IV 39soz VISION MENSCH
Mit Recht kann man sagen, dass wir uns in einer Zeit der Umbrüche befinden. Schon zu Beginn der 30er Jahre zeichneten sich die Anfänge großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen ab. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte sich das Verhältnis von Frau und Mann grundlegend verändert. Ein Ende der Abhängigkeit der Frau wurde mehr und mehr deutlich. Die vermehrte Einbindung der Frauen in das Berufsleben hatte schon in den zurückliegenden Zeiten zu einer größeren Unabhängigkeit geführt. Scheidungen wurden eher möglich und finanziell auch verkraftbar. Mit diesen kam es auch im kirchlichen Bereich zu Umbrüchen, die in Zusammenhang mit dem segensreichen Wirken von Papst Franziskus gesehen werden müssen.
Insbesondere durch die Corona-Endemie kam es zu großen wirtschaftlichen Belastungen, die nur durch eine angepasste Geldpolitik aufgefangen werden konnten. Allerdings geriet dabei das althergebrachte finanzielle Gefüge in eine enorme Schieflage. Der schon vorher bestehende Schuldenberg wurde größer. Arme Leute und vor allem arme Länder wurden noch mehr als bisher vom Wohlstand abgeschnitten und andererseits - es ist fast nicht zu verstehen - es nahm der Reichtum weniger Leute weiter zu. Von vielen Organisationen wird diese Entwicklung mit Sorge betrachtet. Dieser Trend scheint paralles zum Wachsen einer zunehmenden Aggressivität vieler Zeitgenossen zu stehen. Unter anderem wohl deswegen, weil der Druck auf Arbeitnehmer ernorm - und wahrscheinlich auch auf deren Vorgeetzte - ernorm ansteigt. Die Lebenshaltungskosten - insbesondere die Mieten - steigen unaufhörlich. Von Bewegungen wie "Friday for future" angeregt und befördert entwickelte sich ein großes Interesse in weiten Bevölkerungskreisen für Umweltbelange. Allerdings sieht das ganz anders aus, wenn man darauf hinweist, dass das nicht ohne Zurückfahren des Lebensstandards zu erreichen ist. Jeder von uns weiß, dass dieser Standard nur dadurch gehalten werden kann, dass wichtige Ressourcen rücksichtslos verbraucht werden und von den Großverdienern kaum jemand wirkliches Interesse daran hat, nachhaltig zu wirtschaften, denn das ist teuer. Und was teuer ist, das wird nicht gekauft.
Vielleicht kann man den Zustand etwa so darstellen: In den Industrieländern war der Wohlstand noch nie so groß wie jetzt. Allerdings mit ganz großen Unterschieden. Unterschiede, die dazu führen, dass die Benachteiligten (mit Recht!) immer neue Forderungen aufstellen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. So ist schließlich am Ende niemand bereit, Opfer für die Umwelt zu bringen. Ganz vorsichtig könnte man etwa so formulieren: Natürlich bin ich für die Umwelt, natürlich bin ich für Gerechtigkeit, natürlich möchte ich, dass auch Benachteiligte am Wohlstand teilhaben. Aber zuerst einmal muss ich für mich und meine Familie das alles sichern, was ich schon habe. Und dieses Denken macht alle Anstrengungen der wenigen sich aufrichtig bemühenden Bürger zunichte. Und ich stelle mit Erschrecken fest, dass ich selbst genauso handele und denke und deshalb eigentlich gar kein Recht habe, dieses Verhalten meiner Mitmenschen anzuprangern.
Wir müssen uns fragen, warum wir alle in die gleichen Denkschablonen verfallen. Schließlich sind wir ja nicht alles böse und gierige Menschen. Vielleicht ist das ein typisches menschliches Phänomen. Es muss ja einen Grund haben, warum die Menschheit seit Jahrtausenden ihre Philosophen und Priester hat, die ganz genau sagen, auf was es ankommt. Alles, was sie sagen, das klingt gut auf Veranstaltungen und liest sich gut in Büchern. Doch es scheitert immer wieder an der Umsetzung. Vielleicht wollen wir das gar nicht wissen, was wir eigentlich tun sollten. Allerdings beginnen alle Veränderungen immer am Menschen. Vielleicht sollten wir uns doch einmal darauf einlassen, einen Weg zu finden, dem ganzen Wohlstandskram seinen wirklichen Wert zuweisen: Alles was nicht wirklich dem Leben dient, aus unserem Leben zu verbannen. Auf das Wesentliche besinnen.
Der Stau im Suezkanal und die Corona-Krise werden dafür verantwortlich gemacht, dass es zu Anfang des dritten Jahrzehntes nicht mehr alles so "rund" läuft wie früher. Lieferfristen für elektronischeTeile bis zu einem halben Jahr sind eine ganz neue Erfahrung. Wir spüren, dass die Globalisierung doch nicht so gut in den Griff zu bekommen ist, wie wir anfänglich gemeint hatten. Haben wir alle doch geglaubt, dass unsere hausgemachte "Rationalisierung der Prozesse" ein sicherer Weg sei, um Produktivität, Zusammenarbeit und Dauerwohlstand zu garantieren. Naturbedingte Phänomene haben wir dabei ganz außer acht gelassen. Dass auf einer kanarischen Insel ein Vulkanausbruch viele Menschen in die Flucht treibt, das müssen wir achselzuckend hinnehmen. Dass wir inwischen die Gelddruckmaschinen schneller machen mussten, damit wir die infolge Corona anwachsenden Schulden bezahlen können, das haben wir auch in Kauf genommen, denn wir wollten ja die Wirtschaft am Leben erhalten.
Es ist ja auch einiges erreicht worden. Aber immer wieder zeigt sich, dass vieles Flickwerk ist. In England sieht es wirtschaftlich gar nicht mehr so gut aus, weil die Lastwagenfahrer aus Europa fehlen. Das Militär muss aushelfen. Der Brexit hat den Briten letztlich nur eines gebracht: Das Wissen, dass ein Alleingang wenig bringt. Doch auch in der Gemeinschaft stockt so manches. Und auch bei uns mangelt an Lastwagenfahrern und vor allem an Personal in den Krankenhäusern. Eine Reihe von Menschen schultern mit ihrem persönlichen Einsatz die Folgen der Epidemie. Und eine ganze Reihe von Impfgegnern und "Querdenkern" will die wohlbegründete Sicherheit durch Impfung gar nicht mittragen. Auch das hatte niemand so erwartet. Hatte man doch die Einsicht der Bürger vorausgesetzt. Nur gut, dass der Bevölkerungsanteil der Impfverweigerer so gering ist, dass eine gewisse Lockerung der Vorschriften anscheinend möglich werden kann. Hoffen wir. Und in den anderen Ländern, die noch nicht an ausreichend Impfstoff herangekommen sind? Da sieht es gar nicht gut aus. Und eine Abkehr von den Grundrechten scheint auch in der EU nicht mehr abwegig, wenn wir zusehen müssen, wie Polen den Versuch macht, Landesrecht über EU-Recht zu stellen. Die Entwicklung in den Ländern, in denen man von Haus aus eine wirkliche Demokratie erst gar nicht aufkommen läst, zeigt uns, dass weder einzelne Menschen noch deren Regierungen den Willen haben zur wirklicher Gemeinschaft. Ganz zu schweigen von den Staatsformen, die nicht einmal den Schein von Volksherrschaft wahren wollen, weil ihre Machtinteressen für alle Welt sowieso schon offensichtlich sind.
Warum ist die Menschengemeinschaft auch im dritten Jahrtausend noch so weit von wirklicher Gemeinschaft entfernt? Auf jeden Fall hat der Wohlstand (in den Industrienationen) nicht wirklich zum friedlichen Miteinander geführt. Da muss doch irgendwo ein Schalter sein, mit dem alle Versuche zu echter Gemeinschaft ausgehebelt werden kann und erfolgreich immer wieder ausgehebelt wird. Hat das Gute denn gar keine echte Chance? Es gibt tatsächlich eine wissenschaftlich untermauerte Erfahrung, warum und auf welche Weise es in menschlichen Gesellschaften immer wieder zu Ungerechtigkeiten kommt. Im Prinzip will ja jeder von uns Gerechtigkeit. Die Leute, die nichts haben, erwarten sich Verbesserungen bei einem unabhängigen Grundeinkommen. Diejenigen, die in der Lage sind, Leistungen zu erbringen, erwarten für sich (aber eben nur für sich) eine bessere Entlohnung. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander. Nach dem Wirtschaftswunder gab es mal eine Zeit, da zogen alle an einem Strang. Doch das ist inzwischen längst vorbei.
Nun sind wir aber so weit, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung immer reicher wird und eine größere Menschenmenge hingegen immer ärmer. Und diese Entwicklung - die sich von Jahr zu Jahr verstärkt - sollte uns Angst machen. Denn das kann nicht gut gehen. Die Wissenschaftler wissen schon genau, ab welchem Grad des Auseinanderdriftens es gefährlich wird. Und zwar für alle Betroffenen. Der Gini-Index ist eine Zahl, mit der sich das Wohlstandsgefälle ausdrücken lässt. Erwartungsgemäß ist diese Zahl in den USA höher als in Europa, was man ja auch plausibel ist. Im Internet finden Sie dieses Zahlenwerk recht schön aufgegliedert. Es ist also ganz genau dokumentiert, wo Ungerechtigkeiten bestehen und an den Fingern lässt sich abzählen, wo damit zu rechnen ist, dass die Bewohner dieser Länder damit beginnen, gegen diese Ungerechtheiten vorzugehen. So lässt sich voraussehen, wo Aufstände und Bürgerkriege zu erwarten sind.
Das Ziel unserer Überlegungen sollte es natürlich sein, menschliche Gesellschaften so zu organisieren, dass der Antrieb für Umsturz und Revolution entfällt. In Gesellschaften, in denen das Gefälle zwischen Reich und Arm nicht so groß ist, lebt es sich für alle leichter und schöner. Es liegt im Eigeninteresse, Ungerechtigkeiten und damit Kriege zu vermeiden. Das wäre der Ansatz, der uns alle etwas zufriedener machen könnte. Nun könnte man das Ganze auch noch vom Psychologischen her ausleuchten und da kommt man auf das Gift, das Gemeinschaften zerstört: Dieses Gift heißt Neid und mit dieser Erkenntnis sind wir schließlich genausoweit wie die Alten, die in den heiligen Schriften immer wieder aufs Neue gemahnt haben, dass Neid zu den Todsünden gehört. Und dass dieser Neid alles, was wir uns wünschen, zunichte macht.
Dabei muss auch eine auf einen gewissen Gewinn ausgerichtete Wirtschaft gar nicht so schlecht sein. Vielleicht kommt es darauf an, wieviel Profit erzielt werden soll. Kluge Menschen haben nicht schlecht gelebt und dabei auch an die Ärmeren gedacht und sich bemüht, auch diese am allgemeinen Wohlstand teilhaben zu lassen. Ich will auf ein Konzept zurückgehen, das weit in der Vergangenheit liegt: Die Fugger sind für ihre geschäftlichen Fähigkeiten und den erworbenen Reichtum bekannt. Die Zeugnisse ihrer vernünftigen Wirtschaftsweise kann man sich auch heute noch anschauen: Die Wohnungen für ihre Beschäftigkeiten kann man mit Recht als Sozialwohnungen bezeichnen. Fazit: Alle waren zufrieden. Genau ein solches Rezept würde uns aus unserer Situation heraushelfen. Doch die Wirtschaftsweise der Gegenwart grenzt die Arbeitnehmer aus und macht die Unternehmer zu Menschen, die von Profitgier getrieben ihren Mitbürgern und letztlich der Volksgemeinschaft Schaden zufügen.
Fazit: Alle Probleme der Zeit lassen sich auf einen einzigen Nenner bringen: "Was Du willst, das man Dir nicht tu, das füg auch keinem andern zu." Gerade dann, wenn man die verschiedenen Nachrichten aus der ganzen Welt hört und liest, dann wird einem klar, warum wir beten sollen: "Und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde." Denn es ist tatsächlich nicht ganz leicht, sich in der Welt zurechtzufinden. Dabei haben wir ganz klare Anweisungen und Einen, Der vorgelebt hat, was auch für uns gilt. Das Ziel Wirklichkeit werden zu lassen, das ist unsere Aufgabe. Oder mit Seinen Worten: Strebe zuerst einmal nach dem Reich Gottes, dann wird dir alles andere hinzugegeben.
Es wird gern verschwiegen, dass die Ureinwohner Amerikas, die von uns beraubt wurden, mehr über das Leben wussten als wir: Bei den Indianern war derjenige am meisten angesehen, der das Meiste von seinem Eigentum verschenkt hatte. Könnte eine solche Philosophie der Liebe nicht all unsere Probleme mit einem Schlag lösen?