IV 44wki* WÄHLE LEBEN

IV 44wki* WÄHLE LEBEN

Ich fasse alles bisher Gesagte zusammen: Wir Menschen der westlichen Welt stehen vor einer großen Entscheidung: Entweder wir lassen alle Menschen an unserem Reichtum partizipieren, was auf jeden Fall Einschränkungen unseres Lebensstandards mit sich bringen wird. Oder wir praktizieren die Abschottung gegenüber den Armen auf dieser Welt. Das bringt unserer Generation vielleicht weiteres Vorankommen im Sinne noch größeren Konsums. Dafür steuern wir dann allerdings auf einen Zeitpunkt zu, an dem wir alle, die Armen und die Reichen, in eine grenzenlose Not geraten werden. Das könnte in einem unvorstellbares Chaos mit Auseinanderbrechen der staatlichen Ordnungen und in der Anarchie enden. Und das alles wegen des Größenwahns einiger Weniger. Beispiele für ein solches Geschehen gibt es leider schon genug. Ganze Regionen sind von diesem Unglück betroffen. Die Menschen leiden. Wir müssen unbedingt humanitäre Hilfen anbieten und aus der Situation lernen. Vielleicht passt auch zu der gesellschaftspolitischen Forderung das Wort: Waehle Leben

                                                              

An dieser Stelle ist der Schnittpunkt zu einem Kapitel mit einem völlig anderen Thema. Da geht es um das, was sich aus der neoliberalistischen Wirtschaftspolitik zwangsläufig ergibt: Ein Mensch wird zum Feind des anderen. Erinnern wir uns daran, dass die Kriege auf unserem Kontinent diese Zusammenhänge klar aufzeigen. Und die Geschichte zeigt ganz deutlich, dass die „einfachen Leute“, die Landser oder die Mütter in der Heimat für den Größenwahn einiger weniger zahlen mussten.

Die Gedenktafeln für die Gefallenen beider Weltkriege erinnern uns daran, dass es bei einem Krieg immer nur Verlierer gibt, wenn man davon absieht, dass einige wenige sich den makabren Titel „Kriegsgewinnler“ erobert hatten. Auch einen solchen habe ich gekannt. Doch wenn Sie von mir jetzt erwarten, dass ich Ihnen da einen ganz schlimmen Menschen vorstelle, der nur "auf das große Geld" aus war, dann muss ich Sie enttäuschen. Das war ein ganz freundlicher Herr, der es als Aufsteiger in der Metallindustrie "zu etwas gebracht hatte" und seine Verwandtschaft gern unterstützte. Irgendwann war er furchtbar reich und irgendwann dann wieder bettelarm. Es war einer wie wir. Seinen einzigen Sohn hatte er im Krieg verloren. Nach meiner Flucht aus der DDR war ich Gast in seiner Sozialwohnung und habe als erste Mahlzeit in der freien Welt eine Semmel mit Ananasmarmelade gegessen. Ich kann diesen Menschen nicht verurteilen.

Der unten gezeigte Ausschnitt einer Gedenktafel an die Opfer der Kriege erinnert daran, dass unschuldige junge Menschen ihre Gesundheit und ihr Leben für den Unsinn der Kriege geopfert haben. Gleichzeitig aber wird mit dieser Darstellung aufgezeigt, auf was es wirklich ankommt: Auf Empathie, auf Hilfe für den Menschen, der in Krankheit oder Not ist. Wir können diese Bildtafel getrost in unsere Zeit übersetzen, wo das Mittelmeer zum Grab für unsere Mitmenschen wird. Schließlich zählt - eben auch in den Ausnahmesituationen - nur eines: Menschlichkeit. Und ich danke Frau Merkel, dass sie seinerzeit - in alleiniger Verantwortung - die Grenzen für Flüchtlinge hat öffnen lassen. Gegen jedes politische Kalkül hat sie ihr Herz sprechen lassen. Sie hat viel Anfeindungen dafür bekommen. Und es ist manches sicher nicht ganz gut gelaufen, darüber reden sich ihre Kritiker den Mund fusselig. Aber das wirklich Notwendige hat sie getan. Sie hat die Weichen in Richtung „Gemeinsame Welt“ gestellt. Wenn man in späteren Generationen über diese Kanzlerin sprechen wird, dann geht es vielleicht um ihren guten Beitrag zur Energiewende. Aber auf jeden Fall wird man sie ehren, weil sie einen sehr wichtigen Schritt getan und damit einen wertvollen Beitrag zu einer neuen friedvolleren Welt geleistet hat.

 

Wirklich leben

 

Es gibt ganz konkrete Empfehlungen für eine Lebensgestaltung, die den üblichen Forderungen nach Leistungssteigerung konträr gegenüberstehen. Dabei geht es den Menschen, die derartiges empfehlen, um die Änderung der Lebensweise weg von den allgegenwärtigen Zwängen zu einem erfüllten sich selbst genügenden Leben. Da müssen wir schon noch einmal nachfragen: Ist es nicht so, dass man Probleme dadurch löst, dass man sich in ein Sachgebiet gut einarbeitet, um sich dann in der Materie zurechtzufinden? Sagen wir unseren Kindern nicht, dass sie gut lernen sollen, weil ihnen dann später vieles leichter fällt? Müssen junge Menschen nicht gut verdienen, damit sie später eine ausreichende Rente bekommen? Sollten wir unsere Zeit nicht nützen?

Es ist tatsächlich so etwas wie eine Lebensaufgabe, den Spagat zwischen wirklichem Leben und notwendiger Arbeit - sei diese schulisch oder beruflich - zu schaffen. Ideal wäre es, wenn Beruf (oder auch wenigstens einige Inhalte der Lernfächer in der Schule) genau den Interessen entsprechen würden. Mein Weg war - wenn man so ausdrücken will, die Ochsentour - ich meine damit, dass ich immer sehr viel Arbeit vor mir gesehen (und auch getan) habe. Das lag an meinen vorangegangenen Entscheidungen und es war selbst verursachte Notwendigkeit, dass ich wegen dieser freien Entscheidungen immer sehr viel arbeiten musste. Sie kennen das ja, wenn man Kredite aufnimmt, dann muss man sie irgendwann zurückzahlen. Und dazu musste ich mich mehr anstrengen als man sich gemeinhin zumutet. Das alles ging nur deswegen, weil ich diese meine Arbeit liebte und sie auch gern tat. Ich hatte ja auch einen sehr schönen Beruf.

 

Ein Physiker über einen neuen Weg

 

 Herr Zulliger, ein Autor, der aus der Wirtschaft kommt, macht in seinem Buch "Gaias Vermächtnis" deutlich, dass die Wachstumsspirale eine Gegenreaktion von unserer Seite erforderlich macht: Nicht nur aus menschlichen Erwägungen heraus, sondern auch aus ökologischen Gründen fordert Herr Zulliger eine Entschleunigung unserer Lebensweise.

 

„Meiner Meinung nach liegt der machbare Weg [um die besprochenen Ziele zu erreichen] eben nicht in einer Beschleunigung, sondern im Gegenteil in einer Verlangsamung...“

 

Dieser Satz ist sehr ernst zu nehmen, denn bei seiner Beherzigung würden sich einige Probleme wie von selbst lösen.

 

                                    Papst Franziskus über Profitgier

Ähnlich wie H. Zulligers Aufforderung sind die Worte des Papstes Franziskus zu werten. Bei der Feier der Heiligsprechung von Papst Paul VI. und noch weiteren Personen im Herbst 2018 hat der Pontifex Geldgier und Machtstreben angeprangert. „Wo das Geld im Mittelpunkt steht, gibt es keinen Platz für Gott und auch keinen Platz für den Menschen“, sagte Franziskus bei der Messe vor rund 70 000 Gläubigen. Reichtum sei „gefährlich“. „Das Problem liegt auf unserer Seite: Unser Zu-viel-Haben, unser Zu-viel-Wollen erstickt unsere Herzen und macht uns unfähig, zu lieben.“ Die Menschen müssten „die Sehnsucht nach Status und Macht“ loslassen. Alle der insgesamt sieben Heiliggesprochenen stünden für den Einsatz der Kirche für die Armen, wie er auch Franziskus selbst am Herzen liegt. - Der Tageszeitung vom 15.10.2018 sind diese Formulierungen entnommen.

 

Ich bin wegen des Übermaßes an (selbstverschuldeter) Arbeit kein gutes Beispiel dafür, wie man sein Leben gestalten sollte. Andererseits hat es mir so auch schon so gefallen. Besser wäre es gewesen, wenn ich durch meine Entscheidungen in jungen Jahren nicht so sehr in den Zwang zur Pflicht geraten wäre. Ich denke, dass es klüger ist, wenn man sich selbst nicht „unter Druck“ setzt. Ich habe nämlich genau das getan, was man nicht sollte: Ich habe dem Zwang „nach mehr“, der auf uns alle einwirkt, nachgegeben und wenn meine Arbeit nicht eine sehr befriedigende und wichtige Tätigkeit gewesen wäre, würde ich heute sagen müssen, dass ich die Maschinerie des „Immer-mehr-Wollens“ ganz schön bedient habe. Natürlich war die Arbeit da. Es war ja nicht so, dass ich der ständig nachgelaufen bin. Das war auch wirklich nicht nötig. Zugeben muss ich aber auch: Manche Aufgaben hätte ich vielleicht abgeben können. Also hätte ich eigentlich gar keine Berechtigung, Vorschläge zur Entschleunigung zu machen. Ich erzähle es trotzdem, Sie wissen ja schon, dass ich kein „Heiliger“ und auch kein Moralapostel bin. Und ehe ich mich versah, war ich schon drin im Hamsterrad Arbeit. Dabei predige immer wieder die Ruhe und die Muße. Aber so läuft es eben manchmal.

Was ich sagen wollte, ist dies: Jeder muss seinen Weg finden und dazu auch das passende Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit. Bei dem eingangs Gesagten geht es vielmehr darum, dass wir alle lernen, uns dem Zwang zu nicht notwendiger Mehrarbeit zu entziehen. Unsere Konsumwünsche sollten nicht der Taktgeber für unsere Berufstätigkeit sein. Es geht also um das Geldverdienen als solches. Und da muss man sehr vorsichtig sein, dass man nicht in den Sog des „Alles-haben-Müssens“ gerät. Diese Problematik wird in dem schon genannten Buch „Gaias Vermächtnis“ von Herrn Zullinger angesprochen. Auf Seite 183 lesen wir:

Noch immer treibt das heutige Wirtschaftssystem durch das „notwendige“ stete Wachstum einen ruinösen Ressourcenverbrauch an. Die Welt ist leider immer noch nicht reif für die Vorschläge von Vordenkern wie Niko Paech, die eine Reduktion der Arbeitszeit und gegenseitiges Ausleihen von Dienstleistungen und Geräten empfiehlt. Der Weg führt meines Erachtens vorerst über eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs. Obwohl der Verbrauch immer noch zunimmt, sind erste Anzeichen einer Trendwende erkennbar.

 

Herr Zulliger hat recht: Manche Leute scheinen eine furchtbare Angst vor einem Stillstand des Wachstums zu haben. Um das alles zu verstehen, brauchen wir Bildung. Wir wollen mehr als "Superversorgung" mit Konsumgütern, wir brauchen Bildung und Wissen für jedermann, damit wir in die Lage kommen, selbst zu entscheiden, was für uns gut ist oder schlecht. 

 

Winter
Mit diesem Foto möchte ich Sie ein wenig auf so etwas wie „Hüttenromantik“ einstimmen.

Im folgenden werde ich versuchen, eine Brücke zu bauen zwischen unseren gar nicht so bewussten Träumen und Sehnsüchten und den als Notwendigkeit zu erfassenden Trend zur „Langsamkeit“, wie er von Zulliger mit Recht empfohlen wird.

 

Es geht hier um unterbewusste Sehnsüchte, aus denen sich beispielsweise unsere Urlaubswünsche speisen. Viele Menschen schauen sich gern alte Filme an, in denen das „einfache Leben“ eine gewisse Anziehungskraft ausübt. Darin liegt der Reiz vieler Filme, die in Bergdörfern spielen. Denken Sie an solche Serien wie „Bergdoktor“. Sehr bekannt ist auch der Film „Heidi“, in dem Kinder und ein einsamer Mann auf einer Alm die Hauptrollen spielen. Zusätzlich zum Wohnhaus wünschen sie manche Menschen ein Heim für die Freizeit, das die Flucht aus dem „Komfort-Raum“ ermöglicht. Kinder - und nicht nur die - wünschen sich Lagerfeuer-Romantik mit ganz viel Freiheit. Urlaubsangebote auf riesigen Campingplätzen kommen diesen Wünschen entgegen.

Außerdem hätten wir ganz gern wieder mal „einen Winter, wie er früher einmal war“. Die Keksdosen mit den Bildern von tief verschneiten Dörfern sprechen uns an. Natürlich ist das in Wirklichkeit gar nicht erwünscht, denn schon ein wenig mehr Schnee als sonst den Straßenverkehr in Schwierigkeiten bringt. Weil wir eigentlich immer am Limit arbeiten. Die Straßenräumung ist auf ganze harte Winter gar nicht vorbereitet. Unsere Terminplanungen sind so, dass es sehr schwierig ist, eine Auszeit zu nehmen. Alles voll.

 

Einst war Schilaufen ein Sport für ein paar wenige drahtige Burschen und sportliche junge Frauen. Aus dem wunderbaren Sport ist inzwischen etwas geworden, das eine ganze Industrie entstehen ließ. Die Hüttenromantik erleben wir höchstens noch an der Bergstation. Zwar ist auch das allein schon Genuss pur. Aber trotzdem ist auch das nur Kulisse. An die Ausflüge in jungen Jahren mit ziemlich unbequemen Matratzenlagern und dem Allerweltsangebot Erbsensuppe mit Würstchen oder Spaghetti mit Tomatensauce, wenn die Auswahl groß war, denkt man da weniger. Weil in der Erinnerung alles geschmeckt hat und man nach dem Sport keine großen Ansprüche stellte. Oder denken wir ganz einfach, wie schön es wäre, an langen Winterabenden im Haus zu sein - vielleicht bei Kerzenschimmer. Da kommen auch Gedanken an Bratäpfel aus dem Backofen! Stille und bedachtes Sprechen oder gar gemeinsames Singen der schönen alten Adventslieder. Doch die vielen gutgemeinten Weihnachtsfeiern heutzutage sind schon fast Pflicht. Und außerdem sind auch an den Abenden noch andere Dinge zu erledigen. Vielleicht Geschenke einpacken. Was längst zur Routine verkommen ist. Vorbereitungen für die festlichen Essen an den Feiertagen lassen auch die Hausfrau nicht zur Ruhe kommen.

 

Zwei Strömungen laufen bei diesem Thema zusammen: Die eine Seite ist die Überproduktion und die entsprechende Sättigung des Konsums. Bei VW werden - so konnte man 14.3.19 aus der Presse erfahren - 7000 Stellen gestrichen. Das hängt z. a. mit dem Einsatz von Robotern zusammen. Manche Leute fragen sich ernsthaft, ob wir mit diesen modernen Techniken nicht den Menschen ihre Arbeitsplätze rauben - und ob die Firmen nicht Steuern dafür zahlen sollten, dass die Computer den Menschen die Arbeit wegnehmen. Das ist aber Quatsch, denn von den Computern profitieren wir alle. Ich denke, das kommt drauf an, die Probleme so anzupacken, dass es für alle Beteiligten Vorteile bringt: Wenn nämlich nicht nur die Ausscheidenden durch Prämien entschädigt werden sondern auch die Verbleibenden so bezahlt werden, dass sie bereit sind, in Zukunft etwas weniger zu arbeiten, dann geht die Rechnung volkswirtschaftlich gesehen auf. Denn - wie das doch Herr Zulliger in seinem Buch "Gaias Vermächtnis" recht eindrucksvoll herausarbeitet: Weniger Arbeit ist letzten Endes mehr, wenn dadurch Freizeit geschaffen wird. Freizeit aber nicht, nur um mehr Zeit für handwerklichen Tätigkeiten zu Hause zu haben. Es müsste - und da ist wiederum der Arbeitnehmer angesprochen - eine Zeit sein, die Raum für Stille und Entspannung schafft. Oder auch für Bildung. Also etwas, was ich gar nicht gern so geschwollen ausdrücke, aber das muss jetzt sein:

 

Man gewinnt Zeit, um zu sich und zum Sinn zu finden. So eine allwöchentliche "Auszeit" ist Voraussetzung dafür, dem Hamsterrad "Arbeit - Konsum" zu entkommen. Flucht aus dem Komfort-Raum.

 

Natürlich müssen die verkürzten Arbeitszeiten nicht dazu führen, jetzt auf "Sinnsuche" zu gehen. Da haben wir schon genug Angebote - die natürlich wieder Geld kosten. Nein, das ist Zeit für Hobbys oder gar Kreatives, Familie - ja einfach, was jeder will. Manch einer sagt sich: Die Stunden lasse ich zusammenkommen, dann werden die Ferien länger.

 

Aber Ferien und Urlaube sind auch nicht mehr das, was sie früher waren. Da ist man nämlich - trotz Spar- und Superangeboten - auch wieder in der Verdienen-Ausgeben-Spirale, wie sie sich in diesem Fall vielleicht die Touristikbranche wünscht. Doch auch dazu ein Wermutstropfen. Was fällt Ihnen auf Anhieb ein? Ich sage mal "Traumstrände" und denke an die Malediven. Sehr schön, ein Paradies. Allerdings nur für uns zahlende Gäste. Sie merken schon, gleich werde ich Ihnen Ihre Träume kaputtmachen. Das brauche ich nicht. Diese Träume sind im wahrsten Sinne des Wortes auf "Sand gebaut". Ich zitiere aus dem "Straubinger Tagblatt" vom 11.3.19. "Moloch statt Trauminsel - Weit weg vom Klischee: Die Insel-Hauptstadt Malé zeigt die wahren Malediven"

 

In Malé leben fast 100 000 Menschen auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Die maledivische Hauptstadt ist einer der am dichtesten besiedelten Fleckchen der Erde. Mit Moscheen, Apartment-Häusern und Bürokomplexen ist Malé ein zubetonierter Sandhaufen im Indischen Ozean, auf dem es spät abends wimmelt wie in einem Termitenhügel. ... Die Hauptstadt ist nur rund 20 Minuten mit dem Wasserflugzeug oder rund eine Stunde mit einer schnellen Yacht entfernt [von den Urlaubs-Paradiesen].

 

Sollte es uns nicht gelingen, die Erderwärmung zu bremsen, dann können wir abwarten, bis erstens die Urlaubsparadiese und zweitens auch die Hauptstadt des Inselstaates vom Meer überflutet werden. Und die Menschen, die für uns auf den Inseln gearbeitet oder in der Hauptstadt gelebt haben, werden wohl als Flüchtlinge in die Länder kommen, denen das "Wasser noch nicht bis zum Hals" steht. Der Flugverkehr, der dem Inselstaat die Gäste bringt, tut sein Übriges, dass der Klimawandel ja nicht verlangsamt wird. Ich weiß es selbst: Das ist ein bösartiger Absatz. Doch ist es nicht so, dass wir alle gern die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Sollen unsere Kinder unsere Fehler einmal ausbaden?

 

Es war wohl in den 70er Jahren oder noch früher, da hatte man mit der Schauspielerin Lilo Pulver das „Wirtshaus“ und danach das „Spukschloss im Spessart“ verfilmt. Diese fröhlichen Filme verzauberten seinerzeit das Publikum. Hatte man doch irgendwie die „gute alte Zeit“ in ihrer Redlichkeit in eine Komödie eingearbeitet und eingängige Melodien einfließen lassen. Da ging es natürlich um die Räuber, die sich allerhand einfielen ließen, um die Wohlhabenden zur Kasse zu bitten. Allerdings hatten die es nicht leicht. Immer waren sie in Aktion, weil sie ihre Beute auch gleich wieder verjubelten. Irgendwann singen diese Männer von ihren Träumen, als sie merken, dass im Alter doch der „Beruf“ zu viel von ihnen verlangt. Sie träumen von einem Leben in Frieden. Ich erinnere mich noch gut an Text und Melodie: „Ein Häuschen im Garten. Und Blumen begießen.“ Der Song ist angekommen beim Publikum, denn was wollen wir alle denn mehr, als in Ruhe genießen und vielleicht eine kleine Arbeit erledigen, damit es nicht zu langweilig wird. Und das gilt für den Normalverbraucher genauso für den Politiker und den Wirtschaftskapitän. Es kann nur sein, dass manche das noch gar nicht wissen, dass sie das wollen.

Nun, ich will da nicht ins Träumen kommen. Fakt ist, dass wir alle nicht ohne Komfort auskommen wollen, dass wir andererseits aber manchem nachtrauern, was vielleicht gar nicht so schön war, wie es uns in der Erinnerung vorkommt. Es war wohl etwas anderes, das gar nicht mal so sehr mit den Äußerlichkeiten zu tun hat, was fasziniert. Vielleicht die Gemeinschaft, die Verbundenheit, vielleicht ist es auch die von uns gemachte Erfahrung, dass es auch einfacher geht, dieses Leben, von dem wir meinen, wir müssten es uns immer wieder „noch besser, nach praktischer einrichten“.

 

Und ich denke, da müsste es doch einen Weg geben, beide Wünsche „unter einen Hut“ zu bringen. „Simplify your live“ - So ein Buchtitel ist mir vor einiger Zeit begegnet. Nicht schlecht - und wenn ich daran denke, dass ich einmal bei einer Einladung zu einem guten Essen die Bekanntschaft mit einer batteriebetriebenen Pfeffermühle, die zusätzlich auch noch das „Streufeld“ beleuchtete, machen durfte, dann wissen Sie, was ich meine: Es gibt so viele Dinge, die wir wirklich nicht brauchen. Für deren Besitz wir aber vorher arbeiten müssen. Oder schlimmer noch: Andere haben da für uns gearbeitet.

Wenn wir als Verbraucher unseren Konsum einschränken, wird in Zukunft nur noch produziert, was wirklich notwendig ist. Diese Überlegung kann man auch auf die Benutzung des Autos übertragen. Oder des Flugzeugs. Aber genau das will man in der Industrie auf gar keinen Fall.

 

Denn da hat man schreckliche Furcht vor Stagnation. Da könnte man die Angestellten nicht mehr voll beschäftigen. Wenn die nun aber ebenfalls auf dem Nachhaltigkeits-Trip sind, dann sind sie vielleicht gar nicht so unzufrieden, wenn sie nach einer gewissen und nicht zu kurzen Übergangszeit etwas weniger arbeiten müssen. Wenn da nur nicht die verflixten finanziellen Verpflichtungen wären. Die Industrie macht es uns ja so leicht, das Einkaufen. Damit wir aus dem Hamster-Rad ja nicht aussteigen. Es hat schon seinen Grund, warum die Währungshüter die Zinsen so niedrig halten. Das Geld soll nicht gespart, sondern ausgegeben werden. Ob das nun beim Autokauf oder anderweitig ist: Kaufen auf Kredit wird von allen Seiten angeboten. Ebenso ist es mit den vielen „Schnäppchen“, die zum Kauf ermuntern sollen. Wir Verbraucher werden geradezu in den Konsum hineingetrieben: Immer besser, immer schneller.


Doch wir sollten uns selbst zur Gemächlichkeit aufraffen, sonst werden wir vielleicht dazu gezwungen. Was das Autofahren betrifft, da liegen nun konkrete Zahlen über die Stauzeiten in verschiedenen Großstädten vor: Spitzenreiter ist Berlin: Ein Autofahrer verliert durchschnittlich 154 Stunden pro Jahr im Stau. In der Zeitungsnotiz vom 13.2.19 war zu lesen:

 

Jede Minute Stau kostet dabei Geld. Etwa durch Mehrverbrauch von Benzin oder indirekte Kosten, die Unternehmen durch Zeitverlust in Staus entstehen - und die sie an ihre Kunden weitergeben. Laut Inrix entstehen in München pro Fahrer Staukosten in Höhe von 1218 Euro [Ich denke, diese Summe bezieht sich auf ein Jahr].

 

Ist es ein Trost, dass man in Rom 254 Stunden im Jahr steht? Nein, das ist kein Trost, sondern eine Mahnung. Es ist vielleicht gar nicht so wichtig, alle Ratschläge zur Entschleunigung zu beherzigen. Aber einmal darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen und was nicht - Das könnte uns doch weiterhelfen. Und aus der Maschine, die immer schneller laufen möchte, ein wenig Dampf herausnehmen.

 

Da habe ich noch ein Bild von einem Weingut in Italien. Irgendwie vermittelt diese alte Zeichnung etwas von Ruhe, wenngleich wir wissen, dass man während der Saison auf einem solchen Anwesen fleißig arbeiten musste.   

   

Wenn wir hier über die verschiedenen Formen sprechen, wie man sein Leben gestalten kann, wenn wir uns darüber Gedanken machen, welchen Sinn wir diesem Leben geben können, dann mag das wie eine sehr private - ja beinahe intime - Angelegenheit erscheinen. Schließlich ist das etwas ganz Persönliches. Allerdings hatten uns schon die Ausführungen von Herrn Zulliger angedeutet, dass man auch um der Gemeinschaft willen versuchen sollte, Konsumwünsche, soweit es geht, hintanzuhalten. Es geht also auch hierbei um ein gesellschaftliches, genaugenommen um ein globales Anliegen. Wenn ich nun daran erinnere, dass ein gutes „Handelsgeschäft“ immer dann zustandekommt, wenn es für beide Partner gewinnbringend ist, dann trifft diese Logik der Redlichkeit auch auf unsere Beziehung zur Welt zu. Ich nehme mir Güter aus dem Handel, weil ich diese brauche oder gern haben möchte. Kaufe ich diese nun, weil ich denke, dass es anderen Menschen auch gut gehen soll, vielleicht in einem Fair-Trade-Laden, dann gibt es einen Gewinn für beide Partner. Aber auch, wenn ich mir - sagen wir mal - aus Gründen des Umweltschutzes ein Fahrrad zulege, dann kann es sein, dass vielleicht ein befreundeter Händler oder ein von mir bevorzugter Hersteller etwas verdient, dass ich selbst für mich etwas Gutes tue und dass drittens auch noch die Umweltbelastung verringert wird. Dabei wird schon deutlich, dass ich mich ganz genau erkundigen sollte, was ich von wem kaufe.

 

Die Firma Bayer hat diesen Rat anscheinend nicht beherzigt. Warum mussten die Nachfahren des sicherlich ehrsamen Friedrich Bayer auch den umstrittenen Konzern Monsanto aufkaufen, der das wahrscheinlich krebserzeugende Glyphosat herstellt. Heute am 13.5.19 kommt die Quittung durch ein Gerichtsurteil, das die Firma Bayer an den Rand des Abgrunds bringen könnte. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau, die den Hals nicht vollbekommen konnte, ist anscheinend gar kein Märchen.

 

Bei dem Thema „Handykauf“ habe ich schon erzählt, dass es hier ganz große Unterschiede gibt, was die Nachhaltigkeit betrifft. In anderen Bereichen fragt man vielleicht nach, ob es auch Bioprodukte gibt. Bei Spielzeug lässt sich vielleicht vermuten, dass es unter Ausbeutung von Kindern hergestellt wurde. Da müsste man vielleicht doch noch einmal Erkundigungen einziehen. Immer geht es darum, dass mein Leben in Einklang mit den „guten“ Kräften in der Welt steht. Das wissen wir alle, dass das sehr schwierig ist. Stichwort: Plastik-Vermeidung.  

 

Wenn Sie nun mit mir übereinstimmen, dann möchte ich dieses Thema vom „einfachen Leben“ noch etwas weiter ausführen. Weg von den Konsumgütern, die zwar notwendig sind, die uns aber gern vergessen machen, dass es noch anderes gibt, was Leben ausmacht.  Denken Sie daran, dass in der Kirchenpolitik Streitigkeiten um Kleinigkeiten den Blick auf das verstellen, was sich momentan als ganz neuartiges Bild der Kirche bietet. Nach 2000 Jahren endlich frischer Wind. Doch manche Leute tun so, als sei das ein Nichts, was der Mann mit dem bürgerlichen Namen Bergoglio alles bewegt.

 

Und dann freuen Sie sich von Herzen darüber, wie bei uns in den kleinen überschaubaren Gemeinden Politik gemacht wird. Da wird ein kirchliches Fest gefeiert, selbstvertändlich als Gottesdienst.

 

Bei meinem Bild sitzt der Abt Herrman von der Ordensgemeinschaft der Prämonstratenser  in Windberg andächtig zuhörend hinter dem Ambo und der weltliche Gast, Landrat Laumer, spricht sein Grußwort. Dieses Foto ist bezeichnend für die Art freundlichen Umgangs miteinander. Es ist die gute Atmosphäre, die dieses Bild ausstrahlt. Eigentlich ist - sicher auch an anderen Orten - schon alles da, was wir brauchen. Es muss nur noch in die Welt hinausgetragen werden. Damit auch die „geistige Umweltverschmutzung“ unter den ganz Großen ein Ende findet und die Einsicht kommt, dass wir alle zusammen gehören. Um dieses Leben zu genießen, braucht man sich gar nicht groß anzustrengen, denn das ist genau das, was wir selbst suchen. Und ein "Moralapostel" zu sein ist gar nicht nötig