V 32rel RELIGIONEN
Ich spreche jetzt von unseren Verwandten. Im kirchlichen Sprachgebrauch würde es heißen: Brüder und Schwestern im Glauben. So meine ich es auch. Möchte es aber sprachlich nicht so hoch hängen. Ich sage einfach, wir haben Abraham und alle die Propheten gemeinsam, bis hin zu Maria, die - soweit ich das überblicke - in allen drei Buchreligionen verehrt wird. Wie das aber so mit der Verwandtschaft ist, der Eine geht dahin, der Andere dorthin. Neue Einflüsse bestimmen das Weltbild der Leute, die immer noch Brüder sind, sich aber eben in einer anderen Richtung weiterentwickeln. Leider gehört das auch in unserer Welt dazu, dass sich manche Brüder irgendwie gar nicht mehr gut vertragen, wahrscheinlich, weil die jeweiligen anderen neuen Erkenntnisse blind machen für das Gemeinsame. Da gibt ein Wort das andere und am Schluss ist es so, dass man sich gar nicht so freundlich anschaut und niemand weiß so recht, an was sich der Streit - dessen Ursprung lange zurückliegt - entzündet hat. Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, wird mir diese Erfahrung gern bestätigen.
Es ist also eine Binsenweisheit, dass viele Geschwister beim Heranwachsen auseinanderstreben und wegen Meinungsverschiedenheiten - vielleicht sogar im Hinblick auf die Rechte am Vaterhaus - den
Kontakt zueinander verlieren. Gott sei Dank wird manchem beim Reiferwerden klar, dass es ganz wichtig ist, die natürliche Gemeinschaft wieder lebendig werden zu lassen. Und das ist tatsächlich
auch notwendig. Wenn wir in die Weltliteratur blicken, werden wir genügend Beispiele für Konflikte zwischen Familien finden. Romeo und Julia - dieses doch wohl von Herrn Shakespaere erfundene
unglückliche Paar - wurden Opfer derartiger Familienstreitigkeiten. Und solche Geschichten gibt es genug. Wichtig erscheint mir im Moment die Feststellung, dass man solche
Zwistigkeiten wieder in Ordnung bringen kann. Und in Ordnung bringen sollte. Und schauen, dass man dem Anspruch auf "Patriarchat" der Herren alter Prägung nicht immer gleich nachkommt und
ihen immer mal wieder klarmacht, dass Frauen auch Rechte haben.
Nun sind wir angelangt bei unserem Verhältnis zu den beiden anderen Buchreligionen. Es wird endlich Zeit, dass wir alle aufeinander zugehen. Im Hinblick auf die Israeliten scheint es so zu sein,
dass wenigstens die große Mehrheit der Menschen heutzutage den Prozess der Aussöhnung für absolut richtig und wichtig hält und auch unterstützt. Diese freundschaftliche Zuneigung beinhaltet aber
auch die gutgemeinte Kritik, beispielsweise an der momentanen Siedlungspolitik. Es steht uns als Freunden dieses Volkes durchaus zu, die politischen Aktivitäten des Staates einer Beurteilung zu
unterziehen.
Wenn wir auf die Muslime schauen, dann haben wir ein schwer zu beurteilendes Bild, weil sich alle Ereignisse, die mit dem Flüchtlingsstrom in irgendeiner Weise zusammenhängen, auf Menschen
beziehen, von denen ein Großteil wohl Muslime sind. Zumindest wird das von der Bevölkerung so wahrgenommen. Umso wichtiger ist es, Kontakte zu knüpfen und Vorurteile abzubauen. Der politische
Islam erschwert - auch wenn er fern ist - schon allein durch seine Präsenz das Entstehen von Gemeinschaft, denn es wird uns vermittelt, zum Islam gehören militantes Auftreten und
Gewaltbereitschaft. In Kriegen und terroristischen Aktionen stellen sich diese Islamisten dem Friedensprozess in den Weg. Es müsste deshalb von unserer Seite zwischen dem politischen Islam und der Religion als solcher differenziert werden. Wenn man diese Unterscheidung
vornimmt, lassen sich bei gutem Willen die Wege zum Leben im Miteinander finden. Es hilft diesem Prozess sehr, wenn die Signale des Entgegenkommens vonseiten der Muslime kommen. Das hilft, viele
Vorurteile bei der Bevölkerung abzubauen. Ich denke da an das sehr positive Engagement der Autorin Sineb El Masrar.
Sineb El Masrar ist 37, in Hannover geboren als Tochter marokkanischer Einwanderer, Vater Kfz-Schlosser, sie selbst staatlich geprüfte
Sozialassistentin, Kauffrau und seit 2006 Herausgeberin der von ihr gegründeten Frauenzeitschrift „Gazelle“. Sie war Mitglied einer Integration-Arbeitsgruppe im Kanzleramt und drei Jahre Mitglied
der Deutschen Islam-Konferenz. „Muslim Girls“ hieß ihr erstes Buch, und jetzt als „Muslim Men“. Es sind Versuche des Brückenbaus zwischen Kulturen, mit kritischem Blick auf beide
Seiten...
Sineb El Masrar hat mit vielen muslimischen Männern gesprochen für ihr Buch... Was sie damit zeigen will, ist: Es ist nicht der Islam, der Extremisten erzeugt, sondern Extremisten benutzen den Islam. Weit mehr als die Religion, sagt El Masrar, sind Familie, soziale Strukturen und das Patriarchat, das muslimische Männer prägt... El Masrar möchte einen emanzipierten und aufgeklärten Islam. Islamische Werte, sagt sie, können auch einer christlichen oder westlichen Gesellschaft etwas geben...
Letztlich beschreibt Sineb El Masrar einen Kampf, der in der muslimischen Gesellschaft geführt wird, zwischen einem reaktionären Islam, den sie ohne Mehrheit
sieht, aber der die Schlagzeilen macht, und einem emanzipatorischen Islam, den sie will, der den Kampf aber wohl noch lang nicht gewonnen hat.
Sehen Sie da Parallelen zu anderen Religionen? Ich schon. Das mag genügen, um deutlich zu machen, dass Reformbestrebungen in
der islamischen Welt im Gange sind. Diese Bestrebungen sind auch bei den Spitzen der Staaten spürbar. Als erster Papst ist Franziskus im Februar 2019 auf eine Einladung des Kronprinzen Mohammed
bin Said Al Nahjan in die Vereinigten Arabischen Emirate gereist. Er war Gast bei einer interreligiösen Konferenz, bei der auch hochrangige Islamgelehrte und jüdische Rabbiner dabei waren.
Alleine das - und die Tatsache, dass der Pontifex überhaupt hier ist - ist schon historisch, wie dieser Besuch ein ums andere Mal bezeichnet wurde. Von den hochrangigen Vertretern der Religionen wurde gemeinsam ein „Dokument über menschliche Brüderlichkeit“
unterschrieben, darin heißt es, dass Christen und Muslime in aller Welt für einen Dialog der Kulturen und gegenseitiges Verständnis eintreten wollen.
Über dieses Treffen wurde in der Tageszeitung vom 5.2.19 berichtet. Nun ist es meist so, dass wir solche Verlautbarungen zwar lesen, aber dabei nicht bedenken, welche Bedeutung solchen
Konferenzen tatsächlich zukommt. Ja, ich denke, dass so eine gemeinsame Erklärung mit dem Ziel Frieden etwas ganz Großes ist. Erinnern wir uns an den Geschichtsunterricht. Da wird stets von
Ereignissen berichtet, die uns als Religionskriege erklärt wurden: Kreuzzüge, die Eroberung Konstantinopels, die Schlacht vor Wien - all diese und noch andere Ereignisse zeigen auf blutige
Auseinandersetzungen zwischen den Angehörigen zweier Religionen, die letztlich gemeinsam den einen Schöpfergott verehren.
Ich darf auch daran erinnern, dass sich der Philosoph Panikkar ein „Konzil von Jerusalem“ gewünscht hat, bei dem der Grundstein für den Frieden zwischen den Religionen gelegt werden sollte. Es sollte ein Konzil sein, das den Aussöhnungsprozess zwischen den Religionen beflügelt. Ich denke, das Treffen zwischen Papst Franziskus und dem Großscheich der in der islamischen Welt einflussreichen Al-Azhar-Universität von Kairo kann sicherlich als eine Erfüllung des Lebenswunsches von H. Panikkar gewertet werden, also als einen ganz großen Schritt in Richtung Frieden, denn der Frieden unter den verschiedenen Religionen ist die erste Voraussetzung für Frieden überhaupt.
Wenn ich die Bestrebungen von El Masrar verfolge, die einen neuen Islam will, dann kommen mir unwillkürlich die Bemühungen von Papst Franziskus „im eigenen Haus“ in den Sinn. Es scheint da also
Parallelen zu geben. Wenn es in der katholischen Kirche nach dem Willen derjenigen geht, die sich herzlos an Vorschriften und Regeln halten, die im Laufe zweier Jahrtausende zementiert wurden,
wird eine solche Kirche dem Ansturm, der sich durch die Entwicklung der Menschheit zur Mündigkeit ergibt, nicht standhalten. Eine solche Kirche würde zerbrechen. Und die wachsende Zahl von
Kirchenaustritten scheint dieser meiner Ansicht recht zu geben. Änderungen sind dringendst angefragt. Vor allem - das zeigen Ausmaß und Art
des Machtmissbrauchs - muss der Klerus selbst herabsteigen vom Thron der Macht. Das geht, Papst Franz macht das vor.
1980 war ich in Jerusalem und während des Besuches der verschiedenen heiligen Stätten hat einer der Mitreisenden ein Gespräch mit einem hochrangigen Vertreter des Islam begonnen. Für mich war es
aufschlussreich, dass dieser einfache Mann, mit dem wir uns recht freundlich unterhalten hatten, nach meiner Rückreise in die Heimat zufällig auf einer Konferenz im Fernsehen zu sehen war. Sagen
wir es mal so: Das ganze Weltgeschehen ist vielleicht gar nicht so weit weg von uns. Und es tut gut, wenn man spürt, dass bei weiterblickenden Menschen - egal welcher Religion sie angehören - der
Wunsch nach Frieden vorhanden und sehr intensiv vorhanden ist.