III 47 wki Ich bin da
Gott ist immer und überall bei uns. So jedenfalls sagt es der Theologe Dr. Franz Baur.
Dr. Franz Joseph Baur, Stiftsprobst von Sankt Martin, Landshut, ist der Frage nachgegangen, wo wir Gott heute noch finden. Hier ein paar wenige Sätze aus dem Leitartikel des Straubinger Tagblatts von Weihnachten 2016.
„Egal, ob man der alten Kultur Achtung zollt oder ein Ende mit Schrecken andichtet, es galt unter den christlichen Geschichtsschreibern der Spätantike als Faktum, dass die heidnischen Orakel zum Zeitpunkt der Geburt Christi wundersamerweise von selbst aufhörten. Theologisch war das selbstverständlich: Sobald das fleischgewordene Wort Gottes selbst auf den Plan tritt, verstummen die Stimmen, die anderweitig göttlich inspiriert gewesen sein mögen. Nicht anders ergeht es dem Gott des Alten Testamentes. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn.“ (Hebr 1,1) Ein weiteres Reden Gottes, ein Weiterspinnen des Gesprächsfadens Gottes mit der Menschheit ist nach Christus, „Gottes letztem Wort“ (Hansjürgen Verweyen), nicht mehr denkbar. Gott ist verstummt....
Gott ist da angekommen, wo er hinwollte: in den Beziehungen der freien Menschen. Der französische Theologe Christoph Theobald hat eine Schöpfungstheologe konzipiert, wonach der Geber seine Gabe ganz frei gibt, der Schöpfer die Schöpfung freisetzt, ohne sich dahinter selbst zur Geltung zu bringen. Der Schöpfer verschwindet in der Schöpfung. (Transmettre un Évangile de liberté, 2007). Parallel dazu darf man den Gedanken wagen: Der Erlöser verschwindet in den Erlösten. Die Freiheit, in die er uns führen wollte, spiegelt sich in den Errungenschaften der modernen Kultur... die Behaglichkeit der Zentralheizung, die Lebensmittelversorgung im Einkaufszentrum und die Rufbereitschaft des notärztlichen Dienstes...
Was das im Einzelnen bedeutet, das wissen die Menschen, die einmal mitten in der Nacht hilflos auf einer Unfallstelle von Sanitätern versorgt und in ein Krankenhaus transportiert wurden. In der Geschichte vom barmherzigen Samariter war es nicht viel anders. Damals war die Rede von einem Raubüberfall, heute sind oft Verkehrsunfälle, die uns von einem Moment auf den anderen zu hilflosen Personen machen können.

Diese Überlegungen von Christoph Theobald (Transmettre un Évangile de liberteé, 2007) hat Dr. F. Bauer in der Weihnachtsausgabe des Straubinger Tagblatts 2016 erläutert. Ich verstehe das so: Er ist immer bei uns. Mitten im Alltag. Beim Weg in die Arbeit, bei der Brotzeit, beim Lernen. Die unnahbare Gottheit, die alles geschaffen hat und alles in Händen hält, ist immer unter uns. Im Lachen eines Kindes. Im Blühen eines Baumes. Beim Abschiednehmen. Und in der menschlichen Gemeinschaft sowieso. Unabhängig von Rasse, Religion oder Geschlecht. Danke. Allerdings ist dieses Verstummen Gottes nicht als Verlust anzusehen. Baur sieht die Situation als eine Veränderung, die uns hin auf Etwas bewegt:
Viele christliche Beter, unter ihnen besonders intensiv die heilige Mutter Teresa von Kalkutta, haben das Schweigen Gottes als geistliche Nacht erfahren: notvoll, aufwühlend, aber zugleich tief, wahrhaftig und bestimmend. Aus dieser geistlichen Wurzel bezog jemand wie Mutter Teresa seine Kraft. Ihre Spiritualität war wahrlich energisch und entsprechend nachhaltig ihr Einsatz für den Nächsten.
„Das Wort ist Fleisch geworden“, lautet die Botschaft des Weihnachtsfestes. Für ein Erschrecken darüber, dass das Wort Gottes heute
nicht als vielfältige Rede vernehmbar ist, ist kein Anlass. Es gereicht Gott zur Ehre, dass er die Befreiungsgeschichte der Menschheit so weit vorangebracht hat, dass er selbst darin
verschwindet. Dem tiefen Herzen spricht er sich zu, durch das biblische Wort, durch die Feier der Sakramente, durch die Stille. Gott ist da.
Und eben auch bei uns.
Zum Abschluss dieses Kapitels möchte ich auf die altehrwürdige Nikolai-Kirche in Berlin zu sprechen kommen. In diesem schönen gotischen Gotteshaus hat der evangelische Pastor und Liedermacher Paul Gerhardt gepredigt. "Geh aus, mein Herz und suche Freud" und "O Haupt voll Blut und Wunden" sind einige der bekanntesten Kirchenlieder von ihm. Vehement ist er gerade in Berlin für seinen Glauben eingetreten. Nun hat es die geschichtliche Entwicklung mit sich gebracht, dass die Kirche an Bedeutung verloren hat. Die Berliner haben aus der Nikolai-Kirche ein Museum gemacht. Wo ist Gott? Die Antwort lautet immer noch: "Ich bin da."

Und damit ist etwas Bemerkenswertes geschehen. Manch einer möchte traurig sein, dass die allgemeine Säkularisation vieles hinweggefegt hat, was den Menschen heilig war. Gott hat anscheinend aufgegeben, was man früher einmal für Ihn geschaffen. Andererseits aber kommen jetzt auf einmal wieder viele Leute aus aller Herren Länder in das Gotteshaus. Sie können da sogar als geoutete Atheisten oder Agnostiker getrost hineingehen - es ist ja "nur" ein Museum. Und es hat sich auch noch nicht herumgesprochen, dass Gott am ehesten da ist, wo wir Ihn überhaupt nicht vermuten.
So führt uns dieses Museum, das Gott als ein Relikt aus früheren Zeiten darstellt, über die Agnostik - das Nichtsehen Gottes - direkt zu Dem, Der unsichtbar und unerkannt immer bei uns ist. Vielleicht erkennen wir hier eine andere und positive Lesart des Satzes: Gott findet man heutzutage im Museum.
Im Übrigen: Es gibt mehr Kirchen, die eine Zeitlang oder immer noch für ganz andere - und gar nicht heilige - "Aufgaben" zweckentfremdet wurden. Da ist ein gut gepflegtes Museum nicht das Schlechteste.