VII 39kri* FRAU KAPUTT
Frauen missbraucht
"Gottes missbrauchte Dienerinnen" Die Dokumentation zeigt: Es werden im Bereich der Kirche Frauen kaputt gemacht, Frauen werden im kirchlichen Dienst (!) missbraucht. Und leider ist das anscheinend gar nicht so selten. Es ist die scheußliche Spitze eines Kapitels, das die ganze Geschichte durchzieht. Nun möchte ich auf die eigentliche Problematik zu sprechen kommen. Davon weiß aber niemand. Die Kirche hat es vermocht, alle Unterdrückungen von Frauen ziemlich geheim zu halten. Schließlich sind auch die Akten der Päpstin auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Ein Umstand, der darauf schließen lässt, dass es diese Frau an oberster Stelle tatsächlich gegeben haben könnte. In gleicher Weise wie die Machtstrukturen dieser großen Institution die Verbrechen an Frauen ermöglicht haben - und wahrscheinlich auch jetzt noch ermöglichen - so gelingt es auch immer wieder mit Hilfe dieses „Apparates“ Kirche die geschehenen Verbrechen vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Frau Doris Wagner gehört zu den Frauen, denen schweres Unrecht widerfahren ist. Ihre Erfahrungen hat sie niedergelegt in einem Buch, das beim Knaur-Verlag erhältlich ist: "Nicht mehr ich" ist der Titel dieses Buches, das einen Einblick in ein Geschehen ermöglicht, das weitestgehend vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wird. Es ist ein Buch, das über die Macht und den Missbrauch von Macht berichtet. Frau D. Wagner spricht vom Orden als von der "Königsfamilie". Wie man bei Wikipedia nachlesen kann, handelt es sich bei dem beschriebenen Orden um "Das Werk". Dort kann man sich noch weitere Informationen holen. Im Buch von Doris Wagner wird des Öfteren von "Katakombenfamilien" gesprochen. Es lohnt sich, bei den Suchmaschinen diesen Begriff einzugeben. Man erfährt dort Einiges über das "Werk" und dessen Arbeitsweise. Im Übrigen geht aus dem Buch der Ex-Ordensschwester sehr schön hervor, dass die Oberen des "Werks" es fertiggebracht haben, dass auch Papst Benedikt zumindest einer Einladung dieser Organisation zu einer Feierlichkeit nachgekommen ist. Dadurch entsteht der Eindruck, dass das Verhalten von "Werk" in keinem Widerspruch zur Auffassung der höchsten Autorität der katholischen Kirche stehen würde.
In der Dokumentation des Senders Arte (Gottes missbrauchte Dienerinnen), die am 4.3.19 ausgestrahlt wurde, konnte man sich über die Praktiken der Unheiligen im heiligen Amt informieren. In wirkliche Glaubenskrisen sind die Frauen gekommen, die zu Opfern geworden sind. Es ist nicht meine Aufgabe, hier aufzuzählen, was an schlimmen Dingen dokumentiert worden ist. Es stand ja eine Zeitlang jedermann frei, sich diese Informationen selbst zu beschaffen. Nur eines noch, das mich besonders erschüttert hat, das ich in einem – ich denke, es war in diesem - Film sah:
In den ärmeren Ländern werden Nonnen von ihren Vorgesetzten zu Sexsklavinnen gemacht. Werden sie schwanger, müssen sie den Orden verlassen. Es sei denn, sie entscheiden sich für Abtreibung. Im Klartext: Höherrangige Vertreter einer Kirche, die mit Recht Abtreibung als schwere Sünde geißelt, drängen die ihnen Anvertrauen zu diesem schweren Verbrechen.
Und das ist eine weitere Verschlimmerung des schon vorangegangenen Unrechts.
Ich bin gespannt, wann ich eine Abmahnung erhalte, das alles so klar auszusprechen, denn die Beweismittel für meine Aussagen – war es dieser Film? – ist ja bei Arte nicht mehr für die Öffentlichkeit verfügbar. Deshalb setze ich hinzu: Das alles kann ich nicht beweisen, ich erinnere mich aber, dass es in diesem oder einem anderen Film so dargestellt wurde. Zu dieser Aussage kann ich stehen.
Wenn ich jetzt noch einen kleinen Abschnitt anfüge, dann geht es nicht mehr direkt um diese Problematik, sondern um die Frage nach einem Weg aus dieser Situation. Es wurde deutlich gemacht, dass sich die Opferorganisation, die mit den beschriebenen Fällen befasst war, sich an Papst Franziskus gewandt hat mit der Bitte um einen Termin für ein Gespräch. Dieser Bitte wurde tatsächlich entsprochen, allerdings mit der Auflage, dass dieses Gespräch im "kleinen Kreis" und ohne Presse stattfinden könne. Die Opferorganisation hat diese Gesprächsmöglichkeit abgelehnt und den Zuschauer wissen lassen, dass es in der Vergangenheit bei derartigen Veranstaltungen immer darum gegangen war, die Vorgänge nicht nur zum Abschluss zu bringen, sondern sie eben auch vor der Öffentlichkeit zu verschließen. Es ist also den Antragstellern nicht zu verdenken, dass sie das Vertrauen in die Kirche verloren haben. Andererseits hätte ich gemeint, dass man mit Papst Franziskus einen Partner gefunden hätte, der an einer wirklichen Aufarbeitung mit Bestrafung der Verbrecher interessiert ist. Eine vertane Chance? Vielleicht geht aus dem Gesagten hervor, wie schwierig es ist, hier einen guten Weg für die Zukunft zu finden.
Ich komme nun zurück auf die Ausstrahlung des bemerkenswerten Films "Gottes missbrauchte Dienerinnen" in "Arte". Die Dokumentation können Sie momentan bei "Arte" nicht anschauen. Missbrauchsopfer haben in dieser Dokumentation ihre Aussagen gemacht und dabei den Zuschauer im Innersten erschüttert. Nun wollte es der Zufall, dass ich im Sprechen über diese Geschehnisse darüber informiert wurde, dass eines der Missbrauchsopfer - die schon genannte Frau Wagner - ein Buch geschrieben hat. Es heißt: "Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche". Das ist im Herder-Verlag erschienen. Von diesem Buch erwartete ich mir eine Bestätigung der Film-Dokumentation und eine Information über das Ausmaß der geschehenen Verbrechen. Das Buch bringt dem Leser etwas ganz Anderes: Es ist die geistige Auseinandersetzung einer einzelnen Person mit dem Geschehenen. Frau Wagner, die Autorin, analysiert sehr genau die Hintergründe. Mich hat überrascht, wie differenziert die Verfasserin klarlegt, dass die Machtstrukturen in Verbindung mit den Gehorsamsgeboten im klösterlichen Leben eine gefährliche Falle darstellen, in die gerade die Menschen geraten müssen, die sich ohne Wenn und Aber zu einem Leben für Gott entschlossen haben. Das ist das Perfide an diesem System, dass die Missbrauchstäter - ähnlich wie der Versucher in der Wüste - Sätze aus der Bibel benutzen, um ihr schlimmes Tun als etwas darstellen, das von Gott so gewollt sei. Diese Angriffe auf das Innerste des Menschen sind das Schlimmste, was sich Menschen ausdenken: Beim Missbrauch an Frauen ist es so, dass die Mechanismen der Gewaltnahme auf Lüge aufgebaut sind. Und das ist eigentlich die Spitze des Bösen, dass es im Gewand des Heiligen an die Opfer herantritt. Es liegt nun an uns, der Gesellschaft, all den genannten und bekannten Ausbeutungsmechanismen einen Riegel vorzuschieben.
Man muss zu dem Schluss kommen, dass es sich bei den Menschen mit dem Drang zum Missbrauch um Personen mit einer Verhaltensabartigkeit handelt, die von dieser Person - ich denke bewusst - nicht unter Kontrolle gebracht wird. Verantwortung oder Mitgefühl werden da einfach ausgeblendet. Das dürfte für alle Missbrauchstäter zutreffen. Das Video, auf das ich schon hingewiesen habe, lässt allerdings den Schluss zu, dass manche der fehlgeleiteten Priester - von einem Guru ausgehend - teilweise Vorstellungen pflegen, die sie selbst als elitäres(!) Handeln verstehen. Wenn diese meine Vermutung stimmt, dann wird es sehr schwer werden, diese Mitmenschen davon zu überzeugen, dass sie Verbrechen begehen. Bei der Kirche kommt erschwerend hinzu, dass Vorgesetzte - also beispielsweise Bischöfe - aus verschiedenen Gründen Skrupel haben, die Straftäter weltlichen Gerichten auszuliefern.
Konsequenz: Dem verbrecherischen Tun muss die Gesellschaft Einhalt bieten, bis jetzt scheint es so zu sein,
dass die Kirche selbst dazu nicht in der Lage ist. Und es mit dem Willen dazu hapert.
Mündige Frauen, die der Kirche angehören und ein bewusstes Glaubensleben führen, protestieren gegen Missstände in der Kirche. „Kirchenstreik für mehr Frauenrechte -
Aktion gegen männliche Machtstrukturen und Umgang mit Missbrauch“ heißt die Überschrift eines Artikels vom 13.5.19 in der Tagespresse. Die bundesweite Bewegung „Maria 2.0“ hat am Samstag einen
einwöchigen Kirchenstreik gestartet. Solche Aktionen geben uns Hoffnung.
Nach wie vor gilt: Die Kirche ist weiterhin aufgefordert, das Missbrauchsproblem aufzuarbeiten. Es dürfte interessant sein, was sich bis zum Januar 2020 durch die Bestrebungen zur Aufarbeitung des Skandals getan hat. Im Endeffekt leider nichts. Das sagen nicht die Gegner der Kirche. Dieses Statement kommt von einem Priester dieser Organisation: Mit Verweigerungshaltung lassen sich die Ereignisse der Vergangenheit nicht aufarbeiten. Es ist gut, dass ein Vertreter der Kirche – Pater Klaus Mertes, der ehemalige Direktor des Canisius Kollegs - sich in dieser Weise zur gegenwärtigen Problematik äußert. Im Übrigen hat Papst Franziskus zu Beginn des Jahres verfügt, dass alle mit einem Amt in der Kirche betrauten Personen dazu aufgefordert werden, alle Akten, in denen es um Missbrauch geht, an staatliche Stellen herauszugeben, damit die Täter einer Bestrafung zugeführt werden können. Es liegt also an der Kirche selbst, Gerechtigkeit für die Opfer herbeizuführen. Dies ist nur durch Offenlegung aller Taten möglich.
Gleichzeitig mit den genannten direkt auf den Missbrauch gerichteten Bestrebungen beginnt die Kirche einen neuen Weg zu gehen, um ihre gesamte Struktur zu überprüfen, der sogenannte Synodale Weg der Bischöfe und weiterer kirchlicher Mitarbeiter. Aus der Presse war am 31.1.2020 zu erfahren: Die Versammlung soll vier Themenfelder bearbeiten: den Umgang der katholischen Kirche mit Macht, die kirchliche Sexualmoral, die Ehelosigkeit von Priestern (Zölibat) und die Position von Frauen in der Kirche.
Ich werde versuchen, ein paar Punkte herauszustellen, die ich für wichtig erachte, wenn man gegen den Missbrauch vorgehen will. Wenn man das Thema verstehen will, sollte man sich von Betroffenen informieren lassen. Sehr hilfreich ist das schon mehrfach genannte Buch von Doris Wagner: Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Dieses Buch zeigt uns, wie der Weg aus der Sackgasse aussehen könnte. Die Wunden, die der Missbrauch geschlagen hatte, werden nicht weniger. Aber anderen Menschen könnte es zur Stütze werden.
Dieses Buch ist im Handel erhältlich 978-3-451-38426-4
Zusatz vom 28.2.2021
Fast zwei Jahre später nach der Ausstrahlung des Videos durch Arte kam mir die glorreiche Idee, doch mal in das Internet zu schauen, ob dieser Film nicht doch noch irgendwie auftaucht. Und siehe da: Das Internet vergisst nichts.
Unter dieser Web-Adresse finden Sie den Film, der doch ziemlich
aufschlussreich ist. Es ist abzuwarten, wann der Film auch von dieser Quelle nicht mehr gesendet werden darf. Dann muss man eben
wieder den Titel in die Suchmaschine eingeben, schließlich vergisst das Internet nichts.
Unter einer anderen Web-Adresse wird der Inhalt des Films zusammengefasst dargestellt.
https://programm.ard.de/TV/arte/gottes-missbrauchte-dienerinnen/eid_287241262880488
Hier lesen Sie u.a. Folgendes: Dokumentarfilm Frankreich 2017 | arte
In den letzten 20 Jahren fing die Mauer des Schweigens jedoch an zu bröckeln.
Trotz expliziter Berichte, die von Hinweisgebern an den Heiligen Stuhl gerichtet wurden, gaben sich drei Päpste die Ferula in die
Hand, ohne der systematischen sexuellen Versklavung von Ordensfrauen einen Riegel vorzuschieben. Die Ermittlungen zu diesem Dokumentarfilm dauerten über
zwei Jahre. Zu Wort kommen Opfer, ihre Oberinnen, Priester und engste Mitarbeiter von Papst Franziskus. Ihre Aussagen enthüllen einen der bestverschleierten
Skandale der katholischen Kirche.
Sexueller Missbrauch im Bereich der Kirche: Seit Ende Januar 2010 wird durch die bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs am Canisius-Kolleg in Berlin eine öffentliche Debatte zu diesem Thema geführt. Bischof Dr. Stephan Ackermann (Trier) ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes. Lesen Sie auf der hier genannten Themenseite mehr zu den relevanten Aspekten.
https://www.dbk.de/themen/sexueller-missbrauch/
Den Konsequenzen des Missbrauchsgeschehens widme ich ein eigenes Kapitel. Meine Website
wäre bedeutungslos, wenn sie keine Forderungen aufzeigen würde. Und ich denke, dass die Organe der staatlichen Gewalt das Internet ständig durchsuchen, um
Verbrechen auf die Spur zu kommen. Deshalb habe ich diese meine Forderungen bewusst ausgesprochen. Ich bin sicher, dass meine Ausführungen an diesem Platz staatlichen und anderen Stellen zur
Kenntnis gelangen, denn ich möchte, dass die hier angeschnittenen Vergehen den besprochenen Institutionen und dem demokratischen Staat als dem Vertreter des Rechts präsentiert werden. Meine
Ausführungen sind unvollständig. Auf die Vielzahl anderer furchtbarer Verbrechen in der Welt kann ich nicht eingehen.
1. Ich gehöre der katholischen Kirche an. Deshalb kann ich sagen, was ich von ihr erwarte. Ich erwarte eine Aufarbeitung der Missbrauchsskandale
ohne Rücksicht auf schuldig gewordene Personen. Nach Bekanntwerden der Skandale, auf jeden Fall seit der Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Gottes misshandelte Dienerinnen“ 2017 und schließlich am
5.3.19 durch den Sender „Arte“ ist zumindest vor der Öffentlichkeit ein Punkt erreicht, an dem keine Ausrede mehr gelten kann. Die Kirche hätte schon früher handeln müssen. Nun aber bleibt den
Oberen dieser Institution keine Möglichkeit mehr, sich vor verantwortlichem Handeln zu drücken. Das Verhalten mancher Würdenträger ist enttäuschend. Wir dürfen abwarten, der weitere Verlauf wird
zeigen, dass Papst Franziskus den Menschen, die in der Kirche Dienst tun, zu ihrem Recht verhelfen wird. Allerdings dürften große Widerstände überwunden
werden müssen.
2. Gleichzeitig mit dem deutlichen Öffentlich-Werden der Verbrechen im kirchlichen Bereich sind die Staatsanwälte der Länder, deren Landeskinder
geschädigt wurden, gefordert. Das Einleiten entsprechender Verfahren ist erforderlich. Da die Übergriffe weltweit erfolgt sind, ist es nicht einfach, gegen die Verbrecher vorzugehen. Allerdings
sind vom Grundsatz her sicherlich die Rechtshüter innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zu länderübergreifenden Aktionen - zumindest, was den Austausch von Wissen betrifft - verpflichtet. Ob
dazu entsprechende gesetzliche Regelungen vorhanden sind, ist mir nicht bekannt. Allerdings dürfte das übergeordnete europäische Recht - selbst, wenn diese speziellen Situationen nicht
dargestellt sein sollten - grundsätzlich eine solches gemeinschaftliches Vorgehen gegen Kriminalität rechtfertigen. Diese Einzelheiten darzustellen, ist nicht meine Aufgabe. In diesem Sinne
sollte - wenn nicht bereits in Teilen vorhanden - möglichst ein weltweites Vorgehen gegen derartige (und andere) Verbrechen angestrebt werden.
3. Ich denke, dass es ganz wichtig ist, eine Institution zu etablieren, die etwa so funktioniert wie die Institution "Wehrbeauftragter". Es müsste
ein Ansprechpartner sein, der die Beschwerden von Menschen entgegennimmt, die von Übergriffen betroffen sind oder von denen, die von solchen Übergriffen Kenntnis bekommen haben. Natürlich von
Männern und Frauen besetzt. Naturgemäß wäre es angebracht, eine Frau an die Spitze einer solchen Institution zu stellen. Der Bekanntheitsgrad dieser Einrichtung und die
Möglichkeiten, wirksam zu werden, müssten ebenfalls denen des Wehrbeauftragten entsprechen. Nun gibt es ja schon Missbrauchsbeauftragte. Das ist schließlich ein guter Anfang. Sinn macht das, wenn
diese Beauftragten völlig neutral sind, also von der Kirche in keiner Weise irgendwie abhängig. Ihre Besoldung müsste durch eine neutrale Stelle erfolgen. Inwieweit das realisiert ist, kann ich
nicht sagen. Auf jeden Fall müsste eine solche Institution völlig unabhängig von anderen Einrichtungen sein. Bei allem Respekt vor Ämtern erscheint es ratsam, einen solchen neutralen
„Beauftragten“ nicht in ein schon vorhandenes und bestehendes System einzubinden. Die Gewerkschaften sind ebenfalls frei. Und das müssen sie auch unbedingt sein. Wenn man beispielsweise davon
ausgeht, dass Jugendliche sich offenbaren sollen, dann wäre es nicht besonders hilfreich, wenn man sagen würde, diese könnten sich ja an die Jugendämter wenden. Das würde viele Jugendliche daran
hindern, über ihre Anliegen frei zu reden. So ist ja wohl auch die Situation bis zum heutigen Tag (23.3.19), sonst hätte es nicht dazu kommen können, dass die „Domspatzen“ so viel Unrecht klaglos
erlitten haben. Ich könnte mir vorstellen, dass man Novizen (und natürlich andere Personen in ähnlicher Situation beispielsweise) bei der Vorbereitung zum Eintritt in einen Orden einen Merkzettel
(gegen Unterschrift) aushändigt, in dem sie Kenntnisse über ihre Rechte und zugleich die Anschriften und Telefon-Nummern der nächstgelegenen Ansprechpartner bekommen. Das bedeutet auch, dass der von mir vorgeschlagene Ansprechpartner, ein neutraler, unabhängiger
Missbrauchsbeauftragter, nicht nur für die Kirche zuständig sein sollte.
4. Im Jahre 2020 schien deutlich zu werden, was schon bei der Studie ein Problem war: Anscheinend ist man in gewissen Kreisen der Kirche nicht bereit, die für die Aufarbeitung der Skandale notwendigen Akten herauszugeben. Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn Staatsanwaltschaften in Zukunft Razzien in kirchlichen Einrichtungen machen. Das könnte eine bittere Konsequenz sein aus der Erkenntnis, dass man mit den Ermittlungen nicht weiterkommt, wenn eine wirkliche Mitarbeit an der Aufarbeitung der Skandale gemeinsam mit kirchlichen Einrichtungen nicht machbar ist. Nach den letzten Verlautbarungen des Papstes würden kirchliche Einrichtungen, die durch ihr Verhalten eine Aufdeckung von Verbrechen verhindern, auch den Schutz aus Rom verlieren, da sie gegen die ausdrücklichen Vorgaben des Papstes handeln. Sind die im Bereich der Kirche Beschäftigten und Verantwortlichen tatsächlich bereit, den Ruf der Kirche endgültig zu ruinieren, indem sie schlussendlich als Mitwisser an geschehenen Verbrechen gebrandmarkt werden? Zu schön wäre es, wenn wir glauben könnten, dass es keine weiteren Täter gäbe als die bis jetzt als solche identifizierten. Um es noch einmal deutlich zu machen: Seit der Aufforderung zur Mitarbeit an der Aufdeckung der Verbrechen ist bisher anscheinend kein einziger Fall bekannt geworden, der eine Verfolgung durch Behörden notwendig machen würde. Der Staatsanwaltschaft kann ich nur empfehlen, sich im Kapitel "Die Machtlosen" den schon genannten Film "Gottes missbrauchte Dienerinnen" anzusehen, der von der Öffentlichkeit nicht mehr angeschaut werden kann. In dieser Dokumentation findet sich der Beweis dafür, dass in der katholischen Kirche Beschwichtigungsversuche nach entsprechenden Geschehnissen unternommen werden. Dass es sich bei den Opfern nicht um Kinder sondern um Frauen handelt, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.
Im Vorwort zum Buch „Missbrauch in der katholischen Kirche“ schreibt Herr Klaus Mertens über die Mechanismen, die zum Missbrauch führen.
Diese Worte machen verständlich, was in den Köpfen der Beteiligten abgeht. Und das ist erschreckend.
„Geistlicher Missbrauch“... basiert nach meinem Verständnis auf einer tieferliegenden Verwechslung von geistlichen Personen mit
der Stimme Gottes, wobei ich drei möglichen Varianten der Verwechslung sehe. Erstens: Die Person, die „die Übungen nimmt“ (die Seele), verwechselt die Person mit der, die “die Übungen gibt“ (den
Seelenführer/Begleiter), mit der Stimme Gottes. Zweitens: Der Seelenführer verwechselt sich selbst mit der Stimme Gottes. Drittens: Beide Personen unterliegen zugleich derselben
Verwechslung.
In diesem Zusammenhang kann ich mich tatsächlich an ein Gespräch erinnern, bei dem ein Priester - ohne dass es um Einzelheiten ging - mir glauben machen wollte, dass seine Geschlechtskraft (für ihn als Priester!) etwas sei, das „gottgewollt“ zum "Glücklichmachen" von Frauen bestimmt sei. So weltfremd wie dieser Mann war - so etwas kann man sich als Normalbürger nicht leisten. Dabei verwies er auf ein Buch mit einem blauen Umschlag und einem Titel, in dem das Wort Mann vorgekommen ist. Den Titel dieses Buch würde ich gern herausfinden. Es war damals sehr schwierig, dieses Gespräch zu führen, weil rationale Argumente für diesen Herrn überhaupt nicht zählten. Dies nur nebenbei, weil es doch die Situation ein wenig aufhellen könnte.
In der Mediathek des Bayerischen Rundfunks finden Sie unter den Sendungen des 6.2.2019 unter dem Titel: „Missbrauch in der Kirche“ die
Aufzeichnung eines intensiven und in die Tiefe gehendes Gespräches zwischen Frau Doris Wagner und Herrn Kardinal Schönborn, bei dem Frau Wagner ihre Sicht als Missbrauchsopfer darstellt. Der
Wiener Kardinal erzählt einfühlsam von seinem Entsetzen, als er erfuhr, dass sein Vorgänger im Amt zu den Missbrauchstätern gehörte. Er konnte das nicht glauben und erklärte öffentlich, dass das
nicht stimmen würde. Erst als er aus anderen Quellen erfuhr, dass das Unglaubliche wahr ist, musste er eingestehen, sich getäuscht zu haben. Er konnte insoweit auf die gemeinsame Sorge eingehen,
als er berichtete, wie schwierig es sei, bei manchen seiner Kollegen das Bewusstsein für das verbrecherische Verhalten zu wecken. Vielleicht ist das ein Signal für die noch schweigenden
Missbrauchsopfer, die Öffentlichkeit noch deutlicher zu informieren und zu sensibilisieren. Es gehört zur Strategie der Täter, ihren Opfern mit weltlichen und vor allem „göttlichen“ Strafen zu
drohen, um sie für immer zum Schweigen zu verpflichten. Doch dieses Schweigen dient allein dem Täterschutz und muss durchbrochen werden. Es ist Zeit, dass die ganze Wahrheit an den Tag kommt,
damit sowohl Rechtsstaat als auch die guten Kräfte in der Kirche gegen das verbrecherische Tun vorgehen können.
Im Übrigen wird deutlich, dass unbedingt ein Bewusstseinswandel bei manchen Würdenträgern erfolgen muss, damit diese überhaupt erst einmal erkennen, dass bestimmte Vorstellungen und Taten als
verbrecherisch verstanden werden müssen. Vor diesem Hintergrund braucht man sich über die abscheulichen Geschehnisse, von denen wir wahrscheinlich nur einen Teil wissen, nicht mehr zu
wundern. Da darf man nicht nur die beschriebenen Fehlgriffe verurteilen, da muss man ein ganzes verfehltes Weltverständnis durch ein neues Bewusstsein ersetzen. Durch eine Rückbesinnung auf das,
was Christus geboten hat. Und das geht nicht von heute auf morgen. Doch trotzdem drängt die Zeit.
Eine Entlassung der Täter aus der Schuld gibt es im Rechtsstaat nicht. Außerdem muss weiteren Verbrechen vorgebeugt werden. Man darf allerdings darüber nachdenken, dass wir uns in einer Zeit
vielfacher Umbrüche befinden. Was vor fünfzig Jahren zwar nicht rechtens aber üblich war, wird heutzutage - Gott sei Dank - geahndet. Während meines Lebenslaufes genau hat sich die Einstellung zu
körperlicher Gewalt gegenüber Kindern (oder Schutzbefohlenen) gewaltig geändert. In meinen jungen Jahren waren „ein paar hinter die Löffel“, also Ohrfeigen durchaus als probates Mittel angesehen,
wenn man die Erziehung seiner Kinder ernst nahm. Das ist heute - Gott sei Dank - anders. Wer all die bekannten Änderungen (zum Guten) nicht mitmachen wollte oder konnte, hatte verloren.
Die ungleiche Behandlung von Mann, Frau und Kindern besteht seit Tausenden von Jahren. Aber auch hier gab es in den letzten Jahren gesetzliche Änderungen, die Frauen einige Rechte gebracht haben.
Die Benachteiligung der Frauen im religiösen Bereich ist von alters her Fakt. Nicht umsonst hat sich Jesus dieser Problematik angenommen. In einer großen Partei gab es vor Jahren Auffassungen
über den Umgang mit der Sexualität von Kindern, die heute mit Recht als falsch angesehen werden. Irgendwann wurde die Satzung der Partei entsprechend geändert. Das ist keine Verurteilung
meinerseits. An dieser Stelle soll nur gesagt werden, dass Entwicklung stattfindet und Entwicklung stattfinden muss. Wir dürfen uns aber nicht wundern, wenn wir in unserer Welt von Auffassungen
hören, die uns moderne Menschen erschrecken, die aber einmal bei unseren Vorfahren im Denken verankert waren.
Welch langer Weg ist es, von der Todesstrafe wegzukommen! War es doch früher nichts Besonderes, Verbrecher kurzerhand hinzurichten. Da sowieso vieles vom Militär eines Machthabers „geregelt“
wurde, waren die Ausführenden Soldaten. Der unbedingte Gehorsam, zu dem Untertanen verpflichtet waren, ließ es nicht zu, dass sich Soldaten darüber Gedanken machten, ob ein gegebener Befehl
rechtswidrig sei. Die Männer taten, was man ihnen befahl. Ansonsten hatten sie möglicherweise ihr Leben verspielt. Heutzutage werden Kriegsverbrecher - und das ist auch richtig so - vor Gericht
gebracht. Jeder Soldat muss sich deshalb heute fragen, ob er Befehlen zu unrechtem Tun auch gehorchen muss. Seit den Nürnberger Prozessen über die Nazi-Größen sind Soldaten nicht mehr als reine
Befehlsempfänger anzusehen. Auch das ist ein Entwicklungs-Vorgang, der an verschiedenen Orten mit verschiedener Geschwindigkeit abläuft.
Auch in der Kirche wird Menschen in untergeordneten Positionen Gehorsam auferlegt. Das kann auch in diesem Bereich allenfalls nur dann rechtens sein, wenn diese Gebote dem göttlichen oder
weltlichen Gesetz (eines demokratischen Staates) nicht zuwiderlaufen. Und darüber darf und muss diejenige Person befinden, die Aufträge entgegennehmen soll. Gerade für die Diener der Kirche gilt
wie für uns alle, dass wir letztlich nur Gott und unserem (ernsthaft geprüften) Gewissen unterworfen sind.
Dies alles soll als Zustandsbeschreibung und nicht als Anklage oder gar als Entschuldung verstanden werden. Man kann aber davon ausgehen, dass die oben von mir angeprangerten Zustände eben
teilweise eine sehr lange Vorgeschichte haben. Ein Überblick darüber ermöglicht es uns, für manche Missstände vielleicht Erklärungs-Möglichkeiten zu finden. Es lassen sich aber daraus keine
Entschuldigungen für Verbrechen ableiten. Wir können aber aus den Erkenntnissen über die Zusammenhänge neue Wege des Miteinander finden, die es in der Zukunft unmöglich machen, dass Menschen von
Verbrechern aus den eigenen Reihen systematisch zugrunde gerichtet werden.
Warum ich dieses Kapitel geschrieben habe? Jesus hat die Ehebrecherin vor der Bestrafung durch die Männergesellschaft geschützt. Um wieviel mehr wird Er wünschen, dass wir uns der Menschen
annehmen, die von der Männerwelt zur Sünde gezwungen werden. Unmündige, die nicht verstehen, was man mit ihnen macht. Hilflose, die sich nicht wehren können und am Ende gar meinen, dass sie
selbst an ihrem Schicksal schuld sein könnten. Deswegen müssen wir uns der Opfer annehmen, müssen ganz auf ihrer Seite stehen, ihnen Hilfen anbieten und auf jeden Fall alles tun, um weitere
Verbrechen zu verhindern.
Vielleicht können wir die zuvor gebrachten Forderungen als dringende Sofortmaßnahme ansehen. Darüber hinaus sollte man sich jedoch Gedanken machen, ob nicht im gesamten Gesellschaftssystem
umfassende Änderungen notwendig sind. Die Entwicklung erfordert Anpassung an Situationen, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben. Es ist von der Gesellschaft bisher niemals in Frage gestellt
worden, dass es in bestimmten (hier: kirchlichen) Gemeinschaften Regeln gibt, die unserem heutigen Selbstverständnis vom Menschen widersprechen. Auch da ist zu schauen, wie es Jesus mit der
Gemeinschaft in seinem Jüngerkreis gemacht hat. Da ist nirgends die Rede davon, dass diese Seine Anhänger irgendwie Gehorsam gelobt haben. Das heißt aber auch, dass die Mitglieder einer
menschlichen Gemeinschaft davor geschützt werden müssen, in irgendeiner Gemeinschaft einem anderen unbedingten Gehorsam versprechen zu müssen. Das ist etwas, was in irgendeiner Weise noch
konkreter als bisher in den Verfassungen der Staaten verankert werden sollte.
Nun hat das alles seine historischen Grundlagen. Wir müssen davon ausgehen, dass früher die Landesherren von ihren Soldaten den Treueeid verlangten. Als Gegenleistung erhielten diese eine
ausreichende Besoldung. Diese Verhaltensgewohnheit hat sich fortgesetzt bis in unsere Zeit. Erst nach dem zweiten Weltkrieg hat man ernsthaft darüber nachgedacht, dass Führungspersönlichkeiten
psychisch krank oder gewalttätig sein könnten. Die Gerichtsprozesse, die sich mit den Taten von Kriegsverbrechern befassen, lassen erkennen, dass man das Verhalten sowohl der Machthaber als auch
der Nachgeordneten an einem übergeordneten Maßstab beurteilt. Wer Verbrechen befiehlt wird genauso strafrechtlich verfolgt wie der Täter. Gleiches gilt für die Mittäter im weiteren Sinne. Etwas
nach dem Motto: Der Hehler ist nicht besser als der Stehler. Bei der Bundeswehr in Deutschland gibt es übrigens den sogenannten Wehrbeauftragten, der gewissermaßen für jeden Soldaten als
Ansprechpartner (außerhalb der Organisation Bundeswehr!) zur Verfügung steht. Diese neutrale Instanz ist äußerst wichtig und bewahrt den Einzelnen vor den Gefahren, die entstehen, wenn
Vorgesetzte ihre Macht missbrauchen.
Ähnlich ist wohl die Situation in „nichtstaatlichen“ Organisationen zu bewerten. Früher brauchte man wohl sehr starke Persönlichkeiten, die ein System - etwa einen Orden - führen mussten, damit
dieser überhaupt bestehen konnte. Im Übrigen war diese Person zumindest auf dem Papier für das Verhalten der ihm anvertrauten Personen verantwortlich gegenüber einem Vorgesetzten, sei es nun ein
Bischof oder Papst. Das bedeutet aber auch, dass die Führungspersönlichkeit Gehorsam verlangen konnte. In diesem System musste es irgendwann geradezu naturgesetzlich zu Entgleisungen kommen, weil
wir Menschen - besonders in Machtstrukturen - anfällig sind gegenüber der Versuchung zum Machtmissbrauch. Diese Strukturen gilt es aufzubrechen. Jedem Mitglied einer Organisation - gleich welcher
Art - sollte ein Ansprechpartner aus einem ganz anderen Lebensbereich zur Verfügung stehen. Sie spüren beim Lesen, dass diese Notwendigkeit sich nicht auf die Institution „katholische Kirche“
begrenzt. Allerdings ist diese Organisation zum Paradebeispiel für das Versagen von Kontrollmechanismen geworden. Das ist insofern von Bedeutung, als man meinte, dass gerade hier die Anweisungen
von Christus streng beachtet werden würden. Denn Er ist ja derjenige, der die richtigen Regeln des Zusammenlebens, des guten Miteinander vorgelebt hat und von uns fordert.
Ich werde mich hüten, an dieser Stelle auf andere Institutionen zu verweisen, nicht einmal auf solche, deren Tun öffentlich schon angeprangert geworden ist. Weil das ein Problem ist, das
irgendwie mit unserem Menschsein und unserem „noch nicht ausreichend kultiviertem“ Grundverständnis zusammenhängt. Bevor ich einen Stein auf andere werfe, muss ich mich erst einmal mich selbst
prüfen, inwieweit ich diese Regeln in meinem eigenen Lebensbereich beherzigt habe. Ich für mein Teil muss zugeben, dass ich dies alles hier nur schreiben kann, weil ich einen teilweise für mich
und andere schmerzhaften Entwicklungsprozess durchgemacht habe. Das ist aber kein Grund, dieses Thema nicht anzusprechen. Die Wahrheit ist immer wichtiger als eigenes Versagen auf diesem oder
jenem Gebiet.
Warum ist dies alles so wichtig? Weil es keinem Menschen erlaubt ist, Macht über jemand anderen zu gewinnen und auszuüben. Die Freiheit des Einzelnen ist das oberste Gut des Menschen. Bei Jesus
waren die Jünger völlig frei, zu kommen und zu gehen. Meines Wissens war das auch bei Franz von Assisi ähnlich. Es waren Freundeskreise. Papst Franziskus versucht, diesen Status des
freundschaftlichen Miteinander ohne Beeinflussung von oben in der Kirche herbeizuführen. Das bedeutet zumindest für den Bereich, für den er Verantwortung trägt, dass eben auch die Standards
eingehalten werden, die man für ein gutes Miteinander entwickelt hat und immer noch weiter entwickelt.
Das gilt aber sinngemäß für alle Gemeinschaften, dass sie ihre Regeln tunlichst so ändern müssen, dass einmal der „unbedingte Gehorsam“ aus den Satzungen - und natürlich auch in Wirklichkeit -
gestrichen werden muss.
Es gibt für jeden Menschen nur eine wirklich entscheidende Instanz, das (sorgfältig) geprüfte eigene Gewissen.