Text 2022 minimal überarbeitet. Neue Fassung im eBook
V22me* GLAUBENSVIELFALT
Es gibt in Straubing in der Jakobs-Basilika ein schönes Glasfenster von der Hochzeit zu Kana. Sie kennen den Bericht aus dem Neuen Testament: Jesus beschenkt ein Hochzeitspaar mit Wein. Er ist der Freund, Der für uns Sorge trägt und uns allen reichlich den Tisch deckt. Der folgende Text ist ein kleiner Ausschnitt aus einer Predigt vom 22.4.2018. Es ist eine Abhandlung über das Verhältnis Gott - Mensch. Zunächst wird über Freundschaft gesprochen: Freundschaft ist ein gegenseitiges Geschenk, Freundschaft wächst... manchmal langsam, manchmal unglaublich schnell, sie kann aber auch zerbrechen – durchaus mit einer Liebesbeziehung vergleichbar. Nach dieser Einführung erklärt Pfarrer Dinsenbacher, wie Jesus uns sieht:
Jesus nennt seine Jünger Freunde. Dieses Wort ist ein Geschenk an seine Jünger. Es ist nicht mehr das Oben und Unten von Lehrer und Schüler. Gott ist Mensch geworden, um uns dieses Miteinander auf gleicher Augenhöhe zu schenken. In seinem Sohn bietet er uns seine Freundschaft an: Das können wir zwar nicht begreifen, aber wir können in Jesus spüren, dass diese Freundschaft ihre Wurzeln in der Liebe Gottes hat. Seine Liebe offenbart sich in seinem Sohn, der die Verlorenen sucht, die Kranken heilt, mit den Sündern und Zöllnern Mahlgemeinschaft hält. So wie Jesus den Menschen begegnet, so bietet Gott jedem sündigen Menschen – und das sind wir alle ohne Ausnahme – seine Freundschaft an.
Es wird uns gezeigt, dass bei dieser Beziehung Gott immer der Gebende ist. Im Bild des Weinstocks zeigt uns Jesus, dass aus dieser Freundschaft Großes erwachsen kann: Sie kann Früchte der Liebe bringen. Wenn wir uns der Liebe Gottes öffnen, dann kann diese Liebe ungeahnte Kräfte in uns freisetzen. Kreativität erwächst aus der Gemeinschaft mit Jesus. Was das für Kräfte und Möglichkeiten sein können, vermögen wir zu erahnen, wenn wir erleben, wie ein Mensch, der verliebt ist, aufblüht: Wie verwandelt kann so ein Mensch sein – voller Energie und Tatendrang, voller Begeisterung und Freude. Mit neuem Schwung kann er sein Leben in die Hand nehmen, weil er sich geliebt weiß und einen Menschen hat, für den er lebt und für den er alles zu geben bereit ist.
Wie Jesus den Hochzeitsgästen zu Beginn Seines Wirkens Wein schenkte, so gab Er uns am Ende Seines Lebens auf der Erde die Eucharistie. Sich selbst in der Gestalt von Brot und Wein. Nicht als Einmalereignis wie bei der Hochzeitsfeier in Kana, sondern als Gabe, die aus Zeit und Ort herausgehoben, auch für uns heutige Menschen als Angebot steht. Das Sakrament des Altares sollte - so denke ich - nicht nur ein Geschenk für Christen sein, sondern für alle Menschen - möglicherweise will Er eine bunte Glaubensvielfalt unter Seinen Kindern.
Christus liebt jeden Menschen

Wenn das Christentum die Erfüllung jeglicher Religion ist, so wie das Herr Panikkar meint, dann ist diese Feststellung für mich wie eine Fortführung der Zeitenwende in der Kirche. Es ist das gleiche, was Biser meint, wenn er von „Epiphanie“, von dem Erscheinen des Herrn in der Welt spricht. Ist es übertrieben, wenn ich von einer neuen Dimension des Glaubens spreche? Vielleicht eine Dimension, für die wir bisher keinen Blick hatten, weil wir nur immer uns selbst, nämlich die Christen, im Blick hatten.
Die Sicht auf die „Anderen“ ist eine weitere Entfaltung und Folge des Geschehens, das sich bei Seiner Geburt abspielte. Die Offenbarung, die Epiphanie ereignete sich übrigens nicht vor hohen Persönlichkeiten Seines eigenen Volkes, sondern vor denen, die als Vertreter der internationalen Naturwissenschaft angesehen werden können, denn die drei Magier aus dem Morgenland sind Vertreter der Gruppe von Menschen, die wir heute als Wissenschaftler bezeichnen. Vielleicht waren sie sogar Nichtgläubige.
Die Liebe, die Christus für jeden von uns hat, können wir gar nicht groß genug denken. Bevor Judas seinen Herrn verraten hat, nannte ihn Jesus immer noch Freund. Und das meinte Er sicher auch so. Es war nicht so, wie wenn wir sagen: „Freundchen“ und dann so eine Drohung hinzufügen wie „du wirst mich noch von einer anderen Seite kennenlernen!“. Wir sagen „Freund“ und meinen „Feind“. Das musste ich vorausschicken, um nun auf etwas hinzuweisen, dass Herr Zulehner in seinem Buch „Ich träume von einer Kirche als Mutter und Hirtin“ recht schön herausgearbeitet hat. Da geht es um das heilende vergebende Erbarmen, das keine Grenzen hat. In einem Gespräch mit "Die Zeit" antwortet Papst Franziskus auf die Frage, ob Gott auch Massenmördern wie Hitler und Stalin verzeihen könnte, folgendermaßen:
Ich weiß es nicht, schon möglich ... ich weiß es nicht. Aber ich kann Ihnen etwas schildern, das mich zutiefst berührt hat. Im burgundischen Ort Vézelay - wo der Jakobsweg beginnt - steht die Basilika Sainte-Marie-Madeleine. Dort gibt es ein Kapitell, auf dessen einer Seite der erhängte Judas zu sehen ist und auf der anderen der gute Hirte, der ihn, den Verräter, auf seinen Schultern fortträgt. Das war die Theologie des Mittelalters, wie die Mönche sie lehrten. Der Herr vergibt bis zuletzt. In dem genannten Buch ist ein Bild dieses Kapitells - also des Oberteils einer Säule - zu sehen.
Christus und die Nichtchristen
Ich zitiere aus dem Brief des Paulus an die Epheser, Kapitel 3
Deshalb (bete) ich, Paulus, für euch, die Heiden. Euch kommt es zugute, dass ich der Gefangene Christi Jesu bin.
Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch verliehen hat.
Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt, das ich soeben kurz beschrieben habe.
Wenn ihr das lest, könnt ihr sehen, welche Einsicht in das Geheimnis Christi mir gegeben ist.
Den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden: dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.
Wichtig ist bei diesem Text, der am Dreikönigstag in den Kirchen verlesen wird, dass auch die "Ungläubigen" als Miterben Christi definitv genannt werden. Das ist ein Punkt, der noch genauer besprochen werden sollte. Ich denke, dass Paulus sozusagen aus erster Hand zeigt, was Jesus sich gedacht hat. Gern möchten manche Christen glauben, dass nur die Christen auserwählt wären. Ich kann mir aber vorstellen, dass Gott alle Menschen als Seine Kinder liebt. Nun lassen wir uns ohne Vorurteile auf dieses spannende Thema ein.
Vielleicht sollte ich hier an dieser Stelle noch einmal auf das schon genannte Zitat von Prof. Biser zurückkommen. Christus ist menschgewordener Gedanke Gottes. Nur des Gottes, Den wir Christen als Schöpfergott begreifen? Nur des Gottes, Den unsere jüdischen Mitmenschen „JAHWE“ nennen? Wenn Muslime vom Allbarmherzigen sprechen, dann wäre es nur noch ein ganz kleiner Schritt, den als Propheten erkannten Jesus, den Sohn Mirjams als Den zu verstehen, Der vom Allbarmherzigen gesandt ist, Der im Namen des Herrn gekommen ist, Der menschgewordene Gedanke Gottes. Vor vielen Jahren habe ich das Grab Johannes des Täufers besucht. Raten Sie, wer dieses Grab behütet? Es sind Menschen, die einer der drei Buchreligionen zugehören, aber nicht die Christen. Also können diese in ihrem Religionsverständnis gar nicht so weit entfernt von uns stehen, wenn sie Johannes als einen der Verehrung würdigen Propheten erkannt haben.
Auf die übrigen großen Religionen kann ich hier nicht eingehen, weil mir das Wissen dazu fehlt. Ich kann nur sagen, dass fromme Menschen in Kolkata manchmal Figuren der von ihnen verehrten Menschen und Götter in ihren Fenstern stehen hatten, genauso wie man bei uns private Weihnachtskrippen in der Adventszeit zeigt. Und da gab es eine Vielzahl von heiligen Menschen, die man anschauen konnte: Von Gandhi und den eigenen Göttern über Mutter Teresa und Jesus waren alle vertreten, die sich im Guten hervorgetan hatten. Ein gestrenger Glaubenshüter möchte den Kopf schütteln über einen derartigen „Rückfall in die Vielgötterei“. Ich sehe das ganz anders.
Ich denke, dass Gott auch in anderen nichtjüdischen Kulturen schon auf sich aufmerksam gemacht hatte, bevor Christus auf die Welt kam. Nur, und das dürfte uns zu denken geben: All die Orakel, von denen uns in der Geschichte berichtet worden ist, verstummten, als Christus in die Welt kam. Diese Gesamtschau auf die Transzendenz will ich mir nicht nehmen lassen. Ich bete Den an, vor Dem sich einmal alle Knie beugen werden. Nicht nur die Getauften werden Ihn erkennen und den Wunsch verspüren, sich von Seiner Liebe umfangen lassen. Von der Liebe dessen, Der sein Leben hingegeben hat für alle.
Auch hier muss ich eine Bemerkung einfügen: Unsere Theologen sind sich nicht ganz einig, ob Christus bei Seiner Liebestat an alle oder an viele gedacht hat. Statt einer Antwort nur ein Hinweis: Er, der Herrscher des Himmels und der Erde, Er, Dem alle Gewalt gegeben ist, hat sich nicht gescheut, Seinen Leib in Brotgestalt auch dem zu reichen, von dem Er wusste, dass dieser Ihn gleich darauf verraten und ans Kreuz liefern würde. In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass ein Teil unserer Bischöfe ein Problem sieht, wenn in konfessionsverschiedenen Ehen der evangelische Partner mit seinem oder seiner Angetrauten gemeinsam zur Kommunion gehen will. Da hat sich eine kleine Gruppe an den Papst gewandt mit der Bitte, zu dieser Frage eine Regel herauszugeben. Doch das ist anders ausgegangen, als alle erwartet hatten. Papst Franziskus hat es nämlich den Bischöfen selbst überlassen, in dieser Frage eine Entscheidung dafür oder dagegen zu treffen.
An anderer Stelle hatte ich schon deutlich hervorgehoben, dass Jesus überhaupt nicht darauf geschaut hat, ob Seine Jünger erstens reinen Herzens und zweitens im rechten Glauben sind. Dabei wäre Er - und nur Er - überhaupt in der Lage, solche Beurteilungen vorzunehmen. Wir Menschen können nur Mutmaßungen anstellen. Wegen dieser fehlenden Möglichkeit, unseren Nächsten zu erkennen, können die Regeln, die wir aufstellen, nur Anhaltspunkte liefern, die uns helfen sollen, verantwortungsvoll mit dem uns anvertrauten Sakrament umzugehen. Es wird eine Aufgabe der Kirche der Zukunft sein, sich mehr und mehr für andere Menschen zu öffnen. Im Klartext: Ich könnte schon jemand von der Heiligen Kommunion ausschließen, nämlich dann, wenn ich ganz sicher sein kann, dass diese Person die Tragweite des Geschehens nicht erfassen kann oder vom Inhalt her nicht akzeptiert. Das ist der Grund, warum es eine Vorbereitung auf dieses Tun gibt. Auch wenn ich dem evangelischen Ehepartner den Zugang zur Eucharistie freimache, dann sollte vorausgesetzt sein, dass dieser Mensch den Leib Christi nach katholischem Verständnis - Christus in Brotgestalt - empfängt. Das ist wohl selbstverständlich. Doch darüber lässt sich ein Gespräch führen. Die nächste Frage allerdings heißt: Was mache ich als Priester, wenn eine Person anderen Glaubens sich bei mir vorstellt und darum bittet, den Leib Christi zu empfangen. Diese Fragen werden kommen. Auch deswegen, weil es in Zukunft auch mehr Ehen mit Leuten geben wird, die verschiedenen Religionen angehören.
Noch einmal zurück zu der Problematik der Erfassung der Tragweite des Geschehens. Das Zögern mancher Gläubigen zum Tisch des Herrn zu gehen, mag mit derartigen Überlegungen zusammenhängen. Für mich selbst wird diese Schwierigkeit durch das vorher zu sprechende Gebet überwunden:
„Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach.
Aber sprich Du nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund.“
Die Geschenke Gottes sind für alle Menschen da. Das gilt auch für die Eucharistie. Ich denke, dass Christus will, dass die Menschen zu Ihm kommen, an Seinen Tisch. Deshalb müssen wir uns wie Christus allen Menschen gegenüber öffnen. Wäre es nicht eine große Schuld, jemanden, der Jesus besuchen will, daran zu hindern? Hier liegen große Aufgaben vor der Kirche, deren Öffnung zur Welt hin mit dem II. Vatikanum begonnen hat. Mich erinnert das Wort des römischen Hauptmanns aber noch an etwas anderes. Sie erinnern sich vielleicht daran, was Jesus einmal über den römischen Hauptmann - einen Heiden, wie man ihn in der Kirchensprache ihn nennen würde - gesagt hat: „Nicht e i n m a l in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden!“ Diese Worte sind bedeutsam, zeigen sie doch, dass es bei Jesus auf den Glauben ankommt, nicht auf Volks- oder Religionszugehörigkeit. Mit anderen Worten: Jesus schaut nur auf den Menschen. Auch das ist ein Argument, das für die Öffnung der Kirche nach außen spricht.
Die immer wieder hervorgehobene Formulierung von H. Panikkar drückt aus, dass es zwar verschiedene Religionen gibt, die nebeneinander stehen, dass aber die Tatsache, dass Gott in Gestalt des Sohnes zu uns gekommen ist, nicht etwa einfach eine neue zusätzliche Religion hat entstehen lassen. Nein, der Sohn Gottes, Der auf der Erde erschienen ist, hat die frohe Botschaft von der Liebe Gottes nicht nur für die Angehörigen einer bestimmten Religion gebracht. Er ist der "Botschafter" Gottes, des Gottes aller Menschen.

Er ist gekommen im Namen des Herrn und wendet sich an uns alle, an jeden von uns. Jeder darf in Christus die Erfüllung seiner ganz individuellen religiösen Bedürfnisse erfahren. Diese, alle Religionen und Kulturen übersteigende Hoheit des Gottessohns lässt sich auch aus den Worten Christi heraushören. Und dieser Tatsache sollte die Kirche gerecht werden. Er ist durchbohrt worden für alle. Und Er will alle Menschen liebevoll an sich ziehen.
Ihn anderen Menschen vorstellen
Machen das nicht die Missionare? Genügt das nicht? Über die segensreiche - und feinfühlige - Missionsarbeit in heutiger Zeit habe ich gesprochen. Doch es geht
vielleicht nicht nur darum, irgendwie zu erwirken, dass möglichst viele Menschen getauft werden. Da wird schon sehr viel unternommen. Und das ist auch gut so. Aber es gibt noch etwas, was die
Organisationen allein nicht stemmen können. Es geht darum, dass wir die Außenstehenden in unserem Umfeld, also die Menschen mit einer ganz anderen Lebenskultur und einer für uns oft nicht
verstehbaren Religion in unser Leben hineinnehmen. Das klingt ganz gut, nur in der Realität ist das gar nicht einfach. Anders ausgedrückt: Ich sollte den Fremden nicht nur als irgendeinen Fremden
sehen, sondern ihm auf Augenhöhe begegnen. Etwa so wie mit einem Nachbarn. Dann lässt sich vielleicht ein Gespräch eröffnen. Das kann dann für beide Teile gut sein. Da müssen wir alle wohl erst
noch lernen, im Anderen den einmaligen und einzigartigen Menschen zu erkennen. Das ist für jeden nicht einfach. Da tragen wir zu viel an Sorgen und Abwehrhaltung mit uns herum. Da muss sicherlich
bei den meisten von uns zuerst einmal eine Hemmschwelle im Innern überwunden werden. Ich bin echt gespannt: Wann wird man in der Zeitung lesen, dass eine Kirche in einer größeren deutschen Stadt
einen Gebetsbereich für Muslime - das wäre wohl momentan am ehesten notwendig - eingerichtet hat? Wie bitte, da würde keiner kommen? Vielleicht ist diese Vermutung richtig. Aber die Türe wäre
schon einmal geöffnet. Das Angebot wäre da. Ob es jemand annimmt, das können wir nur erwarten.
Zur Feier der Heiligen Messe sind nicht nur wir Christen eingeladen. Mitbeten, Mitsingen dürfen sicherlich auch Andersgläubige. Und ich erlaube mir auch die Menschen einzuladen, die noch nie von Christus gehört haben. Auch wenn sie mit der Transzendenz überhaupt nichts am Hut haben. Vielleicht stehen uns diese Fragenden, uns, die wir auch immer wieder zweifeln, näher als man allgemein meint. Im Übrigen ist es eine Erörterung wert, dass wahrscheinlich mehr Muslime als Christen an die Jungfrauengeburt glauben, der wir unseren Herrn verdanken. Sie werden den Kopf schütteln und fragen, was diese Behauptung denn soll. Nun, auch die Muslime kennen und verehren Maria. Sie nehmen die Aussagen der Heiligen Schriften wörtlich. Das kann man von uns Christen wohl nicht so sagen.
Nun will ich wieder auf das zu sprechen kommen, was Herr Panikkar gesagt hat. Wenn wir diese Aussage ernst nehmen, dann müssen wir umdenken. Dann müssen wir unsere
Herzen und auch die Kirchentüren ganz weit aufmachen. So wie der Herr am Kreuz die Arme für alle Menschen ausgebreitet hat und nicht nur für einige Bestimmte. Wenn ich formuliere: Gottes Sohn ist
für alle Menschen gekommen, dann hat auch die Kirche für alle Menschen da zu sein. Wie aber soll ich etwas beschreiben, das erst in der Fantasie der Menschen entstehen muss, bevor es Wirklichkeit
werden kann? Da ist nun wirklich Kreativität gefragt. Wir sollten Andersgläubige nicht nur einfach bloß akzeptieren. Wir müssen immer wieder zu unseren Gottesdiensten deutlich einladen. Genauso
wie zum Grillen. Die Menschen dürfen und sollen mit uns singen und beten. Was ihr Herz dabei bewegt, das wissen nur sie selbst und Gott. Bieten wir doch ganz klar die Möglichkeit des Gesprächs
mit Gott in unseren dafür gebauten Räumlichkeiten an.
Aber vielleicht geschieht das schon irgendwo. Auf jeden Fall müssen wir der Tatsache, dass Christus der Sohn des Gottes ist, der als Schöpfer des Himmels und der Erde zumindest in allen drei
Buchreligionen verehrt wird, Rechnung tragen. Wir können nicht die ganze Welt zu der Kirche machen, der wir angehören. Auch mit größtem missionarischem Eifer - der natürlich etwas ganz Wichtiges
ist - werden wir die Welt nicht umkrempeln können. Aber wir können allen Menschen sagen, dass der Sohn Gottes gekommen ist und auf jeden von uns zugehen will.
Nun, das Sprechen von Jesus und die Übernahme der Frohen Botschaft bedeutet noch lange nicht, dass früheres Gedankengut einfach verschwindet. Das ist sicherlich auch gar nicht gewollt. Genauso
wie in Lateinamerika bekanntlich noch die früheren Kulte gelegentlich hervortreten, so ist es doch wohl auch mit uns, die wir im Denken immer noch Vorstellungen aus germanischer Zeit mit uns
herumtragen. Das ist sicherlich in der ganzen Welt so. Also sollten wir mit anderen Menschen nicht zu streng sein, wenn wir die Botschaft Christi weitergeben. Schrittweise wird stets das Neue
übernommen werden.
Im Mittelalter lebten die Anhänger der drei Buchreligionen in guter Freundschaft in Spanien. Erst unter der Herrschaft der gestrengen Isabella von Kastilien kam es zur Unterdrückung und
Vertreibung der Juden und der Muslime. Es ist also durchaus möglich, dass die Menschen mit verschiedenster religiöser Ausrichtung in Frieden miteinander leben können. Vielleicht öffnen sich
unsere Kirchen für Muslime (wie für Juden). Und zwar zu eigenen Gottesdiensten! Dazu müssten wir die Menschen einladen. Wäre es möglich, dass in unseren Gotteshäusern die Symbole Andersgläubiger
einen kleinen Platz finden? Das wäre ein wunderbares Zeichen, das Frieden signalisieren würde. In der Tageszeitung vom 22.10.18 war zu lesen, dass bei den Passionsspielen in Oberammergau
im Jahre 2020 ein Muslim die Rolle des Verräters übernimmt. Ein anderer Muslim bekommt mit Nikodemus eine wichtige Rolle. Das sind gute Signale! Fantasie im Umgang miteinander ist
gefragt.
Dass die von uns anzustrebende Offenheit gegenüber anderen Denkmöglichkeiten verwundbar macht, das muss unbedingt dazugesagt werden. Keiner soll Schaden erleiden. Dazu
verweise ich auf eine Predigt von Papst Franziskus, die ich an anderer Stelle schon angesprochen habe. Lesen Sie selbst im Internet.