IV 42wki Kinder Gottes

IV 42wki Kinder Gottes

Wir heißen nicht nur Kinder Gottes. sind Kinder Gottes. Angenommen für immer. Bedingungslos. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn, das man lieber das Gleichnis vom barmherzigen Vater nennen sollte, wird von Jesus ganz klar gesagt: Wir sind geliebt von Gott. Ohne Wenn und Aber. Jesus hat auch dazugesagt, was Gott von uns will: Barmherzigkeit, keine Opfer! An anderer Stelle habe ich schon auf das interessante Buch von Walter Wink "Verwandlung der Mächte" hingewiesen, in dem der Autor eingehend der Frage nach dem Wesen der Mächte erörtert und klarstellt, dass der Opferbegriff nur Sinn macht im Zusammenhang mit einer Macht, die besänftigt werden muss. Und das ist ja bei Gott keineswegs so. Schließlich liebt Er uns. Wenn man das Wagnis unternimmt und hinterfragt, was es mit dem Opferbegriff auf sich hat, bekommt man klare Antworten. Hier ist ein Beitrag von Herrn Wilhelm Weber (aus dem Internet). Der Autor bezieht sich auf die Aussagen Jesu (Mt 9, 9-13)

 

Also: Opfer in Form der Selbstkasteiung und des Fastens will Gott nicht, wohl aber Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Von Jesus selbst ist nicht bekannt, dass er irgendwann im Tempel geopfert hätte. Sehr wohl bekannt ist dagegen Jesu Einschreiten gegen eine Opferpraxis, die mit unerträglichem Geschäftsgebaren verbunden ist. Er jagt nämlich die Händler aus dem Tempel. Statt zu opfern heilt Jesus im Tempelbezirk Lahme und Blinde (Mt 21,14). Genau das ist gemeint mit dem aus Hosea zitierten Wort Jesu: „Liebe und Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Für diese Haltung steht die Berufung des Zöllners Matthäus und die anschließende Tischgemeinschaft mit vielen Zöllnern und Sündern. So ist es richtig, will Jesus sagen.

 

Webers Aussagen kann ich mich voll anschließen. Ich fahre fort mit den Konsequenzen aus diesen Überlegungen: Wie konnte die spätere Theologie den Tod Jesu erneut als Opfer interpretieren und deuten? Als wenn Gott durch die Sünde des Menschen so beleidigt gewesen wäre, dass es eines Menschenopfers, nämlich seines eigenen Sohnes, bedurft hätte, um wieder versöhnt zu werden!? Was ist das für ein Gottesbild! Man denkt unwillkürlich an Abraham und an das göttliche Verbot, Menschen zu opfern. Ein ausgesprochen schlechtes Interpretationsmodell. Gänzlich unverständlich ist dann in der Folge die Bezeichnung der Eucharistiefeier als unblutige Erneuerung des blutigen Opfers am Kreuz. Und wir sprechen vom Messopfer, ohne gedanklich noch wahrzunehmen, was wir da sagen. Diese Vorstellungen waren zur Zeit ihrer Entstehung schon problematisch; heute sind sie überholt und gehören korrigiert. „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“, sagt Jesus.

 

Als Kinder eines liebenden Gottes steht es uns nicht zu, dem menschlichen Leben aktiv ein Ende zu bereiten, auch wenn das aus rein praktischen Erwägungen heraus auch immer wieder propagiert wird. Wer nicht in der Fülle des Lebens sondern vielleicht in Randbereichen lebt, bleibt trotzdem immer eine Tochter oder ein Sohn des Allerbarmers. Das gilt für Ungeborene, Kranke, Behinderte und nicht zuletzt für Menschen am Ende ihrer Zeitlichkeit. Ich zitiere aus einem Artikel von Herrn Urs Rotthaus aus der Zeitschrift "Lebensforum" Nr. 132 4.Quartal 2019:

 

Christen, Juden und Muslime haben ein christlich-jüdisch-muslimisches Dokument erarbeitet, das sich dezidiert gegen jede Form der Euthanasie wendet. In dem am 28. Oktober [2019] im Vatikan unterzeichneten Dokument heißt es, das menschliche Leben sei eine Gabe Gottes und müsse bis zu seinem natürlichen Ende der Verfügungsgewalt der Menschen entzogen bleiben... Geworben wird für eine "ganzheitliche und respektvolle Haltung" gegenüber den Sterbenden, die die "spirituelle und religiöse Dimension" ernst nimmt.

 

Mit Recht wird in dem Dokument von medizinischem und pflegerischem Personal "Mitgefühl, Empathie und Professionalität" gefordert. Im Grunde genommen sollte das alles ja selbstverständlich sein. Aber in unserer Ellbogengesellschaft ist es wohl notwendig, diese Forderungen immer wieder zu formulieren. 

 

Das waren alles Überlegungen, die an und für sich nicht falsch sind. Sozusagen das, was der Verstand sich irgendwie ausdenkt. Doch spielt sich das Eigentliche nicht auf einer ganz anderen Ebene ab? Lassen Sie mich das erklären.

 

Kürzlich habe ich im Bayerischen Rundfunk ein Adventssingen von 2018 gesehen. Das war eine schöne Pause, in der etwas von einer anderen "Sphäre" des Seins zum Durchbruch kam, das gern im Alltag in den Hintergrund gerät. Schließlich erinnerte es mich daran, dass es bei unserem Glauben um etwas ganz Schönes geht. Wie das so üblich ist, unterbrach ein Sprecher die musikalischen Darbietungen einige Male für wenige Minuten, um die Zuschauer auf das zu lenken, was sozusagen den Hintergrund für die künstlerischen Leistungen bildet.

 

Er sagte dabei sinngemäß Folgendes: Gott der Vater erschuf die Welt und wollte uns Menschen - als Freunde - setze ich dazu. Auf jeden Fall - so sagte der Mann - beseelte Gott das Geschaffene, ja der Schöpfer stellte sich selbst in die Schöpfung hinein, wurde selbst ein Wesentliches dieser Schöpfung. Das ist ein ungeheuer tröstlicher Satz. Und nun kommt dieser Gedanke, der mich fasziniert, der sich aus dem Gesagten ergibt: Alles ist von Ihm beseelt. Und auf jeden Fall alle Menschen. Das ist für mich eine Erklärung, warum wir immer Gott selbst hören, wenn uns die Stimme des Gewissens etwas sagt. Dass es auch andere Stimmen ins uns gibt, denen wir lieber nicht zuhören sollen, das ist wegen unserer Freiheit allerdings auch Wirklichkeit. Nicht umsonst sagt Gott ja auch ganz klar: Ich lege alles in deine Hand. Du kannst selbst entscheiden. Wähle das Leben.

 

Wir können und sollen Gott entgegengehen. Und werden von Ihm angenommen. Das ist so schön und beruhigend, diese Wahrheit zu hören, die uns von der Liebe Gottes zu uns berichtet. Und alle Bedrängnis dieser Welt wird dagegen nichtig und klein. Dieses Zugehen auf Gott, ja unser ganzes Lebe ist wohl als eine Art Prozess zu verstehen. Jeder versucht auf seine Weise, sich Gott zu nähern. In der Jugend fragt man vielleicht im Gebet: Herr, bitte lass dich finden, ich sehe dich nicht. Du bist verborgen. Gib mir ein Zeichen! Später, wenn das Leben uns in die Enge führt: Herr, hilf mir. Ich weiß weder ein noch aus. Und in guten Zeiten, da könnte man rufen: Herr, ich danke dir. Aber das Danke, das vergisst man ja allzu gern. Da gibt es ja so vieles, was uns beschäftigt. Doch im Laufe der Jahre ändert man sich immer wieder. Und manchmal entsteht schon eine Form der Ich-Du-Gemeinschaft, die irgendwie Bestand zu haben scheint. Und irgendwann denkt man vielleicht, dass ein Zustand des Miteinander erreicht sein könnte, den man dann mit in die Ewigkeit "mitnehmen" kann. Etwas, das dann in dieser Form fest werden wird wie Ton, der im letzten und gefährlichen Vorgang seine Gestalt bekommen sollte: Ein Kunstwerk, mit dem man selbst irgendwie zufrieden ist. Zwar auch mit den erkennbaren Fehlern, von denen man weiß, dass der Herr das Versagen vergeben hat. Doch die Wunden sind da. Wir sind ja auch keine "Fabrikware", sondern Unikate. Und vor dem Brennen des Tons scheint es wohl noch einmal Momente der Gefahr zu geben. Gut, dass wir Maria haben, die in der Stunde des Sterbens gern zu uns kommt, wenn wir das erbitten. Und dann schließlich in fester Form das Bleibende, das dann nicht mehr zu verändern ist.  Jedenfalls nicht mehr durch uns selbst. Der Theologe Karl Rahner hat das sehr schön formuliert. 

 

Und noch eines sagte der Redner, was zumindest in manchen der bekannten Formulierungen recht philosophisch geschwollen klingen kann. Er sagte, dass aus dem Geist die Materie entstand. Der Geist kann aber nur - wenn es Gottes Geist ist - mit der Materie etwas anfangen. Geister haben keine Erdenhaftung. Allerdings kann der Mensch - solange er auf dieser Welt ist - mit der Materie umgehen. Sie gestalten. Also dies oder jenes in der Welt verändern. Daraus ergibt sich: Das sollten wir auch tun, solange wir die Möglichkeit dazu haben. Wie sollen wir denn die Hungernden ernähren, Recht für die Unterdrückten schaffen, wenn wir nicht mehr über unseren Leib verfügen? Wenn es denn soweit ist, dann sollten wir unser Programm auf diesem Planeten absolviert haben. Herr Pfarrer Dinsenbacher pflegte gern zu sagen: Alles Gute, was ich tun kann will ich jetzt tun, denn ich komme diesen Weg nicht noch einmal zurück. 

 

Und wenn jemand sagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben", dann finden wir zunächst einmal: Das ist ein ganz großes Wort. Und wenn jemand aus unserem Freundeskreis so etwas sagen würde, dann könnte man kommentieren: Er ist voll des süßen Weins. Aber das ist noch milde ausgedrückt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Der so etwas sagt, das ist entweder ein Lügner, Demogoge oder - wenn der Sprecher die Wahrheit spricht - dann ist Er Gott in Gestalt eines Menschen. Ich denke, der das allen Ernstes gesagt hat, das ist Gott. Lassen wir das mal so stehen.

 

Eine andere Überlegung: Vieles, was dieser Gott tut, ist für uns unverständlich. Aber warum? Fehlt uns da etwas an Intelligenz? Oder ist unser Blickwinkel einfach zu begrenzt? Als Kinder Gottes sind wir dazu aufgefordert, die Welt "zu verstehen" - dazu allerdings müssen wir unsere Welt aus dem richtigen Blickwinkel betrachten. Versuchen wir doch, die Welt so zu sehen, wie sie Gott sieht. Das muss ich wohl ein wenig erklären. Lange, lange Zeit glaubte man im Mittelalter, die Erde drehe sich um die Sonne. Doch unter dieser Prämisse konnten die Menschen die Bahnen der Planeten einfach nicht verstehen. Von der Erde aus gesehen schien es so, als bewegten sich die Planeten auf ganz seltsamen Wegen. Mal waren sie da zu sehen, mal dort, die beobachtete Bahn am Himmel war ein chaotisches Hin- und Hertaumeln. Das konnte es doch nicht sein. Schließlich kam Herr Kopernikus auf die Idee, dass möglicherweise nur der Blickwinkel verändert werden musste. Er erklärte die Sonne als Mittel- und Referenzpunkt unseres Weltbildes und - siehe da - wenn man das so betrachtet, dann bewegten sich die Planeten auf einmal ganz brav auf Kreisbahnen (um die Sonne natürlich - wie wir das alle jetzt wissen).

 

Also: Es kommt tatsächlich auf den Standpunkt an, wenn man "eine Sache" verstehen will. Und jetzt kommt meine These: Wenn wir die Welt verstehen wollen, dann müssen wir unseren Blickwinkel ändern. Wir sollten versuchen, herauszufinden, wie Gott die Welt - und uns, seine Kinder sieht. Und wenn ich an meine eigene KIndheit denke, dann kann ich konstatieren, dass Vater und Mutter doch schließlich Recht hatten, wenn wir Heranwachsende das auch partout nicht wahrhaben wollten und gemeint hatten, dies oder jenes wüssten wir besser. Nun, das brauche ich wirklich nicht noch weiter ausführen. Wir müssen einfach nur begreifen, dass es eine Instanz gibt, die uns liebt, das Beste für uns will und unser Vertrauen braucht.

 

Und das ist schon wieder etwas, das uns zweifeln macht: Wieso braucht denn Gott unser Vertrauen, wo Er doch allmächtig ist. Nun, auch wir als Kinder waren theoretisch so frei, dass wir uns den Forderungen des irdischen Vaters hätten widersetzen können. Haben wir aber nicht. Aber das ist heute nicht mehr ganz so. Wenn jemand mit vierzehn raucht, kifft oder klaut, dann wird es für die Eltern sehr schwer. Und sie leiden unter dem, was ihnen ihre Kinder antun. Wenn man seine Kinder liebt und keine Gewalt will, dann sind die Möglichkeiten der Eltern sehr begrenzt, hier einzuschreiten. Und wenn man es so sieht, dann ist auch Gott gar nicht mehr der Allmächtige, der alles vermag. Er kann, aber er will uns nicht zwingen. Bevor er Gewalt anwendet, da ist er lieber gewaltlos. Das hat Er ja am Kreuz demonstriert.