III 45m* MEIN ALLEINSEIN
In Calbe an der Saale auf die Welt gekommen.
Im Krieg.
Ich hasse Krieg.
"Beim Fliegeralarm im Keller hatte ich Angst, Todesangst, an die ich mich heute noch erinnere."
Leben im Unrechtsstaat
Kindheit des Website- und Buchautors in der DDR
Eine der schlimmsten Erfahrungen in einem totalitären Staat ist, dass man nur mit der Lüge weiterkommt. Wir waren Unterdrückte. Bezeichnend für das Leben im Unrechtsstaat ist, dass sich die Menschen ein eigenes Bild machen, das sie davor schützt, sich im Gewirr der Staatspropaganda zu verlieren. Schließlich habe ich niemals so viel über "Frieden", "Freundschaft", "Gemeinschaft" oder "Freiheit" gehört wie seinerzeit in der DDR. Wer sich von den Vokabeln hinreißen ließ, war verloren. Die Lehrer durften schon über die Freiheitskämpfer in der zurückliegenden Geschichte des Landes sprechen. Jeder dachte sich dabei, was er wollte. Zweigleisig konnte man überleben. Für Häftlinge gab es in Bautzen in der DDR Kobaltbestrahlung der Geschlechtsorgane als Bestrafung. Woher ich das weiß, das kann ich allerdings nicht sagen. Aber nach allem, was ich sonst weiß, gibt es da keine Zweifel an der Wahrheit des Berichteten.
LEBEN IN DER DDR




Meine Eltern hatten eine Bäckerei. Vielleicht ist das interessant, wie so ein Geschäft ausgesehen hat. So etwas sieht man ja heute nicht mehr von
innen.
Diese beiden letzten Bilder aus dem Familienalbum gehören zu meiner Vorgeschichte.
Das folgende Gemälde ist von H. G. Reckzügel gemalt worden.


Reflexartig dachten wir alle: Wenn die Partei (Schule oder Jugendorganisation) dies oder jenes sagte, dann muss das Gegenteil richtig sein. Die Partei sagte, dass die Konzerne (im Westen) etwas ganz Übles seien, Einrichtungen zur Ausbeutung des Menschen. Also - dachten wir im Umkehrschluss - das muss eine gute Entwicklung sein. Wir sagten uns: Die Konzerne müssen etwas Gutes sein, wenn sie von den Machthabern in der DDR verteufelt werden. Um später zu erfahren, dass die Mehrzahl der großen Konzerne nur an eines denkt, an den Profit. Oder Geschichtsunterricht. Bekanntlich hat Luther die Bauern verraten. Das stimmt ja auch. Dazu existieren nämlich Zitate. Als wir das aber im Unterricht hörten, dass Luther die einfachen Leute verraten hat, da war für uns alle sofort klar: "Nein, so etwas hat der aufrechte Mann niemals gemacht. Da soll doch wieder einmal nur die Kirche schlecht gemacht werden!" Pastor C. Führer, der die unblutige Revolution gegen das DDR-Regime initiiert hat, war furchtbar enttäuscht, als sich nach dem Zusammenbruch der DDR dieser Erfolg herausstellte als ein Sieg für das Konsumdenken, das die westliche Welt den "Ossis" sofort offerierte. Das hatte er nicht gewollt. Aber seine Kraft reichte nicht mehr aus, um diese Entwicklung zu verhindern. Das alles hatte ich selbst Jahre zuvor schon hautnah erfahren. Gott sei Dank aber ohne wirkliche Beschädigung meiner Person. Davon abgesehen, dass ich das Lügen erlernen musste, um zu überleben. Ich versuche das wieder abzulegen, denn es liegt eine große Versuchung darin, wenn man so etwas gut kann.
Auf die Problematik des Erlernens der Lüge werde ich später wohl noch einmal zurückkommen. Das ist der Sumpf, in dem Verbrecher herangezogen werden. Jeglicher Zwang zum Lügen - und das darf auch in einem sonst demokratischen System nie vergessen werden - ist ein absolutes „No go“, weil es den Menschen zerstört. Die Mechanismen der Unterdrückung im Unrechtsstaat werden allerdings in ihrer Perfidität beinahe noch überboten von den Menschen, denen wir eigentlich unser Vertrauen schenken wollten, denen wir unsere Kinder anvertraut hätten. Ich meine diejenigen unter den Priestern oder Lehrern, die durch ihr abscheuliches Tun den ihnen anvertrauten Menschen unsägliches Leid angetan haben, zu Lasten derjenigen in diesem Personenkreis, die diese Berufe deswegen gewählt haben, um anderen Menschen wirkliche Stütze, Hilfe und Wegweisung zu sein.
Ein wichtiger Unterschied ist, dass man - so sehe ich das - beim genannten Orden bei den missbrauchten Personen das Bewusstsein formt, dass alles, was vom Orden angeordnet wird, von Gott
gewollt sei. Im totalitären Staat werden die Bürger durch Gesetze zur Einhaltung der "Regeln" gezwungen. So ist beispielsweise das eigenmächtige Verlassen des Staates ohne Erlaubnis der
Behörden - wenn es denn überhaupt möglich war - als Straftat angesehen worden. Hier wie dort kann man ohne Übertreibung von Gehirnwäsche sprechen, Zerstörung der Persönlichkeit inklusive. Ein Trauma hat uns alle verletzt in
unserem Selbstwertgefühl. Es war nun jedem selbst überlassen, irgendwie aus dieser Not der Seele herauszufinden. Jeder suchte sich den für ihn passenden Weg, mit den Verletzungen fertig zu
werden. Und jeder wird in irgendeiner Weise schuldig, schuldig daran, dass totalitäre System überhaupt lebensfähig sind. Ich schließe mich da voll mit ein. Doch wie alle anderen habe auch ich
keinen anderen Weg gesehen, um zu überleben.
Ich war gefangen im eigenen Land
Der "eiserne Vorhang" trennte uns von der Freiheit.


Fotografie hat mich schon als Kind fasziniert.
Ende der 60er Jahre habe ich das Boot auf der Ostsee und diesen Sonnenuntergang aufgenommen. Ich habe mich über die schönen roten Farben gefreut. Sehr viel später habe ich erfahren, dass diese kräftigen Farbtöne von der Umweltverschmutzung herrühren. Und das ist das letzte Bild von jenseits des damaligen Eisernen Vorhangs.
Übrigens dachte niemand von uns an die Möglichkeit eines Volksaufstands. Die Ereignisse von 1953 hatten gereicht, denn es gab keine Chance, die sowjetische Armee hatte diesen Aufstand bekanntlich mit Waffengewalt beendet. Erst nachdem das Land wirtschaftlich am Boden lag, konnte ein Mann wie Gorbatschow die Wende herbeiführen. Aber das kam erst viel später. Danke, Herr Gorbatschow, aber in den 70er Jahren war noch kein Licht zu erblicken.
Des Öfteren werden Sie von mir über mich selbst vielleicht lesen: “Wir einfachen Leute…” Sie werden protestieren und entgegnen: Als einer, der als Arzt sicher gut verdient hat, steht es Dir nicht
zu, so zu sprechen. Dann werde ich antworten: Du hast recht mein Freund. Tatsächlich war es mir geschenkt, diesen Traumberuf wählen zu können und viele Jahre auszuüben. Und ich ergänze: Mein Herz
gehört den Leuten, die im Schmutz leben müssen, es schlägt für die Unterdrückten, Ausgebeuteten, Hungernden und Kranken, es ist bei denen, für die sich niemand interessiert, bei denen, die für
uns Billigtextilien nähen oder wegen unseres Fleischhungers oder wegen unseres Profitstrebens von ihrem Eigentum vertrieben werden. Ich zähle mich nicht zu den „Gutmenschen“, aber auch
nicht zu den wirklich guten Menschen. Meine Kenntnisse sind lückenhaft, meine Ausbildung in "Geschichte" habe ich in einem totalitären System gehabt. Wie sollte ich da um die Wahrheit
wissen?
Als evangelischer Christ bin ich aufgewachsen ohne den Mut, dem System zu widerstehen. Später bin ich katholisch geworden, habe also auch auf diesem
Sektor keinen regulären Unterricht genossen. Als einziges Positives von meiner Person kann ich sagen, dass ich ernsthaft versuchen will, einen Blick hinter die Kulissen dieser Welt zu werfen,
denn ich habe den Eindruck, dass uns ganz viel vorgeschwindelt wird. Und dass es eine Reihe von Leuten gibt, die uns für dumm verkaufen wollen. Und das ist ja keineswegs vorbei, auch wenn es
einem gelingt, in ein freies Land zu fliehen.
Wo stehe ich eigentlich? Jeder muss seinen Standpunkt finden.
Im gleichen Jahr noch sagten wir dem sogenannten „Arbeiter- und Bauernstaat“ ade. Mindestens vier Wochen lang vorher und die gleiche Zeit danach träumte ich jede Nacht von einer abenteuerlichen Flucht über alle möglichen Grenzen durch den Kugelhagel der Bewacher dieses riesigen Gefängnisses. Meistens träumte ich von einer Flucht mit einem Motorrad aus dem Spitzelstaat. Ein solches hatte mir mein Vater ein paar Wochen vor unserem gemeinsamen Wegzug gekauft. Dadurch sollte jeder Verdacht auf ein beabsichtigtes „Grenzvergehen“ von vornherein ausgeschaltet werden. Meine Freunde hatten mir später einmal erzählt, dass sie mein Vorhaben sogleich durchschaut hätten, als ich ihnen ausgeliehene Bücher zurückgebracht hatte. Und sie fragten, warum ich ihnen nicht das Motorrad geschenkt habe.
Am Ende der zwölfjährigen Schulzeit kam ein Offizier der „Nationalen Volksarmee“ in Uniform in unsere Schule, um uns als Soldaten anzuheuern. Der Klassenlehrer sagte so etwas wie: „Jetzt stehen alle auf, die sich freiwillig zur Volksarmee melden wollen.“ Niemand stand auf. Dann fragte er anders: „Wer nicht dazu will, der möge jetzt aufstehen.“ Wieder blieben wir alle sitzen. „Nun, dann können wir ja die Antrags-Formulare austeilen.“ So geschah es. Ich wusste, dass man mich nicht einziehen würde, weil mein Bruder im Westen war. „Es tut mir leid, aber wir können Sie leider nicht nehmen.“ sagte der Mann in Uniform und schaute mich freundlich an. Mir tat es beinahe leid, so lügen zu müssen. Mein Antrag wird wohl jetzt noch irgendwo bei den Akten liegen. Es war eine wirkliche Gewissensentscheidung, so herzhaft dem ansonsten freundlichen Menschen voll in das Gesicht zu lügen. Aber das war eben so. Ich denke, man selbst muss abwägen, ob man sich gegen ein System stellt oder nicht. Ob es richtig ist, das ist eine andere Sache.
Von meiner Seite aus war dann auch noch etwas anderes notwendig: In der Jugendweihe wurde das Bekenntnis zum Staat gefordert. Man erklärte uns auch, dass dieser Akt notwendig sei für das spätere Vorwärtskommen. Natürlich war das Bekenntnis zum Staat bei der Jugendweihe dem Bekenntnis zu Christus genau entgegengesetzt. Das wusste man natürlich. Und wollte diejenigen, der sich nur der Form halber für den Staat aussprachen, in Gewissenskonflikte bringen, weil man dadurch das Treuebekenntnis zu Christus ad absurdum führte.
Musste nicht jeder junge Christ, der sich zum Staat bekannte, seinen Gott verraten? Das ist etwas, was man als psychologisches Instrument zur Unterdrückung ansehen kann. Diese Einflussnahme auf junge Menschen war mit Sicherheit Absicht. In der evangelischen Kirche handhabte man das so, dass man zuerst die Jugendweihe zum angesetzten Termin stattfinden ließ und anschließend der Pastor die Konfirmation vornahm. Damit konnten beide Seiten leben. Ich handelte dementsprechend linientreu und gleichzeitig als Verräter, der auf die Barmherzigkeit des Herrn vertraute, der schließlich auch eine ganz bewusst begangene Sünde vergeben kann. Wohl war mir nicht dabei. Bei den wenigen Katholiken in meiner Klasse gab es eine klare Regelung: Entweder das eine oder das andere. Mit entsprechenden vorher angekündigten Folgen. Inwieweit diese Folgen dann noch nach Jahren realisiert wurden, habe ich nie erfahren.
Die Unterdrückten und Ausgebeuteten sollten keinen Freund mehr an ihrer Seite haben. Aber auch wir Menschen in einem freien Land müssen immer aufpassen, dass uns niemand die Freiheit nimmt.

Da gibt es aber noch etwas vom Unrechts- und Spitzelstaat zu erzählen. Nach einem sonntäglichen Kirchenbesuch wurde ich mit etwa 13 Jahren in das Rathaus vorgeladen. Ich wurde von den mir unbekannten Leuten befragt, ob ich gehört hätte, dass der Pastor von der Kanzel herab gesagt hätte, dass alle Spitzbuben seien, die aus der Kirche ausgetreten sind. Habe ich auch wirklich nicht gehört. Und wenn ja, dann hätte ich herzhaft gelogen. Die nächste Frage war dann, was ich von solchen Leuten halte, und so ging es weiter. Kurzum, ich musste ein Lügen-Märchen auftischen und den Quatsch schließlich auch noch unterschreiben.
Aber so war es. Christus, Der von der Freiheit sprach, war in der DDR verhasst. Es war der Staatsfeind Nr. 1. Am liebsten wäre es den Machthabern gewesen, man würde Ihn für immer begraben.
Wo wir auch hinschauen: Es sind tatsächlich immer die gleichen Bevölkerungsschichten, die der Ausbeutung anheimfallen. Und es sind auch immer wieder die gleichen Mechanismen der Unterdrückung:
Zuerst werden abhängige Menschen zu Taten gezwungen, die sie verabscheuen. Mit dieser Not werden sie alleingelassen. Manchmal - im Krieg sehr oft - müssen die Menschen dann mit ihren ungelösten
Fragen sterben. Gott sei ihnen gnädig, Er ist gnädig, weil Er um diese Not weiß und selbst unschuldig sterben musste. Kürzlich habe ich einen Bericht über missbrauchte Frauen gesehen (Arte
5.3.2019: Gottes missbrauchte Dienerinnen). Jungen Klosterfrauen wird von Priestern sexuelle Gewalt angetan. Wenn sie
schwanger werden, müssen sie das Kind abtreiben lassen oder sie werden gezwungen, das Kloster zu verlassen. Oftmals ist das für diese Frauen ein Abstieg in soziales Elend. Immer wieder geht es um
Machtmissbrauch in unserer Männergesellschaft, in der Frauen unterprivilegiert sind und auch heute noch von denen, die sie beschützen sollten, sexuell missbraucht und ausgebeutet
werden. Das sind die beiden Themen, die mich sehr bewegen: Unrecht und Ausbeutung. Das
Ganze - sowohl das Kriegsgeschrei bei unseren Vorfahren als auch die Ausbeutung der Frauen bis zum heutigen Tag - ist typisch für eine Männergesellschaft, deren Machtkomplex nie gebremst wurde.
Kann an Perfidität wohl kaum noch überboten werden.
Bald 70 Jahre liegt der Volksaufstand in der DDR vom 17.6.1953 zurück. Einzelheiten wussten wir nicht, ich war damals ein Kind, dem sowieso nichts Wichtiges erzählt wurde. Bei einem Gespräch mit einer Bekannten erfuhr ich erst viele Jahre später folgendes: Da gab es in unserem Ort eine Person, die mir dem Namen nach ein Begriff war.
Dieser Mann ist damals auch mitmarschiert und anschließend verhaftet worden. Im Gefängnis wurden diese Menschen malträtiert.
Unter anderem mit nächtlichen Heimsuchungen durch irgendwelche Hilfsschergen, "Razzien" wurden diese Besuche genannt. Da der mir nur dem Namen nach bekannte Herr gehbehindert war und nicht
schnell genug war, trat man kurzerhand auf den am Boden liegenden hilflosen Menschen herum. In einer der folgenden Nächte ist er dann verstorben. Ich denke, dass Blutungen aufgrund innerer
Verletzungen als Todesursache in Frage kommen könnten. Bei einem Riss der Milz ist der erst nach einiger Zeit eintretende Tod typisch. Die Witwe wurde von dem Tod ihres Mannes unterrichtet. Als
Todesursache wurde eine Herzerkrankung genannt. Erst im Nachhinein wird deutlich, in welcher Gefahr wir alle in diesem gefährlichen System gelebt hatten. Erst nachdem dieser Staat vom Erdboden
verschwunden ist, wage ich es, über all diese Dinge zu sprechen. Wissen wir doch alle, dass auch Menschen in der Bundesrepublik nicht sicher waren vor Racheakten.
"Tage des Sturms" ist der Titel eines Films, der von diesen Ereignissen berichtet. Es ist ein deutscher Fernsehfilm aus dem Jahre 2003. Der Film wurde vom MDR
produziert und hatte am 7. Mai 2003 seine Erstaufführung im Ersten Programm der ARD. Er behandelt anhand eines fiktiven Familienschicksals die Geschehnisse um den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR. schreibt Wikipedia.
Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, dass dunkle Kräfte immer und überall vorhanden sind. Vielleicht denken wir, das alles sei doch weit weg. Täuschen wir uns da nicht. Die finsteren Mächte sind in uns selbst gegenwärtig. Also überall.
Das Bild von ein paar Kriegsteilnehmern - in meinem geplanten Buch "HEIMAT - wo Sein Friede wohnt", werde ich es zeigen - berichtet von einer Situation, die sich niemals wiederholen darf. Zumindest einer auf diesem Foto ist im Krieg geblieben. Von den Schicksalen seiner Kameraden ist nichts bekannt. In der Umgebung, in der dieses Foto gemacht wurde, finden sich Ruinen. Wir ahnen, dass man unsere Väter zu etwas getrieben hat, das sie niemals von selbst getan hätten. Ich widersage allem Krieg. Sie werden verstehen, dass einem vieles durch den Kopf geht, wenn man sich - als Rentner habe ich ja die Zeit dazu - mit den Fragen nach der Gerechtigkeit und dem Sinn des Lebens befasst.
Schließlich habe ich nach meinem Studium meinen Wehrdienst abgeleistet. Auch da habe ich sehr viel gesehen, was mich geprägt hat. Mit der Zielsetzung „Verteidigung der Freiheit und des
Vaterlandes“ konnte ich mich durchaus identifizieren, zumal ich ja als Arzt nicht zur kämpfenden Truppe gehörte. Für Verletzte sorgen zu müssen, das würde ich auch im Ernstfall als dankbare
Aufgabe ansehen können. Dachte ich. Gott sei Dank ist mir so etwas aber erspart geblieben. Im Übrigen bin ich dem Bundeskanzler, der sich weigerte, mit den Amerikanern gemeinsam in den Irak-Krieg
zu gehen, auch heute noch dankbar. Nicht alle Politiker waren damals so konsequent. Mein Hass auf alle ungerechten kriegerischen Aktivitäten hatte ich bereits erwähnt. Es erstaunte und verwirrte
mich, dass einer meiner Freunde die Ansicht äußerte, dass man viel zu lange mit dem Krieg gegen den Irak gewartet hätte. Mein Kommentar zu dieser Formulierung ist nicht böse gemeint, doch diese
Meinung hat mich verwirrt. Hat mich traurig gemacht. Aber: "Nobody is perfect", auch nicht die ansonsten wirklich guten Freunde.
Ich habe ein Foto, das daran erinnert wird, dass unsere Vorfahren als Soldaten da in einer ganz anderen Situation waren als wir heute. Die mussten in den Krieg. Da gab es keine
Wehrdienstverweigerung. Sie mussten auf fremde Menschen schießen, wenn sie selbst überleben wollten. Solche Bilder werden auch Sie zu Hause irgendwo aufbewahren - und um einen verlorenen
Angehörigen trauern. Die Not der Familie ist auch nach Ende der furchtbaren Kriege bei den Menschen, vor allem bei den verwaisten Kindern hängengeblieben. Heute lernen wir in der Kinder- und
Jugendpsychologie, was es bedeutet, während der Entwicklung die Bezugspersonen zu verlieren. Und dass diese Verwaisten durch das erlittene Trauma emotional gestört sein können und es dann sehr
schwierig sein kann, den eigenen Kindern Papa zu sein, wenn man selbst keinen Vater hatte.
In der Ausgabe 5 vom 26.1.2019 findet sich im "Spiegel" auf Seite 46 ein Bericht (Das zerrissene Band), in dem beschrieben wird, wie in der damaligen DDR Zwangsadoptionen durchgeführt wurden, um Kinder von ihren Eltern zu trennen, die sich nicht "linientreu" gegenüber der Führung des "Arbeiter- und Bauernstaates" verhalten hatten.
Mich hat es erschreckt, dass ein Fall beschrieben wird, der sich in meinem Geburtsort ereignet hat. Die Zwangsadoptierten und deren Eltern
leiden, soweit sie noch am Leben sind, unter diesem Geschehen. Schlimm ist, dass es teilweise auch keine Beziehung zwischen den Getrennten mehr gibt, auch wenn sie sich nach Jahren wiedergefunden
haben. Dieses traurige Kapitel der Geschichte Deutschlands beginnt man jetzt erst aufzuarbeiten. Von alledem haben wir seinerzeit nichts gewusst. Auch wusste niemand, dass man im Zuchthaus in
Bautzen jungen Leuten die Geschlechtsorgane mit Kobalt bestrahlte, um sie zeugungsunfähig zu machen. All das hat man erst später aus Presseberichten erfahren.
Was mir später in meiner neuen Heimat aufgefallen ist: Kein Mensch hier interessierte sich für politische Angelegenheiten. Im Gespräch ging es meist um Partys und andere
Vergnügungen. Auch lernte ich eine Studentenvereinigung mit einer besonderen Ausrichtung etwas näher kennen. Ein Herr, den ich sehr schätzte, hatte mir diese Vereinigung sehr empfohlen
mit der Bemerkung, man stünde sonst als Student sehr einsam da. Allerdings merkte ich nach einiger Zeit, dass da nichts war, was mich wirklich begeistern konnte. Mit einer schriftlichen Erklärung
durfte ich aus der Vereinigung wieder heraus. Man erklärte mir, dass da eine große Ausnahme mit mir gemacht wird. Das vorher gemachte Treuebekenntnis hatte ich tatsächlich nicht als lebenslanges
Versprechen wahrgenommen.
So etwas kannte ich ja schon aus DDR-Zeiten zur Genüge. Auch das musste ich wohl erst noch lernen, dass in der Freiheit Früchte heranreifen, die nicht jedermanns Geschmack sind. Sie kennen ja den
hier etwas abgewandelten gar nicht so dummen Spruch, den Sie auf alle möglichen Autokraten anwenden können: §1 Die Partei hat immer recht. Sollte das
allerdings nicht zutreffen, dann tritt automatisch §1 in Kraft. Sprüchemacher aus den Reihen der einfachen Leute entlarven mit einem einzigen Satz das
sinnlose Gefasel der Macht-Ideologen. Nicht nur das der DDR-Funktionäre.