VII 35kri KIRCHE NAHE?

VII 35kri KIRCHE NAHE

Kirche weltfremd? - Oder etwa nicht? Die Kirche kann nur Kirche bleiben, wenn sie sich in allen ihren Entscheidungen auf Christus berufen kann. Es ist nur ehrlich, wenn man über das Verhalten der Kirche spricht. Auch wenn das manchem Kirchenoberen nicht gefällt. Dass die Christen mündig werden wollen, das hat man in manchen Kreisen einfach noch nicht richtig wahrgenommen. Man wird es wahrnehmen. Hoffentlich nicht zu spät.

 

Was bist Du mir? Der Freund, zu dem ich flüchten könnte;

der Mensch, den ich unendlich verehre;

dem ich Freundin sein zu dürfen wünsche. Was soll ich sonst noch sagen?

Ich liebe Dich nicht in der eindeutigen Art, die man Liebe nennt.

Aber ich bin Dir von ganzem Herzen zugeneigt, mit einem immer neuen Erschrecken darüber,

dass ausgerechnet Du mich liebst.

Schau, jetzt, wo ich in der Stille bin, kann ich erst wieder begreifen, was Deine Liebe ist.

Und wie bitter, dass Du die meine nicht hast, nicht haben kannst.

 

Die wenigen Worte lassen uns ahnen, um was es geht. Zwei Menschen fühlen sich einander verbunden und können doch nicht in der Art zueinanderkommen, wie das von der Natur (oder von Gott) vorgesehen ist. Die Sätze hat Luise Rinser in einem Brief am 16.2.1965 an den berühmten Theologen Karl Rahner geschrieben. Ich habe den Text dem Buch „Gratwanderung“ der genannten Autorin entnommen (S.274). Über zwanzig Jahre waren die beiden - ich denke: liebenswerten - Menschen miteinander eng befreundet. Einzelheiten finden Interessierte in dem genannten Buch. Ich möchte dazu nur sagen, dass das wirkliche Leben eigentlich erst da beginnt, wo Menschen einander begegnen und zwar in ihrem Innersten. Herr Buber hat das recht schön dargelegt. Und eine derartige "gute Beziehung" scheint es wohl zwischen Karl Rahner und Luise Rinser gewesen zu sein. Welcher Moralapostel möchte da den Zeigefinger warnend heben und verurteilen? Ein solcher Mensch würde alles verraten, was heilig ist. Und Barmherzigkeit der Kirche würde bedeuten, allen Kirchenleuten zuzugestehen, was wir Weltmenschen als selbstverständlich ansehen. Im Übrigen findet sich Rahner mit dieser Situation in guter Gesellschaft. Papst Johannes Paul II.  war ebenfalls als höchster Würdenträger jahrelang freundschaftlich einer Frau verbunden und etwas Ähnliches weiß man von Kardinal Faulhaber. Gut so, alles Männer mit Herz. Ohne solche Menschen, wie Sie es waren, würde die Kirche schon versteinert sein. Sie machen uns, den Nachfahren, Hoffnung. Nun wende ich mich wieder dem eigentlichen Thema zu.  

 

Die Kirche verbietet ihren Priestern zu heiraten. Warum, das weiß seit rund tausend Jahren eigentlich niemand so genau. Die angeblichen theologischen Gründe für das Zölibat sind zumindest für mich nicht überzeugend. Am ehesten ist noch vorstellbar, dass man diese Regelung eingeführt hat, damit die Kirche nicht für den Unterhalt von Frau und Kindern des Priesters aufkommen musste. Schließlich hatten die Pfarrer ihre Pfründe und die sollten für den nachfolgenden Amtsinhaber weiter zur Verfügung stehen.

 

Das Pflichtzölibat nämlich ist etwas, das der Freiheit des Menschen, die Gott für uns will, konträr gegenübersteht. Auf jeden Fall hat die Kirche ihren Dienern etwas weggenommen, was Gott uns allen geschenkt hat, die Gemeinschaft zwischen Mann und Frau.

 

Gefordert: Barmherzigkeit für die eigenen Leute

 

Eine Härte der besonderen Art bekommen diejenigen Priester zu spüren, die irgendwann feststellen, dass das Single-Dasein doch nicht das ihre ist. Anders gesagt: Sie lernen möglicherweise die Liebe kennen und erfahren diese starke Kraft, die den Tod nicht fürchtet und wollen das, was ihnen so viel bedeutet, nicht heimlich tun, weil sie spüren, dass die Liebe eine gute Kraft ist. Pfarrer, die heiraten, müssen gehen. Ohne Beruf, ohne finanzielle Hilfe, ohne die Möglichkeit, im Religions-Unterricht oder anderweitig für die Kirche in dem Fach tätig zu sein, das sie gelernt haben. Petrus hat seinen Herrn dreimal verraten. Doch der Herr hat Seine Kirche trotzdem diesem Seiner Jünger anvertraut. Und Er wusste sicher, warum er das tat.

 

Eine Vorschrift, an der die katholische Kirche seit einem Jahrtausend festhält, ist das Zölibat. Katholische Priester dürfen nicht heiraten. Es stehe der Kirche frei, solche Bedingungen zu stellen; schließlich braucht, wer das nicht will, ja kein Priester zu werden - sagt die Kirche. Und Jesus war auch nicht verheiratet. Das war allerdings eine andere Situation. Jesus hat sich aus freiem Entschluss nicht an einen Menschen gebunden. Sonst wäre Seine Mission nicht möglich gewesen. Das hat Er der Frau, die Ihn liebte, auch klar gemacht. Es gibt ein ausgezeichnetes Gemälde, das diese Situation darstellt. Es steht im "Panorama" in Altötting. Jesus erklärt der Frau, die Ihn liebt, dass sie Ihn nicht berühren darf.

 

Es ist aber nicht unbedingt schlüssig, dass das, was Christus aus Liebe für uns getan hat, Seinen Nachfolgern zur Pflicht machen zu müssen. Die Kirche legt den Priestern mit dem Zölibat eine große Last auf. Jesus hat aber zu Seinen Nachfolgern gesagt, dass "Seine Last leicht ist".

 

Also ist niemand berechtigt, Anderen unnötige Lasten aufzubürden. Wenn Jesus so etwas gewollt hätte, hätte Er dann die Schwiegermutter des Petrus geheilt?  Übrigens: Jesus war gar nicht gut auf die Leute zu sprechen, die Anderen Lasten aufbürden.

 

Wenn man auf die Haltung von Jesus schaut, dann kann man sich fragen, ob sich die Kirche als Institution wirklich an der Barmherzigkeit Jesu orientiert. Wenn einer sich eine lange Zeit als Priester für die Kirche engagiert hat, dann sollte das doch auch irgendwie honoriert werden. Das kann es doch nicht sein, dass Menschen sich wegen einer einmaligen beruflichen Fehlentscheidung in die Ecke gedrängt fühlen müssen und als Priester keine Möglichkeiten für einen geordneten Ausstieg mehr haben. Man kann das auch mit den heute gängigen Formulierungen ausdrücken: Für Priester ist kein Prixit vorgesehen.

 

Dieses Thema geht mich eigentlich gar nichts an - könnte man mir entgegnen. Und wenn jemand so zu mir spricht, dann kann ich getrost antworten, dass ich in meinem Leben genug an Not gesehen habe, Not, die es ohne diese Regelung nicht geben würde. Das ist meine Legitimation, dass ich als Arzt und Mitmensch mich für etwas ins Zeug lege, das mich selbst - Gott sei Dank - nicht betrifft.  Es geht um etwas, das ich für eine überhaupt nicht sinnvolle Regelung der Institution Kirche halte. Eine Regelung, für die ich beim besten Willen kein Verständnis aufbringen kann. Warum quält die Kirche ihre eigenen Leute, ihre engagierten Mitarbeiter mit dem Zölibat, das meines Erachtens seinerzeit nur erfunden wurde, damit die Kirchenpfründe nicht verloren gehen? Sicher hat man da auch theologisch anmutende Erklärungen parat. Doch sind das echte Gründe?

 

 Am 20.2.2018 konnte man aus der Tageszeitung erfahren, dass Franz Jung, der neu ernannte Bischof von Würzburg, es für "vorstellbar" hält, dass es künftig auch verheiratete römisch-katholische Priester gibt. Papst Franziskus selbst habe diese Diskussion auf weltkirchlicher Ebene angestoßen.  Wir werden erleben, was bis jetzt als undenkbar gegolten hat. Im Zusammenhang mit einer anderen Verlautbarung hat Bischof Oster (Diözese Passau) im Spätsommer 2018 prognostiziert, dass sich die Kirche nun auch der Diskussion um Themen wie eine Änderung der Sexualmoral oder der Abschaffung des Zölibats stellen müsse. Gut, wenn sich da etwas bewegt. Vielleicht würde eine (gesichert) anonyme Umfrage unter den Priestern eine Weisung für den Weg in die Zukunft bringen? Diesen Mut zum Ändern sollten die Verantwortlichen aufbringen. Manch einer von den Menschen, die in den unteren Rängen (das ist keine Abwertung) im Sold der Kirche stehen - also von denen, die als Pfarrer verantwortlich einer Gemeinde vorstehen - haben keine Möglichkeit, ihren Wünschen Nachdruck zu verleihen.

 

Wieso eigentlich? Sie können doch frei reden! Ganz einfach: Weil man ihnen entgegnen würde: Ihr habt das doch gewusst, als ihr den Priesterberuf gewählt hat. Aber wenn die Bischöfe diese Diskussion von sich aus anregen oder gar Umfragen starten, dann wäre das gut, denn von ihrem Vorgesetzten in Rom werden sie wohl kaum Schwierigkeiten bekommen. Im Gegenteil, die Chancen für eine Änderung waren noch nie so gut wie jetzt. Ich denke, dass Papst Franziskus Änderungen bringen kann, wenn die Problematik sozusagen als Arbeitsauftrag von den Bischöfen an ihn direkt herangetragen wird. Ich fände es vernünftig, das Zölibat endlich aufzuheben. Nur sollten wir uns im Hinblick auf den noch zu besprechenden Missbrauchsskandal nicht zu viel davon erwarten. Die erzwungene Ehelosigkeit der Priester ist nur eine Teilursache für die Verfehlungen, die meines Erachtens mehr mit der klerikalen Macht zu tun haben. Die Kirche hat viele dieser Taten (wahrscheinlich sogar die meisten) nicht vor die Gerichte gebracht. Sie hat die Täter teilweise sogar weiter agieren lassen. Dem Unrecht Einhalt zu gebieten, das hätte nicht nur die Barmherzigkeit gegenüber den Opfern verlangt. Weiteres Unrecht zu verhindern, wäre unbedingt notwendig gewesen. Das sagt uns ein allgemeines Rechtsempfinden. 

 


Ich bringe nun einen Gastbeitrag von Herrn Armbruster-Mayer, den er mir freundlicherweise hat zukommen lassen. Ich denke, es ist sehr interessant, was er uns hier zu lesen gibt.

 

Ist das Zoelibat heute noch berechtigt

 hat es doch viel Unheil verursacht

 

Aus aktuellem Anlass: Zum Reformvorhaben der katholischen Kirche.

 

Zum vorliegenden Thema könnte die Überschrift auch lauten:

„Verachtet die Liebe nicht. Entehrt das Zoelibat die Schöpfung Gottes?“

 

In der Vergangenheit und in der Gegenwart war und ist das Zölibat sehr umstritten. Es gibt immer noch ein geistiges Umfeld, das von Unverständnis oder rigoroser Strenge geprägt ist. Über ein Jahrtausend hinweg wurde das sexuelle Erwachen – ausgehend von den Kirchen - irritierend negativ bewertet. Es galt als Übel, jedenfalls galt es nicht als Teil der guten Schöpfung Gottes, wie es der weiter unten erwähnte Professor Hubert Wolf formulierte. Es ist kaum zu glauben, dass es heute noch im 21. Jahrhundert Menschen gibt, die unter tiefsitzenden Gewissensängsten leiden und kein normales Verhältnis zur Sexualität finden. Diese Ängste gehen oft bis in die Kindheit zurück, weil die Sexualität von der Kirche verpönt und als Sünde dargestellt wurde. Es waren die Päpste, die aus falschem kultischen Reinheitsverständnis und vor allem aus finanziellen Erwägungen heraus im Jahre 1139 das Zölibat für alle katholischen Priester zur Pflicht machten. In Wirklichkeit bräuchten manche Kleriker und Priester keine „Zwangsjacke“, sondern dringend ethische Aufklärung darüber, was liebende Sexualität bedeutet, so wie es Erich Fromm in seinem Büchlein „Die Kunst des Liebens“ beschrieben hat.

 

Der schon genannte Prof. Dr. Hubert Wolf erklärte, das Zölibat für Priester sei weder historisch noch theologisch gerechtfertigt. Herr Wolf ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und lehrt an der Universität Münster. Weiter schreibt er über die willkürliche Zwangsverordnung zum Zölibat, dass es weder einen Auftrag von Christus noch ein anderes göttliches Gebot oder eine apostolische Anordnung gibt, die das Zölibat für Priester verbindlich vorschreiben würde. Leider hat das Zölibat über Jahrhunderte hinweg unendlich viel Leid verursacht. Denken wir nur an die vielen Missbrauchsfälle bis in unsere Zeit, die - wenn auch vielleicht nur indirekt - mit dem Zölibat in Verbindung gebracht werden müssen. Hier möchte ich auf das neueste Buch von Professor Wolf verweisen: „Zölibat - 16 Thesen“ erschienen im Verlag C.H. Beck München. Ich beziehe mich auf das Kapitel: „Das alte System ist am Ende.“ Hier lesen wir: „Die Abschaffung des Zölibats als Instrument des Machterhalts muss Teil einer grundlegenden Reform des hierarchisch klerikalen Systems sein. Die verpflichtende Ehelosigkeit ist ein Risikofaktor im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch durch Priester.“ Leider gibt es eine Vielzahl von Berichten über tiefe psychische Verletzungen, die im Zusammenhang mit klerikaler Macht zu sehen sind. Um zukünftig jeglichen Missbrauch zu verhindern, gilt es - wie Hubert Wolf schreibt - zunächst einmal die verkrusteten Strukturen aufzulösen. Anerzogene Gewissensängste – hervorgerufen durch überzogene Moralvorstellungen - verhindern die Entwicklung einer freien und liebesfähigen Person (Ich-Findung). Die Generationen übergreifende Kette von Schuldgefühlen und Gewissensängsten muss durchbrochen werden.

 

Im Folgenden geht es um ein Traumbild, das diese Thematik und deren Folgen verdeutlichen kann: Ein junger Mann - so wird berichtet - stand stumm und regungslos am Rand einer blühenden Blumenwiese. Eine etwa gleichaltrige Frau kam in Freudensprüngen auf ihn zu. Doch im letzten Moment erschrak sie, wandte sich ab und entfloh aus dem Traumbild. Die junge Frau hatte anscheinend erkannt, dass der Mann unfähig war, ihre Liebe zu erwidern. Wer die tiefe Bedeutung dieses Traumbildes verstehen will, der betrachte die zwei völlig unterschiedlichen Bilder dieses Traums: Das eine zeigt eine in gesunder Lebensfreude hüpfende junge Frau auf einer Blumenwiese, ein Symbol für Lebensfreude. Dem gegenüber erkennt man eine in sich erstarrte krankhafte Person, der es nicht möglich ist, die ihm entgegenkommende Liebe anzunehmen. Anerzogene zu strenge Moral war wohl der Grund für dieses Unvermögen. Hier zeigt sich deutlich, dass falsche Lehren - über Generationen hinweg von Klerikern vermittelt – ernste Folgen haben: Geist und Psyche werden gelähmt! Aus dem Traumbild lässt sich auch für den Laien erkennen, dass sich der Träumende plötzlich einer ungetrübten Lebensfreude gegenübersah, die er bisher selbst nicht hatte verwirklichen könne.

 

Schon Hippokrates berichtete, dass durch falsches Gedankengut nicht nur der Geist, sondern auch die Physiognomie des Menschen gelähmt werden kann. Falsche Lehren wurden damals von dem berühmten Arzt der Antike als krankmachend beschrieben. Wenn eine Lehre mit solch einer Forderung, wie sie das Zölibat darstellt, die Glaubenswilligen – genauer gesagt, deren Führungspersönlichkeiten - in eine krankmachende Zwangsstruktur versetzt, so ist diese Lehre als Irrlehre zu bewerten. Eine solche „Lehre“ steht im krassen Gegensatz zu der Lehre Jesu, durch die uns Anmut und Würde zuteilwird. Um es mit den Worten von Leo Tolstoi zu verdeutlichen: „Wer die Lehre Christi begreift, hat dasselbe Gefühl wie ein Vogel, der bis dahin nicht wusste, dass er Flügel besitzt und nun plötzlich begreift, dass er fliegen… kann.“

 

Zu den Reformvorhaben des „Synodalen Weges“ müssen den Worten des Propheten Jesaja (57,14) entsprechende Taten folgen: „Hebet die Anstöße aus dem Wege meines Volks!“, wobei man für das Wort „Anstöße“ auch „Zölibat“ setzen könnte. Es darf daran erinnert werden, dass die Priester nach den Worten des Apostels Paulus die Aufgabe haben, den christlichen Glauben zum „Wohlgeruch der Erkenntnis“ werden zu lassen (2 Kor 2,14-16, Einheitsübersetzung 2016). Doch wie die Vergangenheit zeigt, führte das Tun der Kirchenoberen nicht zu einem guten „Geruch“ der christlichen Lehre. Der katholische Theologe Professor Wucherpfennig bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, „Wir müssen den Blick mehr auf die Bibel richten.“ Und gerade im Hinblick auf das Zölibat, das aus finanziellen Gründen (Sicherung der Kirchenpfründe) eingeführt worden war, muss man hervorheben: Das Wort Gottes darf nicht verfälscht werden, „Denn wir sind nicht wie die vielen, die das Wort Gottes verfälschen“, so heißt es weiter bei 2 Kor 2,17.

 

Die Bestrebungen des Synodalen Weges beinhalten auch die sogenannte Frauenfrage. Da sieht auch Herr Wucherpfennig „viel Spielraum nach oben, der bislang nicht ausgeschöpft sei“. Es lässt sich erkennen, welch große Bedeutung die Frau in der Schöpfung hat. Sie ist die schöpferische und Leben spendende Kraft in unserer Welt. Wenn die katholische Kirche die Bedeutung der Frau nicht besser bewertet, so braucht man sich nicht zu wundern, wenn immer mehr Frauen unter der Bezeichnung „Maria 2.0“ aufbegehren. Es ist hervorzuheben, dass es vor allem Frauen sind, die sich nicht mehr durch Forderungen einschüchtern lassen wollen, die mit dem Auftrag Jesu nichts zu tun haben.

 

Der Gottesmutter wird zu Recht hohe Ehre erwiesen. Vergessen wir dabei nicht, dass die Frauen in unserer Zeit in ihren Entfaltungsmöglichkeiten gerade von der katholischen Kirche massive Benachteiligungen hinnehmen müssen. Im Gegensatz dazu steht die Verehrung der Mutter Jesu, die sich selbst als eine Dienerin des Herrn sah, so wie viele andere Frauen.

 

                 Reinhold Armbruster-Mayer Ulm, 14.11.2020  

                                                            Text unter Mitarbeit von Manfred Krätzschmar erarbeitet. 

                                                     


Nur so nebenbei: Kennen Sie vielleicht die sympathische Schauspielerin Michaela May? Die charmante Dame hat in einem Interview mit einem Boulevardblatt den Zölibat in der katholischen Kirche kritisiert: "Es muss auch in der katholischen Kirche ein Familienleben für Geistliche geben... Es geht mir gegen den Strich, dass die Kirchenmänner Wahrheit predigen und Unwahrheit leben", konnte man am 17.6.2021 aus der Tagespresse erfahren.

 

Andere bisher "gebremste" Reformvorhaben

 

Lange gefordert, doch von Rom immer wieder behindert, kommt es - wir schreiben das Jahr 2021 - zu immer neuen Ansätzen, den Forderungen der Basis mehr Nachdruck zu verleihen. Meist sind es nur kleine Notizen in den Tageszeitungen, die darauf aufmerksam machen, dass da "etwas im Gange" ist, das sich wohl auf längere Sicht kaum mehr aufhalten lassen wird: Das Aufbrechen von Strukturen. Schon in den vergangenen Jahren haben engagierte Frauen, darunter auch Klosterfrauen, mit der Aktion Maria 2.0 klar gemacht, dass die im Bereich der Kirche tätigen Frauen mehr Mitspracherecht fordern. Und solch ein Mitspracherecht steht ihnen natürlich zu. Nur ist es anscheinend sehr schwer, gegen klerikale Macht (und die Jahrtausende gepflegte Männer-Tradition) anzukommen.

 

Das ist schon bei den Versuchen zur Aufarbeitung der Missbrauchsskandale der Öffentlichkeit bekannt geworden. Es gibt ja genügend Beispiele dafür, dass hochrangige Kirchenvertreter diese Thematik immer wieder verschleppt haben. Ein Fall aus Köln zu Beginn des Jahres 2021, ein Fall, über den ich mich schon im vorherigen Kapitel eingehend geäußert habe: Der residierende Bischof hat ein Gutachten erstellen lassen, aus dem hervorgeht, dass er an Vertuschungsskandalen nicht beteiligt ist. Das klingt gut. Dass ein vorher erstelltes Gutachten nicht veröffentlicht worden ist, sondern unter Verschluss bleibt, macht die Kirchenbasis allerdings unruhig. "Gab es vielleicht doch etwas zu vertuschen?" So werden die Leute fragen. Niemand wird diese Frage jemals beantworten. Und das ist ein Umstand, der niemanden zufriedenstellt. Das ist nicht das, was man heutzutage unter Transparenz versteht. Man kennt das ja aus dem täglichen Leben, dass es Leute gibt, die solange von Arzt zu Arzt laufen, bis einer gefunden wird, der für das Kind das gewünschte Attest (für die Befreiung vom Sport oder ähnliches) ausstellt. Aus der Zeitung konnte man immer wieder hören, dass Menschen die Befreiung von der Maskenpflicht wollten - und oft genug bekommen haben. Auch wenn keine medizinischen Gründe wie schwere Atembeschwerden dafür vorlagen!

 

Zeitungsnotiz vom 18.5.2021: Zum Tag der Apostelin Junia am Montag (17. Mai) organisierte die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) zum zweiten Mal einen bundesweiten Predigerinnentag. Zwölf Frauen, darunter mehrere Gemeindereferentinnen, predigten dabei an zwölf Orten im gesamten Bundesgebiet, teilweise auch schon am Wochenende. Ich denke, dass es gut ist, wenn solche Zeichen gesetzt werden.

 

Ein anderes: Mit wechselseitigen Einladungen zum Abendmahl haben katholische und evangelische Christen bei dem am Sonntag (16.5.2021) beendeten Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt "Zeichen der Einheit" gesetzt. So formulierte es der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing. Auf dem Bild dazu ist der katholische Pfarrer Johannes zu Eltz zu sehen, wie er im Frankfurter Dom St. Bartholomäus der evangelischen Präsidentin des 3. Ökumenischen Kirchentages, Bettina Limperg, bei einem Gottesdienst eine Oblate reicht, das würde nach katholischem Verständnis eine geweihte Hostie sein. Und das könnte in den Augen mancher katholischer Kleriker nicht "in Ordnung" sein. Ich füge noch hinzu, dass ich vor 50 Jahren noch evangelisch war. Auf meine Frage an einen verständnisvollen Katholiken, ob ich denn "zum Tisch des Herren" gehen dürfe, meinte der, das sei schon rechtens, nur müsste ich eben glauben, dass die geweihte Hostie ihrem Wesen nach als "Christus in Gestalt von Brot" verstanden werden muss. Ist doch eine gute und klare Ansage. Oder?

 

 

Ein älteres Problem eher der evangelischen Christen: Pietismus

 

Zuvor eine kleine Anmerkung: Ein großer deutscher Dichter war es, der unter dem pietistischen "System" sehr gelitten hat. Hermann Hesse hat in einigen seiner Erzählungen von der Glaubensnot berichtet, die ihm in jungen Jahren schwer zu schaffen gemacht hatte. 

 

In diesem Kapitel will ihnen vom Pietismus berichten, von der ich meine, dass er nur noch in bestimmten Gegenden eine Rolle spielt. Denn in die moderne, eher gottlose Zeit, passt diese Form der Frömmigkeit kaum. Also: Es ist eine "Richtung" in der evangelischen Kirche, in der man "päpstlicher als der Papst" wäre, wenn diese Gemeinschaft denn einen solchen Oberhirten hätte. Zuerst einmal zu einem Buch über die Pietisten. Herr Gotthold Knecht entstammt einer pietistischen Familie und hat in seiner Verwandtschaft einige Brüder in der "pietistischen Gemeinschaft". In seinem Buch "Betroffen vom Pietismus" setzt er sich kritisch mit seinen "Brüdern" auseinander und wenn man in das Büchlein hineinschaut, dann merkt man wohl, dass er es sich mit seiner Kritik nicht leicht gemacht. Bei Denkhaus Blaubeuren ist das Buch erschienen. Die einfache Aufmachung - der Text entspricht einer verkleinerten mit der Schreibmaschine hergestellten DIN A4-Seite - erinnert mich ein wenig an die Doktorarbeiten früherer Jahre. Das ist wohl Ausdruck der sprichwörtlichen schwäbischen Sparsamkeit. Und passt gut zu den Pietisten, von denen man sicherlich sagen kann, dass sie die Schöpfung ehren und achten. Mit ein paar Sätzen hat Knecht das "Milieu" der Pietisten gut charakterisiert:  

 

"Die geht zum Tanzen - sie hat den Geist Gottes nicht. Das Bauernmädchen zieht sogar Sonntags Hosen an - die ist auch nicht bibelfest. Die Bundesregierung gibt Geld für Bälle aus - was soll man von ihr Gutes und Christliches erwarten können? Der Pfarrer raucht Pfeife bei der Predigtvorbereitung - wie soll da der Heilige Geist wirken können?" Der Verfasser hat das sehr anschaulich gemacht, was den Pietismus so hervorhebt. Und schließlich wird auch noch gesagt, dass die Pietisten recht brave Familienmenschen sind. Aber ich denke, das passt schon zusammen. Der Pietismus muss wohl als eine übersteigerte Form der Frömmigkeit verstanden werden. Und man muss feststellen, dass es sehr schwierig ist, sich in einem strengen pietistischen Umfeld frei zu entfalten. Dazu bringe ich den Beitrag eines Mannes, der sehr lange Zeit brauchte, um sich als Heranwachsender von dem zu lösen, was ihm als Kind beigebracht worden war. Und immer war der Weg voller Selbstzweifel gewesen, ob es nicht etwa eine schwere Sünde sei, sich von der übersteigerten Frömmlerei abzuwenden.

 


 

Hier folgt ein weiterer Gastbeitrag von Herrn Armbruster-Mayer, Ulm  (in Zusammenarbeit mit Manfred Krätzschmar)

 

 

Falsch verstandene Frömmigkeit und ihre Folgen

 

                                  Der Mensch verlangt nach Wahrheit zur Gesundung von Geist und Psyche

 

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud schreibt in einer seiner Schriften vom „Unbehagen in der Kultur“. Dieses „Unbehagen“ soll im Folgenden näher erläutert werden, da es die Religion, insbesondere das christliche Denken, maßgeblich beeinflusst hat. Falsch interpretierte, religiöse Vorstellungen können zur Quelle menschlichen Leids werden, insbesondere dann, wenn dabei etwas abverlangt wird, das den Einzelnen in seiner persönlichen Freiheit einschränkt.

 

Ein durch religiöse Gewissensängste und Zwänge ausgelöstes Unbehagen kann ernsthafte Störungen in der Entwicklung eines Menschen zur Folge haben. Das Unbehagen äußert sich auf vielfältige Weise. Sigmund Freud behauptet zu Recht in seiner Traumtheorie, dass Träume mit der persönlichen Lebens Geschichte oft in engem Zusammenhang stehen. So spiegeln die Traumbilder der Betroffenen beispielsweise bedrückende Gewissensängste verschiedenster Art wider. Sie sind oftmals ein Hilferuf an die eigene Seele, die nach Befreiung verlangt.

 

Von Anfang an ist dem Menschen ein gesundes und glückliches Leben zugedacht. Das gilt für jedermann ob mit oder ohne christliche Gesinnung. Die vielen Heilungen, die Jesus von Nazareth zu Lebzeiten bewirkte, bestärken diese Überlegungen. Das Unbehagen von dem Freud gesprochen hat war Jesus nicht fremd. Heute wissen wir um die psychosomatischen Erkrankungen infolge seelischer Belastungen, beispielsweise durch den moralischen Zwang, den unwissende Erzieher oder Geistliche heutzutage teilweise ausüben. Im Gegensatz dazu steht die Empathie Jesu.

 

Folgende Beispiele zeigen, wie das „Unbehagen“ (Freud) zu verstehen ist. Die Folgen jahrelanger verletzender Erniedrigungen werden deutlich dargelegt im Bericht des Neuen Testamentes über eine „gekrümmte Frau“. Der hier wichtige Textteil lautet: „Und siehe, ein Weib war da, und sie war krumm und konnte nicht wohl aufsehen.“ (Lukas 13,11) Schon beim Anblick dieser Frau dürfte Jesus die gesamte Biografie dieser von Kindheit an unterdrückten Person vor sich gesehen haben. Er heilte diese Frau. Dem historischen Text entsprechend hatte diese achtzehn Jahre im Umfeld von obersten Gesetzeslehrern gelebt. Man kann erahnen, dass sie niemals die Würde einer Frau erfahren durfte. Trotz der Wohltat an dieser Frau „musste“ sich Jesus gegenüber den anwesenden Pharisäern rechtfertigen. Er entlarvte die Gesetzeslehrer als Heuchler, denn sie hatten keinerlei Verständnis für die Wohltat Jesu. Für sie galt nämlich der Buchstabe des Gesetzes mehr als der Mensch.

 

Nun komme ich auf eine Lebensgeschichte aus heutiger Zeit zu sprechen. Ein Mann mittleren Alters schildert einen Traum: Er beschreibt, wie er ein neugeborenes Kind auf dem Arm trägt. Das Kind ist in Leinentücher eingewickelt und mit Bindegarn umschnürt. Für den Fachmann könnte das „Umwickelt-Sein“ eine tiefenpsychologische Bedeutung haben. Es war zu erfahren, dass der Träumer tatsächlich eine sehr strenge christliche Erziehung „genossen“ hatte. Auch heute noch gibt es genügend solcher Schriftgelehrter und Pharisäer, die anderen Menschen „schwere Lasten aufbürden“, allerdings werden diese nicht mehr Pharisäer genannt. Jesus warnte schon damals vor diesen Leuten: „Und weh auch euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten, und ihr rühret sie nicht mit einem Finger an.“ (Lukas 11,46)

 

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang einige Sätze aus dem Bericht von der Auferweckung des Lazarus, die man auch im übertragenen Sinn interpretieren kann: „Da kam der Verstorbene heraus, seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt“. Jesus sagte zu den Umstehenden: „Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“ (Johannes 11, 44) Wenn Jesus nach der Auferweckung des Lazarus sagte: „Löst ihm die Binden!“, so könnte die Deutung lauten: Befreit ihn von den anerzogenen Gewissenszwängen, die nichts mit christlichem Glauben zu tun haben.

 

Um aus dem Gefängnis psychischer Enge herauszukommen, bedarf es verständnisvoller Gespräche mit erfahrenen Psychotherapeuten. Den betroffenen Personen ist anzuraten, extrem christliche Gruppierungen zu meiden. Es eine befreiende Perspektive zu vermitteln. Nur dann kann sich ein Selbstheilungsprozess in Gang setzen. All die Betroffenen bekommen das Bedürfnis, sich von den anerzogenen Zwängen und falscher Unterwürfigkeit zu befreien. Es muss in der Vielfalt des religiösen und spirituellen Lebens ein selbstkritisches Hinterfragen und Denken erlaubt sein, da sich andernfalls schwere Folgen für das gesamte Leben ergeben können. In den Beispielen von der „gekrümmten Frau“ und dem Mann mit dem umwickelten Kind auf dem Arm, kommt dies deutlich zum Ausdruck. Al diese Begebenheiten ereigneten sich in einem extrem strengen religiösem Milieu.

 

Eine gewisse schwärmerische Frömmigkeit – auch mit unterschwelligem Fanatismus - kann für jemanden, der ernstlich nach Wahrheit sucht, zum Schaden werden. Dies kommt auch zum Ausdruck in der Biographie von Hermann Hesse (ISBN 3-518-39588-2) Ralph Freedman. Der Fünfzehnjährige Hess schrieb seinen Eltern: „Wenn Ihr mir schreiben wollt, bitte nicht wieder Euren Christus. „Er wird hier genug an die große Glocke gehängt…“. Aus diesem unüberhörbaren Aufschrei geht hervor, dass er des schwärmerischen frommen Geschwafels überdrüssig ist, er wollte verstanden werden. Sein Brief an die Mutter war ein verzweifelter Hilferuf. In jener Zeit brachte man den jungen Hesse in verschiedene Heilanstalten, die jedoch alle pietistisch orientiert waren und deswegen keine Hilfe bieten konnten. Man hielt ihn für geisteskrank, in Wirklichkeit litt er unter den Folgen des Pietismus, der ihn in die schwere Depression getrieben hatte.

 

Leider führt das pietistische Gedankengut mit seinen strengen Regeln nicht zur Befreiung, das Gegenteil ist der Fall: Diese Art von Frömmigkeit untergräbt die Resilienz, die Fähigkeit zu widerstandsfähiger Entwicklung. Beispielsweise erkennt man dies an folgenden hier beschriebenen Träumen.

 

Der erste Traum zeigt ein zerstückeltes Pferd in einem düsteren Kellerraum. Das Bild macht die geschädigte Seele des Träumers deutlich. Durch die nun einsetzende psychotherapeutische Behandlung begann der Heilungsprozess. Um die Schwere der Erkrankung deutlich zu machen, sollte man erwähnen, dass dem Pferd in der Mythologie eine besondere Bedeutung zukommt: Das Pferd gilt nämlich als Symbol von Kraft und Stärke. Und dieses Symbol war im beschriebenen Traumbild völlig zerstört. Im zweiten Traum war ein neugeborenes im Stroh liegendes Fohlen zu erkennen. Dieser Traum verweist gewissermaßen auf den Heilungsprozess, der inzwischen eingesetzt hatte. Das Zeichen ist deutlich: Es beginnt neues Leben! Das ist ein Traum, der den Übergang zur Genesung andeutet. Im dritten Traumbild kommt die Heilung noch deutlicher zum Ausdruck: Der Träumer sah sich stolz und selbstbewusst auf einem Pferd mit wehender Fahne in der Hand. Er galoppierte über die Felder. Auch die Fahne darf als Symbol gewertet werden: Siegreich geht der Geheilte aus seiner Krankheit hervor. Aus der psychischen Unterdrückung durch den engherzigen Pietismus hatte er sich endgültig befreit. Das ist nur e i n Fall unter vielen. Solche verletzten Seelen sind keine Einzelfälle, sie sind oft genug die Folgen drohender angstmachender Erziehung. In den Büchern von Tilmann Moser „Die Gottesvergiftung“ (ISBN 978-3-518-37033-9) und Victor E. Frankl „Der unbewusste Gott“ (ISBN 978-342-335058-7) finden sich ähnliche Berichte.

 

In der „Rowohlt Monographie Kant“ vom Januar 1965 (ISBN 3-499-50101-5) wird berichtet, wie sich Immanuel Kant, der streng religiös erzogen worden war, in späteren Jahren mit Schrecken an die pietistischen Zwänge in seiner Kindheit erinnerte. Was zu Folge hatte, dass er später nie wieder in eine Kirche ging.

 

Nun möchte ich die Gedanken zweier bedeutender Gelehrter weitergeben. Diese könnten hilfreich sein für alle Menschen, die zu sehr einer einengenden Ideologie verhaftet sind. Es geht um den Mönch Meister Eckhart (1260 – 1327) und den Philosophen Spinoza (1631 – 1677). Diese beiden Männer vertreten die Meinung, dass die Freude, die im Pietismus zu kurz kommt, von sehr wichtiger Bedeutung für das menschliche Dasein ist. Freude „ist der Übergang von geringerer zur größerer Vollkommenheit des Menschen“ (Erich Fromm). Die Freude wird auch von Jesus als „Lebenselixier“ betrachtet. Er sagte (Joh. 15,11): „Solches rede ich zu Euch, auf dass meine Freude in euch bleibe…“

 

Nun kommen die Philosophen mit ihrem Wissen um die Erkenntnisse der Psychologie zur Geltung. Spinoza beispielsweise sagte, „es sollte jeder versuchen, sich der menschlichen Natur immer mehr zu nähern. Es sei sehr wichtig, ein freier, vernünftiger und tätiger Mensch zu werden. Er muss das Gut, das seiner Natur als Möglichkeit innewohnt, ausschöpfen“. Spinoza war einer der „modernen“ Bibel- und Religionskritiker. Er erklärte, „dass Psychische Erkrankungen oft als Folge falscher Lebensweise entstehen“. Man könnte auch sagen: Wo Normalität dem Menschen verwehrt erkrankt er an Geist und Seele.

 

Bisher wurde allerdings noch nichts über das Fehlverhalten in der katholischen Kirche gesagt. Hier spielt der Pietismus keine so große Rolle. Größere Sorgen bereiten die Missbrauchsskandale und deren Vertuschungsversuche. Das alles hat die katholische Kirche zutiefst erschüttert und in eine schwere Krise geführt. Auf YouTube https://www.youtube.com/watch?v=PfF_ArkQzFY findet sich ein aufschlussreiches Gespräch zwischen dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn und der ehemaligen Klosterfrau Doris Wagner. Sie berichtet, wie sie von einem Priester sexuelle missbraucht wurde. Aufgrund ihrer anerzogenen Gehorsamspflicht gegenüber Ordensoberen war sie nicht in der Lage, Gegenwehr zu leisten. Aus dem Video geht hervor, dass Frau Wagner in diesem Orden ihr selbständiges Denken aufgegeben hatte und schon längst ihren Vorgesetzten in Unterwürfigkeit gehorchte. Nach dem beschriebenen Missbrauchserlebnis lernte Frau Wagner die Ordensregeln und das Verhalten der katholischen Priester kritisch zu hinterfragen. Schließlich trat sie aus dem Orden aus, um ein neues Leben zu beginnen. Aus ihrem Buch mit dem Titel „Nicht mehr ich“ (ISBN: 978-3-426-78792-2) Knaur Verlag geht hervor, dass sie während ihres Klosterlebens einen schweren Persönlichkeitsverlust erlitten hatte. Von diesem Geschehen berichtet sie auch in einem weiteren Buch: „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ (978-3-451-38426-4) erschienen im Herder Verlag Freiburg.

 

Ich fasse zusammen: Falsch verstandene Frömmigkeit kann zum Nährboden krankmachender Neurosen führen. Verursacht durch falsche kirchliche Lehren. Um zur Quelle lebendiger Spiritualität zu gelangen, muss man sich von destruktiven Lehren trennen. Christlicher Glaube sollte selbstbestimmt sein, er unterwirft sich nicht einer Lehre oder Autorität. Er muss überprüfbar sein durch den gesunden und gereiften Menschenverstand, durch Bildung und Lebenserfahrung. Blindes Für-Wahr-Halten ist unangebracht. In diesem Zusammenhang ist der Ausspruch von Immanuel Kant zu verstehen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

 

Folgende weitere Bücher geben Erläuterungen und bestärken meine Argumentationen. Das Buch „Religiöse Neurosen, Ursachen und Heilung“ (ISBN 978-3-783-1073-57) von Helmut Hark ist derzeit nicht erhältlich. Die Broschüre „Betroffen vom Pietismus“ (ISBN 978-3-930998-00-5) wurde von Gotthold Knecht verfasst. Aufschlussreich sind auch die Romane von Hermann Hesse „Unterm Rad“ (ISBN 3-518-36552-5) und „Demian“ (ISBN 3-518-367064-4). Beide Bücher schildern, wie sich die beiden Romanfiguren aus patriarchaler Knechtschaft befreiten und zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickelten.

 

Allgemein gilt festzuhalten: Die göttliche Güte ist dahingehend angelegt, dem Menschen die Würde zu erhalten, die ihm von Anfang seines Lebens an zugedacht war.

 

                                                                                                          Armbruster-Mayer, Ulm