II48rel Buber: WERDEN AM DU
Am 2.9.1921 erklärte der Jude Martin Buber auf dem 12. Internationalen Zionistenkongress in Karlsbad vor 5000 Delegierten, die Besiedelung Palästinas durch Juden dürfe "die Rechte und Bedürfnisse des arbeitenden arabischen Volkes nicht beeinträchtigen". Da fällt in dieser Rede auch noch das Wort von "aufrichtiger Verständigung" mit dem arabischen Volk. Ein gutes Wort eines liebenden Menschen. Ein allgemein gültiges Wort. Diese so wichtige Mahnung geht an alle Machthaber in dieser Welt, an alle Manager. Und zwar nicht nur für die von Buber angesprochene geografische Region, besser gesagt, nicht nur für eine bestimmte Religion. Ich betrachte die Aussage als eine allgemein gültige Forderung im Sinne Kants. Es ist genau das, was Christus von uns fordert, wenn Er sagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Dem Religionsphilosophen geht es allerdings um das Menschsein überhaupt. Kann ich mich als Mensch entfalten, wenn ich außerhalb jeglicher Gemeinschaft existiere? Man darf „die Rechte und Bedürfnisse“ [ich verallgemeinere jetzt die Worte Bubers] „anderer Menschen nicht beeinträchtigen.“ In der Nazizeit hat man schlimme Experimente am Menschen gemacht: Man hat versucht, einen Menschentyp heranzu“züchten“. Speziell für diesen Zweck gezeugte Kinder wurden zwar gut mit Nahrung versorgt, mussten aber ohne menschlichen Kontakt aufwachsen. Ohne die fürsorgende Liebe eines Menschen! Das grausame Experiment hat eindeutig gezeigt, dass die Kinder sehr schwer geschädigt wurden. Wir wissen das und darüber gibt es gar keine Zweifel, dass eben ein Kind auf jeden Fall eine liebevolle Bezugsperson braucht. Doch wie ist es mit Erwachsenen? Können wir Erwachsene ohne Ansprechpartner leben? Eine gewisse Zeit können wir sicherlich existieren, aber von wirklichem Leben kann da wohl nicht mehr die Rede sein. Dies ist nun der Kernpunkt der Philosophie von Martin Buber, die sich in dem bekannten Satz ausdrückt:
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
Das Buch von Buber ist sehr schwer zu lesen. Jedenfalls für mich. Es gibt aber auch Absätze, die in sich verständlich sind, wo auch ich beim ersten Lesen schon etwas erfassen kann. Da hat Buber sehr schöne Worte gefunden für das, was uns heilig ist, für Den, Der für uns das Du ist, welches immer für uns da ist. Auf der Seite 13 der Ausgabe "Ich und Du" vom Verlag Jakob Hegner in Köln heißt es: In jeder Sphäre, durch jedes gegenwärtig Werdende blicken wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise. Ist das nicht genau das Gleiche, was Jesus gesagt hat? Dass wir das Du - also Ihn, den Herrn - im Geringsten Seiner Brüder wiedererkennen sollen? Vielleicht erkennen wir, dass der Jude Buber den Sohn des ewigen Vaters besser verstanden hat als wir, die wir so oft Seinen Namen im Mund führen. Wir Christen dürfen uns ernsthaft fragen, ob wir die "Rechte und Bedürfnisse" anderer Menschen, anderer Völker wirklich immer achten. Nein, es ist ernster, wir müssen frgen: Ob wir die "Rechte der anderen" überhaupt achten und jemals geachtet haben. Das darf ich laut sagen, wenn ich an die Ärmsten dieser Erde denke. Dieses neue und andere Denken ist auch heute noch erst im Werden. Und in einem demokratischen Land wie dem unsrigen sind wir alle - wenn auch indirekt - an dem beteiligt, was von staatlicher Seite und von Seiten der Industrie geschieht (Eines, nur eines der vielen Stichworte heißt: Handel mit Waffen).
Buber gibt keine Handlungsanweisungen. Er will ganz tief in unser Wesen und Denken vordringen. Deshalb muss ich noch einmal eine Stelle zitieren, die eher auf die klassische Ich-Du-Beziehung zwischen zwei Menschen abzielt. Auf Seite 18 des schon genannten Buches heißt es: Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Wesen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen. Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Die Worte Buber drücken etwas aus, das uns vom Sinn her irgendwie verständlich ist, wenn auch die Worte fremd klingen. Vielleicht wird das Gesagte deutlicher, wenn wir auf die intensivste aller Begegnungen blicken, über die ich schon gesprochen habe: DAS SIND WIR MANN UND FRAU Gedanken über Liebe.
Zum "Du" haben wir meistens eine durchaus positive Beziehung. Zur menschlichen Gemeinschaft - also zu den vielen "Du", die um uns sind - gehören aber auch diejenigen, denen wir mit Skepsis oder gar mit negativen Empfindungen begegnen. Ich denke an rigorose Finanzhaie und machtbesessene Politiker. (Das sind wahrscheinlich gar nicht so viele!) Wenn diese wenigen "Großkopferten" nun im weltumspannenden Menschen-Netzwerk davon überzeugt werden könnten, dass ihnen sowohl die ungeheuren Profite und die große Macht gar nicht nützen, wenn durch ihr egoistisches Verhalten die ganze Welt kaputt gemacht wird, dann rückt das Ziel des friedlichen Miteinander vielleicht schon wieder ein wenig näher.
Natürlich steckt hier der Teufel im Detail - und da müssen wir alle, als Wähler, als Verbraucher, als Gesprächspartner, als Liebende und (möglichst) als Wissende unseren Beitrag leisten. Da sind
auch wir kleine Leute aufgefordert, dass wir nicht alles hinnehmen, was man uns als Brocken vorwirft. Die "Brocken", die uns die Industrie hinwirft, sind - wenn sie von den Vertreibern beworben
werden - größtenteils unnütze Dinge, deren Wert in kürzester Zeit verloren ist. Das, was uns manche Politiker als Wahrheit verkaufen, sollten wir als mündige Bürger hinterfragen. Leider sind die
Schlagworte auch der großen früheren Volksparteien oft nur Schlagworte. Da müssen wir eben uns auch mal mit den Auswirkungen dessen auseinandersetzen, was in den Vertragswerken der Politiker
wirklich drinsteht. Dass das nicht einfach ist, das wissen Sie und ich. Dass das Juristendeutsch für viele von uns unverständlich ist, ist allerdings kein Grund, den Kopf resigniert in den Sand
zu stecken. Auch wer schweigt, kann sich schuldig machen. Stichwort TTIP. Noch ist dieses Handelsabkommen nicht gestorben.
Wie heißt es doch so schön „Mit Worten lässt sich trefflich streiten“ - doch im Alltag, im Tagesgeschäft, da zeigt sich, was wir wirklich wollen. Denken Sie an die Rüstungsindustrie. Nun, ich
denke, dass es für die Verantwortlichen nicht leicht ist und will kein Urteil fällen. Aus vielen Verpflichtungen kann man nicht einfach aussteigen. Schon deswegen, weil die Herstellung bestimmter
Komponenten für Fluggeräte länderübergreifend vor sich geht. Ich denke, dass auch die Entscheidungsträger abwägen und bemüht sind. Trotzdem: Aus dem Geschäft mit dem Tod (damit meine ich die
Rüstungsindustrie) müssen wir unbedingt und ohne Kompromiss aussteigen. Ich gebe der SPD da völlig recht.
Wahrscheinlich ist aber uns - den einfachen Menschen - gar nicht bewusst, dass diese Industrie ihr vermeintliches Recht zur Herstellung von Waffen mit Klauen und Zähnen verteidigen wird. Denken
Sie an die scharfen Worte der Manager aus diesen Kreisen, als der Export von Rüstungsgütern Ende des Jahres 2018 ins Stocken geriet. Da war schon einmal von Schadenersatzforderungen an den Staat
die Rede, sollte der Staat nicht einlenken. Ja, ich bitte Sie, einmal darüber nachzudenken, ob bei uns im Grundgesetz etwas drinsteht vom Recht auf Herstellung von Tötungswerkzeugen. Ich glaube,
ich weiß, um was es geht: Um ganz, ganz viel Geld!
Zusammengefasst könnte man formulieren: Es gehört zu den Aufgaben des Einzelnen, dass er über das Verhalten dieser Gemeinschaft als Ganzes, in der er seinen Platz hat und in der er sich auch
wohlfühlen darf, mitsprechen sollte. Nur so kann Demokratie funktionieren. Man könnte sich nun Gedanken darüber machen, woran man wirkliche Gemeinschaft erkennt. Oder wie es der Philosoph mit
ganz wenigen Worten sagt: Buber: "Ich Du"
Ist das Gemeinschaft?
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist - nicht nur unterschwellig - in jedem von uns vorhanden. Doch da muss man unterscheiden: Das Untertauchen in der Masse ist etwas ganz anderes, das ist etwas das mit Gesichtslosigkeit zusammenhängt. Eigentlich wollen wir das gar nicht. Die ansonsten recht kreativen Modedesigner haben da wohl nicht richtig überlegt, wenn sie auf ihre Kreationen Zahlen aufbringen, die den Träger in eine imaginäre - also in Wahrheit nicht vorhandene - Gruppe einordnen. Zahlen, wie man sie wohl auf der Kleidung von Inhaftierten anbrachte. Die Träger eines Pullovers mit einer Zahl darauf wollen aber sicherlich so nicht klassifiziert werden. Egal, was die Designer sich dabei gedacht haben, ein Mensch als Zahl, das ist natürlich eine Erniedrigung. Und dann gibt es - vor allem auf Freizeitjacken - Fantasieembleme, die Zugehörigkeit zu einem (nicht bestehenden!) Verein andeuten. Der Hintergrund wie bei den Zahlen: Der Träger dieser Kleidung ist nicht allein. Er gehört zu einer - sagen wir mal - Pseudogemeinschaft! Das ist alles Unsinn, der sehr geschickt auf unsere unbewussten Neigungen zielt. Ja, die Industrie ist drauf und dran, uns alle mit derartigen von Werbe-Psychologen erdachten Verlockungen in den Griff zu kriegen. Nach dem Motto: Das müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir unsere Waren nicht unter die Leute bringen.
Es gibt aber auch das Andere, so wie es Martin Buber meint. Das eher Unauffällige. Die wirkliche Gemeinschaft. Da geht man auf eine Veranstaltung, denkt an Routine und hofft, dass man bald wieder nach Hause kommt. Vielleicht findet rein äußerlich auf dieser Feier auch gar nichts Besonderes statt. Und trotzdem geschieht manchmal etwas irgendwo im Innern, das sich schwer beschreiben lässt. Man weiß sich plötzlich "dabei", eingebunden in etwas Größeres, lebt mit den Anderen mit. Das Lied kann das besser ausdrücken: "Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung." So heißt ein Song-Text von Alois Albrecht, der diesen schönen Gemeinschaftsgedanken mit Blick auf den Auferstandenen lebendig werden lässt. Weil Er es ist, der zur Gemeinschaft führt.
Wenn das "Du" Gott ist
Martin Buber hat schon bei seinen Ausführungen auf Gott geschaut, auf das höchste "Du". Schließlich ist dieses Du - ob akzeptiert oder nicht - das "Du", dem jeder einzelne in irgendeiner Form gegenübersteht. Es ist also durchaus im Sinne der Vordenker, dass man voll Ehrfurcht das "Du" zu Gott ausspricht. Es ist das höchste - oder das innigste - was man an Gemeinschaft erfahren kann. Kirchenrektor P. Karl Kern S J, St. Michael, München hat sich in seiner Osterbotschaft 2017 (Magazin zu Ostern, Straubinger Tagblatt) mit dieser Erfahrung des Menschen auseinandergesetzt. Er formuliert:
Ihn zu schauen, ihn zu lieben und sein einziges Gebot zu erfüllen, nämlich zu lieben, führt in die Einheit mit Gott.
Darauf zielt die ganze Sehnsucht des Rätselwesens Mensch.
Es hat sich so ergeben, dass ich diesen Punkt hier abhandele, als sei er ein Anhängsel an die vorangegangenen Überlegungen. Aber es ist anders: Alle menschlichen Gedanken über Freundschaft, Liebe oder Sinn des Lebens sammeln sich wie in einem Brennpunkt in dem, was ich hier als Zitat von H. Kern sage. Ich kann das auch so ausdrücken: All das Vorhergesagte ist nur die Hinführung zu genau dieser Erkenntnis, die der Kirchenrektor ausgesprochen hat. Dieses Zitat steht für viele entsprechende Formulierungen der Philosophen und Religionslehrer, die vielleicht in einem anderen Kontext oder mit einem etwas veränderten Akzent immer das Gleiche ausdrücken, nämlich das Wesentliche, um was es in der Begegnung von uns Menschen mit Gott geht, ja, es geht um das, was überhaupt wirklich von Bedeutung für uns als Menschen ist. Die genannten Sätze klingen ganz nüchtern. Fast wie eine mathematische Formel. Wir sind es gewohnt, dass angeblich Wichtiges in großartigen Reden mit viel Pathos vorgetragen wird. Lassen wir uns nicht täuschen. Vieles von dem, was uns vorgetragen wird, ist reine Lüge. Und was wir oft genug zu hören bekommen muss nicht immer so bedeutsam sein, wie es scheint. Und in solchen knappen Formulierungen, wie ich sie eben gebracht habe, kann die ganze Wahrheit des Lebens liegen. Nur vielleicht immer wieder von einer anderen Sicht her betrachtet. Ich jedenfalls meine, dass ich auf dem rechten Weg bin, wenn ich für mich versuche, diese Sätze zu verinnerlichen.