollstreckung des Todesurteils von seinem "Freigang" zurückkehrt. Das ist eine sehr gefährliche Aufgabe, bei deren Missglücken vielleicht die eigene Familie in bittere Not gebracht werden würde. Außerdem hängt die Rückkehr des Freundes nicht nur von dessen gutem Willen ab, schließlich gibt es ja unvorhersehbare Ereignisse wie kleine Unfälle oder schlechte Wegbedingungen, die auch eine gewollte Rückkehr zum rechten Zeitpunkt verhindern. Ganz schön großes Risiko, das der Bürge da eingeht. Auch wenn ich schon alt bin, in seiner Haut möchte ich nicht stecken. Über den Ausgang dieser spannenden Geschichte sage ich hier nichts mehr, das können Sie selbst nachlesen, wenn Sie es nicht wissen.
Mir geht es um einen ganz anderen Aspekt. Rund 400 Jahre nach der Regierungszeit des Tyrannen gab es nämlich etwas Ähnliches. Da ist Einer gekommen, Der hat die Menschen gelehrt und hat Ihnen von Liebe erzählt.
Und dann hat Er gesagt, dass Er für uns alle, die wir irgendwann in unserem Leben schuldig geworden sind, als Bürge einspringen wird. Natürlich funktioniert so etwas nur, wenn wir die Einsicht haben, dass wir Schuld auf uns geladen haben. Wer sich also selbst für schuldlos erachtet, wird ein derartiges Angebot natürlich nicht annehmen. Und was ist Besonderes dran? Kennen wir diese Geschichte nicht schon seit der Kindheit?
Schon, aber man hatte eine andere Erklärung, die wohl mit den Anfängen menschlichen Denkens zusammenhängt. Zu der Zeit, als man nämlich noch meinte, man müsse die Götter günstig stimmen, damit sie das richtige Wetter machen und sich auch noch auf andere Weise als gnädig erweisen, da ist man wohl aus Angst vor diesen Mächten auf die nicht gerade glorreiche Idee gekommen, dass es vielleicht gut wäre, wenn man den Göttern genau das "opfere", was einem am liebsten ist. Das müsste doch ihren Zorn auf die Menschen besänftigen - dachte man wohl. In ihren Ängsten gefangen, sahen sie nun einen Weg, die Götter günstig zu stimmen. Das mag eine Erklärung für diesen Weg sein. Vielleicht haben auch einige der Anführer der Stämme diese Vorstellung gestützt, weil es auch ihnen, den Priviligierten Vorteile bringt, wenn man die Angst der Untergebenen schürt.
In diese Welt der Ängste kam nun schließlich irgendwann eine Religion, die aus den gemachten Erfahrungen heraus davon sprach, dass es nur einen einzigen Gott gibt. Mit dieser Religion hätte man einen (starken!) Gott für viele andere eingetauscht, das konnte man ja verkraften. Da würde man endlich vergessen können, dass die Götter unter sich gar nicht so einig waren und dass man für jeden Gott ein eigenes Ritual anbieten musste. Insofern konnte man diesen neuen "Ein-Gott-Glauben" ganz gut und für jedermann einleuchtend anbringen. Da bietet das Alte Testament genügend Beispiele für dieses Geschehen.
Dass dies aber ein Gott der Liebe sei, das war wohl nicht so leicht rüberzubringen. Denn der Begriff "Liebe" im Sinne von Caritas war für damalige Zeiten wohl immer noch nicht denkbar. Dass dies ein Gott war, Der die Menschen liebte, das konnte von den einfachen Menschen wohl einfach nicht akzeptiert werden, denn schließlich war man in allen Generationen vorher etwas anderes gewöhnt. Also lebte auch dieser "Opfergedanke" im Denken der einfachen Menschen weiter. Nach dem Motto: "Es kann ja nicht schaden, wenn wir dem neuen Gott auch ab und zu irgendein Opfer bringen." Und wenn man von den entsetzlichen Opferungen von Menschen weggekommen war, dann sollten es wenigstens Tiere sein, die man opferte.
So ist es also bei den Opfern geblieben und auch die Weisen des Alten Testamentes hielten es so mit den alten vorherigen Traditionen. Und der Tod des Herrn wurde von den Christen seinerzeit damals als das "letzte Opfer" erklärt, das Jesus durch Seinen Tod brachte. Aber diese Formulierung darf man so nicht hinnehmen. Jesus ist kein Sündenbock. Er hat das Leiden auf sich genommen, weil Er uns die Last abnehmen will, die wir zu tragen haben. Folgerichtig sagt Er auch zu uns:
"Barmherzgkeit will ich, nicht Opfer!"
Das besagt etwas ganz anderes. In der Heiligen Messe wird der Begriff des "Opfers" aber immer noch reichlich verwendet. Und das heißt, dass wir auch im 21. Jahrhundert noch in den Denkweisen unserer Ahnen verfangen sind. Jesu Tod soll also - so ist doch das Denken - den Zorn des Vaters über unsere Vergehen besänftigen. Wie kommen wir eigentlich dazu, den Vater und Schöpfer als jemanden hinzustellen, der von Seinem eigenen Sohn verlangt, dass Er für die Vergehen der Menschheit als Sündenbock verbluten muss. Das widerspricht der Aussage: Gott ist Liebe. Die gängige Vorstellung, dass Jesu durch Sein Sterben den Vater versöhnen müsse, ist eine Unterstellung ohnegleichen, die den Vater in einem gar nicht guten Licht erscheinen lässt. Deshalb ist es gut, im sprachlichen Umgang das neue Denken klar herauszuarbeiten: Gott muss nicht versöhnt werden, weil Er uns liebt! Er braucht keine Opfer.
Er verlangt nur, dass wir Liebe zeigen für "die Geringsten" unter Seinen Brüdern.
Aber genau das scheint schwierig zu sein. Ein ganz aktuelles Geschehen als Beispiel: Es wurde am 19.1.2021 bekannt, dass man in den reichen Ländern 39 Millionen Impfdosen gegen Corona verabreicht habe. Aber - wie WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montag zum Auftakt einer mehrtägigen Sitzung des WHO-Exekutivrates erklärte: "Nur 25 Dosen wurden in einem der ärmsten Länder verabreicht, nicht 25 Millionen, nicht 25 000, nur 25", betonte der WHO-Chef. Das sei nicht hinnehmbar. Und da muss man ihm wohl recht geben - und erschrecken. Ich denke, dass wir hier alle gefordert sind.
Nun bin ich es Ihnen aber immer noch eine Erklärung schuldig, warum denn Jesus hat sterben müssen, wenn gar kein Opfer notwendig gewesen war. War das denn tatsächlich nicht notwendig? Lassen wir die Psychologen zu Wort kommen. Die haben nämlich schon eine Erklärung dafür, warum sich der Opfergedanke bis in unsere Zeit gehalten hat. Und es ist auch gar nicht absehbar, dass sich da eine Änderung im Denken anbahne. Also: Wenn Kinder etwas "ausgefressen" haben, dann ist die Welt so lange nicht "in Ordnung", bis sie zu Hause vom Vater eine "Watschn", also eine Ohrfeige, verbal oder in Wirklichkeit bekommen haben. Anschließend erst ist das "Gleichgewicht" zwischen unrechtem Tun und Bestrafung wiederhergestellt. Der Deliquent ist rehablilitiert und der Haussegen hängt wieder richtig. Dieser Mechanismus ist auch bei uns Erwachsenen irgendwie vorhanden. Also Bestrafung als eine Art von Wiedergutmachung? Die Vergleiche müssen alle hinken, weil wir gar nicht so genau wissen, was in unseren Köpfen wirklich vor sich geht. Die Psychologen decken zwar ein Grundmuster menschlichen Verhaltens auf, das vielleicht im Laufe von Jahrtausenden anerzogen worden ist. Aber eine wirkliche Begründung für das Sterben Jesu ist das nicht.
Wenn wir die Theorie vom Vater, der Gerechtigkeit einfordere, ablehnen, dann zeigt die psychologische Sichtweise, dass möglicherweise der Deliquent selbst das Opfer fordert, damit die Welt wieder in Ordnung kommt. Der Deliquent ist der Auffassung, dass er erst dann wieder als Kind vom Vater angenommen wird, wenn der Gerechtigkeit Genüge getan wurde. Also ist es die Menge des Volkes, die - um gerechtfertigt vor Gott zu stehen - die Strafe einfordert. Dabei ist es natürlich am bequemsten, wenn ein "Sündenbock" da ist, dem man die Schuld auferlegen kann. Heißt es doch: Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Dieser Satz trifft den Sachverhalt dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass "Jemand" diesem Jesus die Sünden der Welt aufgebürdet hat. Das kann kein Mensch tun und Gottvater macht das auch nicht.

Wie ist denn dieser Satz richtig zu verstehen? Eher so: Jesus trägt die Sünden von uns allen. Aber nicht als Bestrafter, sondern als Derjenige, Der als Bürge dafür steht, dass wir frei von Schuld sind, wenn wir uns Ihm anvertrauen. Anders ausgedrückt: Wenn wir Seine Liebe annehmen. Oder: Wenn Jemand darauf bestehen sollte, dass uns unsere Schuld angerechnet werde, dann kann Er sagen: Ich bin gekreuzigt worden, weil ich alles, was man dir an Schuld zurechnen will, schon durch mein Sterben getilgt habe.
Der Schuldschein ist zerrissen. Du, für den ich gebürgt und mit meinem Leben bezahlt habe, du bist frei. Denn ich habe dich angenommen und deine Vergehen sind für immer von dir genommen. Der Herr hat diesen qualvollen Tod auf sich genommen, damit wir leben, damit wir die Möglichkeit haben trotz unserer Vergehen in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen zu werden.
Schließlich muss man noch dazu sagen, dass bei all diesen Erwägungen eines nicht vergessen darf, das man ganz praktisch sehen muss: Ohne das Sterben Jesu wäre uns die Liebe des Höchsten nicht bekannt geworden. Jesus musste, um glaubwürdig zu sein, den Tod in aller Öffentlichkeit - historisch festgehalten und dokumentiert - erleiden, damit auch Seine (für unseren Verstand nicht vorstellbare) Auferstehung deutlich und öffentlich werden konnte. Uns bleibt nichts weiter, als Ihm ohne Unterlass zu danken, Ihm, Der als Bürge für uns eingetreten ist und unsere Sünden getragen hat. Der uns beisteht. Der Gerechtigkeit für uns erwirkt hat, weil Er uns liebt. Denn den Schuldschein, der uns anhing, den hat er zerrissen.