II 54wki* Der Allerbarmer
Was ist das für eine Beziehung zwischen
dem liebenden Gott und uns unvollkommenen Menschen?
„Ich, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Kinder und Kindeskinder für die Sünden der Väter straft!“ Sinngemäß hörte zumindest ich so etwas im evangelischen
Religionsunterricht vor nun mehr als 60 Jahren. Das Bild des Vatergottes hat sich in den letzten Jahrzehnten genauso geändert wie das Bild vom Vater
oder vom Lehrer. Nämlich zum Besseren. Weg vom Patriarchen. Und gerade in diesen Tagen (also 2018) hat das Kirchenoberhaupt klipp und klar gesagt, dass wir Gott als liebenden Vater
sehen dürfen. Denn das war wirklich nicht immer so.
Hier habe ich einen interessanten Artikel zu dieser Problematik, es ist ein Aufschrei, wenn man das so ausdrücken will: Hubert Ettl: Befreit Gott! Der Untertitel eines Artikels im Magazin zum Wochenende (Straubinger Tagblatt, Pfingsten 2017) erklärt, um was es dem Verfasser geht: Unser Glaube krankt an einem ambivalenten Gottesbild, das es im Sinne der Liebe zu vereinseitigen gilt. Der Autor bezieht sich in seinen Aussagen zunächst auf eine Aussage von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Der erklärte wörtlich: „Insofern ist ein Glaube ohne Verstand kein richtiger christlicher Glaube.“ Von dieser Sicht her erläutert Ettl seine Auffassung. Ich zitiere aus der Mitte des Aufsatzes:
Wäre es nicht notwendig, in Kommentaren zur Bibel, in den Predigten, im Religionsunterricht klar und deutlich zu sagen: Ja, diese und Textstellen erzählen von einem Gottesbild, das nicht zur christlichen Gottesvorstellung passt, den Kern des christlichen Glaubens bildet die Vorstellung: Gott ist die Liebe, wie es Eugen Biser mit seinem Wort vom „bedingungslos liebenden Gott“ zur Sprache bringt und wie die Enzyklika „Deus Caritas est“ von Papst Benedikt XVI. unterstreicht. Damit, so Biser, durchbreche das Christentum die Ambivalenz der traditionellen Gottesvorstellung, die „Doppelgesichtigkeit des durchgängigen Gottesbildes aller Weltreligionen“.
Als suchender und zweifelnder Christ kann ich gemeinsam mit Herrn Ettl nur sagen: Befreit Gott von einem Bild, das die Menschen Ihm in seiner viele Jahrtausende alten Geschichte angedichtet
haben! Rückt das Bild vom Gott der Liebe ins Zentrum - endlich auch noch mehr in der Liturgie, den Liedern und Gebeten! Einer der ganz großen Theologen hat sich schon vor Jahren zu diesem Thema
geäußert. Sinngemäß und mit meinen Worten etwa so: Wir lieben Gott wegen Seiner großen Güte. Seine Macht ist unendlich. Die braucht Er auch. Und jetzt das Entscheidende. Wenn Gott Seine Macht so
missbrauchen würde, wie wir es von Menschen kennen, dann wäre es besser, diesem Gott die Stirn zu bieten und lieber zu sterben, als sich einer solchen Macht zu beugen. In vielen alten Mythen und
Sagen wurde diese Problematik schon früher immer wieder thematisiert. Es ist sehr wichtig, ganz deutlich und immer wieder herauszustellen, dass der Gott aller Menschen Liebe ist. Das hat uns
Christus deutlich machen wollen, „Der im Namen des Herrn zu uns gekommen ist.“ Deswegen war Er doch auf der Erde, um uns das nicht nur zu erklären, sondern um es uns vorzuleben. „Wer mich
sieht, der sieht den Vater.“ Christus hat uns zu verstehen gegeben, dass wir auch bestimmte Vorstellungen, die noch aus einer Zeit stammen, in der sich das Bewusstsein der Menschen - und
auch das Gottesbild - erst entwickelten, über Bord werfen sollen: „Neuen Wein füllt man nicht in alte Schläuche“.
Zu dem „alten Wein“, den man nicht auftischen soll, gehört die für uns alle deutlich erkennbare verkehrte Gedanke, Gott würde einem Seiner Geschöpfe den Befehl zum Töten geben. Erinnern Sie sich
noch an die Geschichte von Abraham und Isaak? Und warum steht eine solche Erzählung denn in der Bibel? Moderne Theologen erklären das so: Bis zu diesem berichteten „Geschehen“ war es tatsächlich
allgemein gängige Anschauung, dass man Gott alles, ja sogar das eigene Kind opfern müsse, wenn man meinte, dass dieser das verlange. Diesen Aberglauben wollten vielleicht schon damals die
Religionsoberen ausmerzen. Und haben die Geschichte als Fabel oder Lehrstück erfunden. Solch ein Beweggrund ist durchaus verständlich und für mich nachvollziehbar. Denn jetzt kommt die Hinwendung
auf das hin, was ich für die Wahrheit halte:
In die furchtbare Angstbeziehung zwischen Mensch und Gott kommt nun - und zwar genau durch das Berichtete - das alles verändernde entscheidende Wort des Vater-Gottes: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide!“ Das ist die eigentliche Aussage dieser Geschichte, es ist
definitiv die Absage an jegliche Menschenopfer. Ohne diesen Kommentar sollte man so etwas gar nicht erzählen. Und schon gar nicht in der Osternacht, wo uns der liebende Heiland als Auferstandener
wiedergeschenkt wird. Stichwort: Männergesellschaft nach einem Muster, das endlich ausgedient haben sollte.

Im Alten Testament wird viel über die Beziehung Gottes zu uns Menschen gesprochen. Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass Juden, Muslime und Christen in ihren heiligen Büchern von Gott erzählen. Jede Religion erklärt sich als rechtmäßige Verwalterin dieses religiösen und kulturellen Erbes von größtem Wert. Jede Religion interpretiert die Überlieferung - und das ist auch nicht zu kritisieren - etwas anders. Lebensumstände und Vorstellungswelten sind ja nicht für alle Menschen gleich.
Es gibt keine „Einheits-Religion“. Die wird es wahrscheinlich auch in der nächsten Zukunft nicht geben. Gott hat uns ja alle als Unikate geschaffen und das gilt auch für unser religiöses Denken. Deshalb haben wir diese differierenden Auffassungen, die wir einfach so hinnehmen müssen. Lessing hat in seiner Ringparabel einen Lösungsversuch unternommen und hat - ich sage das mal ganz vereinfacht - das so erklärt: Jede Religion solle doch zeigen, dass sie über diese Kraft, die von der „richtigen“ Religion ausgehen müsse, verfüge. Ein guter Gedanke. Vielleicht halten wir einfach fest: Jede Religion sieht die Beziehung zu Gott etwas anders und ein Konsens ist sehr schwierig.
Nach der alttestamentlichen Vergangenheit und der problematischen Gegenwart werfen wir einen Blick in die Zukunft. Papst Franziskus geht da von einer ganz anderen und neuen Sicht aus.
Wunden heilen - das will Franziskus
Öffnung der Herzen auf alle Menschen hin - und Aufmachen der Geldbeutel für die Armen auf unserer Erde - das ist das Programm des Papstes Franziskus. Einem guten Freund verdanke ich das gleich folgende Foto.

Das Handeln von Franziskus ist die Realisierung von Gewaltlosigkeit. Er ist Einer, der so sein will wie der Allerbarmer. In
der Zeit vor Papst Franziskus hat man Geschiedenen und später Wiederverheirateten nicht erlaubt hat, die heilige Kommunion zu empfangen. Diese nicht sehr glückliche Regelung war paradox, denn
jemand, der seinen (ihren) Ehepartner getötet hätte, hätte (nach der Lossprechung von der Sünde des Tötungsdeliktes) nach dem Kirchenrecht problemlos zur Kommunion gehen können. Und das ist ja
nun wirklich nicht nachvollziehbar, dass ein Mörder bessergestellt ist, als jemand, der - vielleicht sogar ohne eigene Schuld - von seinem Ehepartner(in) geschieden worden ist. Diese ungute
Situation hat Papst Franziskus gegen Widerstand der Konservativen beendet. Franziskus hat mit dieser neuen Regelung gezeigt,
dass es ihm nicht um Bestrafung möglicher Sünder geht, sondern darum, entstandene Wunden zu heilen.
Ein anderes: In einem sehr katholisch geprägten Land in Europa fürchten sich die Menschen vor der „Sünde“ Empfängnisverhütung auf nicht natürliche Weise. Sie vermeiden deshalb- weil die Kirche das verbietet - die Familienplanung mittels Pille. Bei einer solchen sehr strengen Form von Gläubigkeit kommt es natürlich öfter zu ungewollten Schwangerschaften. Die Folge ist aber, dass in diesem Land die Abtreibungszahlen höher sind als andernorts.
Nachdem aber die Empfängnisverhütung - wenn überhaupt - nur eine kleine Sünde sei, wie mir vor vielen Jahren ein hochrangiger Würdenträger in Rom zu erklären versuchte, dann hat die Kirche mit dem Pillenverbot den Anstieg der Zahl ungewollter Schwangerschaften zu verantworten. Und das hätte man in Rom vielleicht überdenken müssen, dass es dann vermehrt zu dem kommen könnte, was tatsächlich kein geringes Vergehen gegen Unschuldige ist: Abtreibung.
Wenn meine Erinnerung an diese Ereignisse mich nicht täuscht, war der Herr, der von der „kleinen Sünde sprach“ seinerzeit der Vorsitzende der Glaubenskongregation, bei dem ich gemeinsam mit einer
Delegation in Rom war. Das war zu der Zeit, als Papst Johannes Paul II. noch sehr rüstig in seinem Amt war. Auf jeden Fall müsste dieser Herr vor Josef Ratzinger dieses Amt innegehabt haben.
Ich habe mich des Öfteren gefragt, wieso eigentlich Papst Paul VI. in seiner Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) sich so sehr gegen die künstlichen Methoden der Empfängnisverhütung aussprach.
Möglicherweise war das eine Reaktion auf die Einführung der Antibabypille einige Jahre zuvor. Über die Hintergründe für dieses etwas überraschende Pillen-Verbot von oberster Instanz kann man nur
spekulieren. Für mich ist es denkbar, dass der Papst verhindern wollte, dass von staatlicher Seite aus Maßnahmen gegen den raschen Bevölkerungsanstieg vorgenommen werden könnten. War es etwa
angedacht, - aber wohl nie klar ausgesprochen - dem Trinkwasser Hormone zur Empfängnisverhütung beizumischen? Kurze Zeit schien dies mal einige Zeit wohl angedacht worden sein. Zu diesem Thema
ist noch zu sagen, dass ein Teil der Bischöfe in Deutschland diese Enzyklika nicht mittragen konnte und wollte. So ähnlich hatte ich das seinerzeit wohl auch schon gesehen.
Bei meinem Besuch bei Mutter Teresa wurde ich allerdings darüber belehrt, dass die natürlichen Methoden der Empfängnisverhütung von den Ordensschwestern in all ihren Einzelheiten in Kursen und
Einzelgesprächen den Müttern erklärt wurden. Dies ist schließlich die einzige Möglichkeit für arme Menschen, überhaupt Familienplanung zu betreiben, denn diese Methode kostet nichts, wenn man
davon absieht, dass ein einziges Mal ein Thermometer zur Messung der Körpertemperatur angeschafft werden muss. Der Einwand, dass diese Methode unsicher sei, zählt schon deswegen nicht, weil sich
die Menschen in armen Ländern eine andere Methode der Familienplanung einfach nicht leisten können.
Vielleicht noch ein Wort dazu, wie man hier in Bayern damals dachte. Es müsste Bischof Dr. Eder in Passau gewesen sein, mit dem ich in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Gespräch führen durfte. Da ging es um die Hilfen, die ungewollt Schwangeren angeboten werden sollten. Der freundliche Mann fragte mich eindringlich und immer wieder danach, welche Hilfen das „Haus für das Leben“ in Straubing den in Not geratenen Frauen anbieten wolle. Nachdem ich zuerst vom Wohnraum und Hilfen zum Leben gesprochen hatte und auf sein Insistieren in dieser Frage keine weitere Antwort mehr wusste, schaute er mich an und sagte ganz leise: „Und was ist mit der Verhütung?“ Dieser Hinweis, den ich niemals von einem Bischof erwartet hätte, hat mich sehr überrascht und zugleicht erfreut. Welche Offenheit gegenüber den Problemen der Weltmenschen, Probleme, die man seinerzeit erst zögerlich zu diskutieren angefangen hatte! Doch nun will ich wieder zu dem kommen, was tatsächlich ernst ist.
Frauen konnten früher nicht zu ihrem Pfarrer zur Beichte gehen, wenn sie es bereut hatten, dass sie eine Abtreibung durchgeführt hatten. Da wäre ja schließlich der Weg zum Ortspfarrer zur Beichte und Bitte um Lossprechung von der Schuld ein Weg, der normalerweise von der Kirche angeboten wird. Doch so einfach machte es die Kirche den Frauen nicht, nein, sie mussten zum Bischof! Ein großer Schritt für diese Frauen. Ich denke, dass es kaum Frauen gegeben hat, die diesen Schritt gewagt haben. Schon allein bei der Anmeldung zu einem Gespräch hätten sie ihr sorgsam gehütetes und dabei so bedrückendes Geheimnis preisgeben müssen. Das Ganze ist typisch für eine Männergesellschaft. Man hat im Prinzip diese „gefallenen Frauen“ aus der Kirche herausgetrieben. All dies haben wir Normalbürger allerdings erst erfahren, nachdem Papst Franziskus im Jahr der Barmherzigkeit hier Änderungen zugunsten der Betroffenen herbeigeführt hat.
Man liegt also nicht verkehrt, wenn man davon ausgeht, dass bei Franziskus immer der Mensch im Vordergrund steht. Hinter den Veränderungen von Franziskus steckt System: Franziskus glaubt an einen Gott, der vergibt... In Bezug auf die Ehe, die auch er als unauflöslich ansieht, weiß er um das Problem, dass eine Beziehung zerstört sein kann:
“Man muss zugeben, dass es Fälle gibt, in denen die Trennung unvermeidlich ist. Manchmal kann sie sogar moralisch notwendig werden,
wenn es darum geht, den schwächeren Ehepartner oder die kleinen Kinder vor schlimmeren Verletzungen zu bewahren, die von Überheblichkeit und Gewalt, von Demütigung und Ausbeutung, von
Nichtachtung und Gleichgültigkeit verursacht werden." heißt es auf Seite 53 des Buches, das ich anschließend nennen werde.
Papst Franziskus stellt den persönlichen Sünden, wozu beispielsweise Ehebruch gehört, die gesellschaftlichen Sünden gegenüber: Mehr als persönliche Sünden beschäftigen den Papst soziale Sünden. Mit kritischem Blick analysiert er gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse… In diesem Zusammenhang wird auch Korruption genannt. Er spricht vom Schrei der Arbeiter, denen der gerechte Tageslohn vorenthalten wird. Prophetisch beklagt Papst Franziskus die Haltung vieler in den reichen Ländern gegenüber den Armgemachten Unterdrückten. Wiederholt geißelt er „Gleichgültigkeit“, die sich in allen Lebensbereichen breitgemacht habe... Der Papst spricht nicht so sehr von Sünden, sondern von Wunden. Und diese Wunden brauchen kein Moralisieren, sondern Heilung. Dieses Heilen ist nicht nur Aufgabe der Kirche, sondern auch Aufgabe der Politik. Die Zitate sind einem sehr interessanten Büchlein entnommen: „Ich träume von einer Kirche als Mutter und Hirtin“ von Paul Zulehner.
Wenn ich über die Beziehung zu Gott spreche, dann geht es auch immer gleichzeitig um die Beziehung zum Mitmenschen. Am wichtigsten ist das Verhältnis zu den Armen und Ausgegrenzten, zu den "Geringsten unter Seinen Brüdern" - wie Jesus formuliert hat. Der Maßstab für unser Tun ist immer unser Verhältnis zu den Benachteiligten in der Welt.
Ich will Ihnen jetzt ein Video zeigen, das erklärt, wie Fachleute auf dem Sektor "Hilfe für Andere" so etwas machen. Ich denke, dass wir solche Informationen nicht so oft bekommen. Wir sollen es doch in unserer Spaßgesellschaft gar nicht wissen, dass all unser Wohlstand zu Lasten der Mehrheit der armen Menschen in der Welt geht. Schauen Sie sich mit mir bitte doch zunächst einmal gemeinsam an, wie es in unserer Welt hinter den schönen Kulissen aussieht.
Die Frauen von Rampur - ein Bericht von der Not in Indien (https://vimeo.com/287950117) und der Arbeit katholischer Schwestern