V 52 wki GRENZERFAHRUNG
Text minimal überarbeitet. Neue Fassung im eBook
Dieses Kapitel schließt sich irgendwie an das Kapitel von Tod und Auferstehung an. Als erstes lasse ich einen großen Theologen zu Wort kommen.
Ich habe eine bemerkenswerte Äußerung über GRENZERFAHRUNGEN gefunden. Karl Rahner formuliert in einem persönlichen Brief über das Sterben: Quelle: Luise Rinser: Gratwanderung, Seite 454.
"ich weigere mich, in meine Glaubensüberzeugung von der Endgültigkeit des Menschen nun eine Zeit einzutragen, die nach dem Tode beginnt, die dann quasi weiterläuft und die nur fordert, dass in dieser Zeit etwas Neues geschieht. Denn dann stünde ich bereits vor der Schwierigkeit sagen zu müssen, warum ich in dieser Neuphase nicht etwas ganz anderes anfangen könnte als in meinem bisherigen Leben! Die ganze Vorstellung von einem mit dem Tode geschehenden Gericht, die Vorstellung einer Endgültigkeit meiner Ewigkeit würde dann ja sinnlos werden! Mit anderen Worten: Es gehört zu einer wirklich durchdachten christlichen Grundüberzeugung, dass man die Frage: Wie geht es nach dem Tode weiter? von vornherein ablehnt und sagt: Es geht nicht weiter! Mit dem Tode ist die Geschichte, verstanden als laufende Zeit, wirklich abgeschlossen. Was dann kommt, ist die Endgültigkeit dieser hier in der Geschichte sich entschieden habenden Existenz des Menschen."
Nur sind unsere Kenntnisse über das, was uns nach dem Tod erwartet - wenn wir überhaupt etwas wissen - sehr dürftig. Über das Wenige, was uns aus Sterbesituationen heraus berichtet wird, will ich sprechen. Am ehesten glaubhaft sind derartige Berichte von "erlebten Bildern", die etwas über den "Sterbeprozess" aussagen, wenn sie von Menschen kolportiert werden, die wir persönlich kennen und um deren Redlichkeit wir wissen.
Provokative Frage: Sind wir noch vor dem Leben? Oder ist das, was wir jetzt erfahren, das eigentliche Leben? Kommt hinterher etwas ganz anderes? Was bleibt nach dem Tod? Weiterleben nach dem Tod? Ja, aber sicher nicht so wie jetzt. Das muss anders sein. Karl Rahner hat das eigentlich ganz schön ausgedrückt, was er sich denkt. Ist auch für uns wohl plausibel. Mit uns Menschen ist es wie mit den Kometen. Aus der Dunkelheit, aus irgendeiner Unendlichkeit kommt ein neuer kleiner Mensch auf uns zu. Fordert von seinen Eltern Liebe und Nahrung. Wächst, gedeiht. Wird Politiker, Bauer oder lebt als Arbeitsloser, um eines Tages wieder zu verschwinden. Wir wissen nicht, wohin. Was zurückbleibt ist Hülle. Es bleiben Fragen, die wir nicht beantworten können. Menschen, die dem Tod nahe gekommen sind, erzählen, dass sie von oben herab heruntergeschaut haben auf den Ort ihres eben eingetretenen Sterbeprozesses. Im Klartext: Sie haben beispielsweise gesehen, wie sich die Rettungssanitäter noch bemüht haben, das Leben in ihren sterbenden Körper zurückzubringen. Das dürfte den Helfern dann auch tatsächlich geglückt sein, denn sonst hätten wir natürlich keine Berichte von derartigen Erfahrungen.
Über einen guten Leitartikel im Straubinger Tagblatt vom 22.12.18 - es ging um die Entlarvung der digitalen Erlebnisse als (billige) Ersatzerfahrung für wirkliches Leben - kam der Autor Prof. Balle auf den Schriftsteller Max Frisch und dessen Roman „Stiller“ zu sprechen. Der Held des Romans - in dem uns wohl Schriftsteller selbst begegnet - macht einen Selbstmordversuch - und überlebt nach einem Kopfstreifschuss. Was er berichtet, ähnelt einer anderen Beschreibung. Nämlich derjenigen, die von Menschen nach einem versuchten Selbstmord berichtet wird. Bei einem solchen aktiv herbeigeführten Sterben spüren die Betroffenen, dass sie auf diese Weise niemals den Weg etwa zu dem vor ihnen verstorbenen Gefährten finden. Im Gegenteil, es findet sich überhaupt kein Weg. Der Autor hat nun die Worte von Frisch wiedergegeben:
„...und dann war alles weg: bis auf eine runde Öffnung in der Ferne... und der Zustand war unerträglich, dabei nicht schmerzhaft. Eher sogar Sehnsucht nach Schmerz ... die entsetzliche Pein bestand darin, plötzlich nichts mehr zu können, nicht rückwärts, nicht vorwärts, nicht stürzen zu können, kein Oben und kein Unten mehr, dennoch vorhanden zu bleiben, rettungslos, ohne Schluss, ohne Tod.“
Irgendwie scheint uns der Schriftsteller Frisch mitteilen zu wollen, dass Menschen in derartigen Situationen ohne fremde Hilfe anscheinend wirklich verloren sind. Vielleicht ist das eine Anregung, sich einmal mit dem Werk von Max Frisch zu befassen. Meine Aufgabe kann es nicht sein, für das alles, was ich hier zusammengetragen habe, auch Erklärungen abzugeben. Das werden wohl auch die Menschen nicht können, die sich beruflich mit derartigen Fragen befassen. Aber die Beschreibung selbst dürfen wir als solche getrost einfach mal zur Kenntnis nehmen.
Zu diesen Überlegungen über die Zeit nach dem Sterben passt eine in der Volksfrömmigkeit sehr lebendige Vorstellungswelt, die sich in gern in volkstümlichen kleineren Darstellungen öffentlich macht.

Diese kleine Tafel habe ich in der näheren Umgebung des Walchensees in Oberbayern gefunden und fotografiert. Immerhin hat man - wie die Aufschrift zeigt - dieses Bild im 21. Jahrhundert noch einmal renoviert.
Der Tod ist ein seltsames Phänomen, etwas, mit dem wir uns alle irgendwie abfinden müssen. Ob wir das wollen oder nicht. Und wir fragen uns, warum Gott oft Menschen zu sich ruft, von denen wir meinen, dass wir sie noch brauchen würden. Und Verbrecher, die der ganzen Menschheit unendlichen Schaden zufügen, scheinen immun gegen alle Angriffe auf ihr Leben zu sein. Dieses "Warum" wird uns immer ein Geheimnis bleiben. Überlässt Gott das Geschehen vielleicht gar dem Zufall? Wahrscheinlich wird es so sein, dass wir dieses Geschehen und die Zusammenhänge eben nicht durchschauen. Wir können nur ahnen, dass mit dem Sterben etwas ganz Neues beginnt. Und
wir wissen nur, dass Jesus uns nach unserem Leben auf dieser Erde bei sich haben will. Wenn wir das auch wollen, haben wir auf dieser Welt genug zu tun, um dieses Ziel zu erreichen.
Die Weisungen sind bekannt.
Doch bevor ich noch eine weitere "Erfahrung" zum Thema Nahtod sage, möchte ich Sie mit ein paar Worten aus einem Buch von Walter Jens und Hans Küng zum Thema hinleiten. Das Buch heißt "Menschenwürdig sterben - Ein Plädoyer für Selbstverantwortung. Zunächst einmal die immer wiederkehrende Frage: Ist ein Weiterleben nach dem Tod nicht unserem Wunschdenken zu verdanken? Nun, nicht einmal diese Frage können wir beantworten und der Autor schreibt auf der Seite 33, dass es doch ganz schlimm wäre,
"wenn es nicht schließlich und endlich doch eine Gerechtigkeit gäbe und die Ausbeuter doch nicht über die Armen und die Kindesmörder doch nicht über die gemordeten Kinder definitiv triumphieren könnten. Meine Vernunft fände es unerträglich, wenn nicht auch die Getretenen und Geschundenen, die ein "Hundeleben" zu führen hatten, schließlich doch zu ihrem Recht und ihrem Glück kämen. Und mit dieser Überzeugung bin ich nicht allein."
Dieser Überzeugung dürfen wir uns wohl alle anschließen. Aber schließlich ist es nur eine Hoffnung, kein Wissen.
Dr. Eben Alexander ist Neurochirurg. Wegen einer schweren Erkrankung lag der 45-Jährige mehrere Tage im Koma. Was er als Nahtoderfahrung erlebte, beschreibt er in seinem Buch: "Blick in die Ewigkeit". Frau Nora Eichinger hat über diesen Mann im Straubinger Tagblatt vom 11.4.2014 berichtet: "Einmal Himmel und zurück." Das Buch muss man selbst lesen. Im Kapitel IIIn1 wird von den Erfahrungen des Arztes berichtet, der derartige Berichte vorher stets als wissenschaftlich unhaltbar verworfen hatte.
Das sind die Erfahrungen, die anscheinend mit den Sinnen erfasst werden können. Allerdings meinen manche Wissenschaftler, dass es auch sein könnte, dass das Gehirn beim Erlöschen seiner Funktion solche Bilder einfach "produziert". Nur sind die beschriebenen "Erlebnisse" unabhängig von der Kultur (und Religion!) des jeweiligen Berichterstatters durchgängig ähnlich. Und das spricht eher dafür, dass es sich um tatsächliche Erlebnisse handelt. So ähnlich sieht das auch die Autorin des vorgenannten Artikels Frau Eichinger. Aber hier muss sich wohl jeder selbst sein Urteil bilden.
Weil es schön ist und zum Thema passt zeige ich Ihnen hier ein Café an der Steilküste von Santorin aus der Vogelperspektive.

