VI 14kri* MISSBRAUCH

VI 14kri* MISSBRAUCH

 

                                        Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre  es besser,

daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. 

Matthaeus 18,6

 

Vorweg gehört gesagt, dass Papst Franziskus sich eindeutig gegen den inzwischen allseits bekannten und immer wieder diskutierten Missbrauch in der katholischen Kirche stemmt. Das geht deutlich aus allen Verlautbarungen (Enzykliken) des Heiligen Vaters hervor. Doch der Weg ist wohl sehr schwierig. Anscheinend haben sich in den vergangenen zwei Jahrtausenden Verhaltensweise etabliert, die uns erschrecken.

 

Um Kinder, denen man Schlimmes in unserem Land zufügt, geht es auch bei dem folgenden Beitrag. Besonders bedrückend ist, dass es Kleriker sind, die sich zu sexuellen Übergriffen an Kindern hinreißen lassen. Es werden Kinder zerstört. Missbrauch bei Kindern ist ein ganz schlimmes Vergehen, es deutet auf eine Feigheit der Täter hin. Immer noch warten wir darauf, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Das gehört zu den Aufgaben der Rechtsstaatlichkeit. Aufgabe der Staatsanwaltschaften. Beim Missbrauch an Kindern ist die Instrumentalisierung der Opfer deswegen einfach, weil Kinder von Haus aus nicht ahnen können, zu welch abscheulichen Handlungen Erwachsene fähig sind. Zum Profil solcher Täter dürfte eine gesellschaftliche Unsicherheit gepaart mit Feigheit zu gehören. Anscheinend - so geht es aus dem Bericht hervor - ist dieses dunkle Kapitel noch längst nicht abgeschlossen. Es dürfte für uns alle sehr wichtig sein, wie die Reaktion der kirchlichen Stellen auf diese Studie ist. Darüber wird an dieser Stelle nach der Vorstellung des Berichtes durch die Deutsche Bischofskonferenz - vorgesehen noch im September - berichtet werden. An dieser Stelle bringe ich einige Ausschnitte aus Berichten der Tageszeitung vom 13.9.18 (und Nachträgen) zu einem Thema, das vielen unter den Nägeln brennt. Die Überschrift erschreckt:

 

Ich zitiere aus dem Bericht der Tageszeitung vom 13.9.18:

 

Das Thema Missbrauch belastet die katholische Kirche seit vielen Jahren enorm – nun hat eine große Studie die Situation in Deutschland aufgearbeitet und teils Erschütterndes hervorgebracht. Spiegel und Zeit veröffentlichten am Mittwoch vorab die Ergebnisse der Untersuchung, die die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) offiziell erst am 25. September vorstellen wollte... 4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer waren demnach Missbrauchstäter. Mehr als jedes zweite Opfer sei höchstens 13 Jahre alt gewesen, in jedem sechsten Fall sei es zu Formen der Vergewaltigung gekommen... Die erwähnten Fälle sind vermutlich nur ein Teil dessen, was tatsächlich geschah. Die Zeit zitiert: In einigen Fällen fanden sich eindeutige Hinweise auf Aktenmanipulation.

 

Erschreckend für uns ist, dass die Autoren keinen Anlass zu der Annahme haben, dass es sich um eine “in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt.”

 

Diese wenigen Sätze mögen genügen. Ich werde keinen Kommentar abgeben, weil jeder Diskussionsbeitrag von mir – wie er auch formuliert würde - den Eindruck einer Beschwichtigung erwecken könnte. Ich habe schließlich oft genug betont, dass ich dieser Kirche angehöre und der Großteil der Würdenträger für mich Respektpersonen sind. Ich persönlich halte die Verbrechen an Kindern für äußerst verabscheuenswürdig. Ich denke, dass Menschen, die diese Verbrechen begangen haben, bestraft werden müssen.  Sie mögen mir verzeihen, dass ich über das alles so ausführlich berichte. Das liegt daran, dass ich vermute, dass es anscheinend hier irgendwo noch tieferliegende Gründe für derart schwerwiegendes und vor allem außergewöhnlich stark verbreitetes Fehlverhalten gibt. Da sollten Psychologen sich Gedanken machen, was da in den Köpfen einer so großen Anzahl von Klerikern passiert ist und anscheinend noch passiert. Da muss es doch etwas geben, was das Schuldgefühl dieser Menschen anscheinend ausgelöscht hat. Wenn ich nun auch noch daran denke, was in Irland, dem einstigen Vorzeigeland der katholischen Kirche über Fehlverhalten von Mitarbeitern der Kirche an das Tageslicht gekommen ist, dann spüre ich, dass da noch mehr im Argen liegen könnte. Ein Punkt als Ursache für das beschriebene Fehlverhalten der Kleriker wird in dem eben genannten Bericht schon angedeutet:

 

Aus der Untersuchung geht hervor, dass Priester ihre Macht für die Taten ausnutzten, berichtete Zeit online am Sonntag... "Sexueller Missbrauch ist vor allem Missbrauch von Macht", wird aus den Ergebnissen zitiert. Daher sei "Klerikalismus" eine wichtige Ursache und ein spezifisches Strukturmerkmal" für sexuelle Gewalt innerhalb der Kirche.

 

Nach Vorveröffentlichung der Studie war am Samstag, dem 15.9.18 wiederum in der Tageszeitung zu lesen, dass als erster Bischof in Bayern der Bamberger Erzbischof Schick auf die Studie reagiert hat: "Wir sind beschämt und erschüttert" sagte er am Abend des 14.September im Bamberger Dom. Bischof Oster (Passau) erklärte, dass es "allzu häufig zuerst um den Schutz der Institution, den Ruf des Priestertums gegangen" sei, es ginge nun darum, "ein System zu verändern, das eher zum Selbstschutz als zum Opferschutz neigt."

 

In der Montagsausgabe 17.9.18 wurde dann ausführlicher über die Reaktion des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, berichtet. Ich fasse dessen Ausführungen knapp und deutlich in der Überschrift zusammen: "Bedrückt, erschüttert, beschämt." Eigentlich hatte man gehofft, dass mit der kritischen Aufarbeitung des gleichen Problems bei den "Regensburger Domspatzen" dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Kirche zumindest von der Durchleuchtung des Geschehenen aufgearbeitet sei. Deshalb war das Ergebnis der Studie für viele Menschen so erschütternd. Leider lassen manche Äußerungen den Schluss zu, dass das ganze Ausmaß noch nicht erfasst sei. Im Artikel vom 17.9. 18 wird nämlich noch folgendes berichtet:

 

Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der die Studie ursprünglich leiten sollte, den Auftrag aber unterbrach, sagte dem Spiegel, "die Untersuchung habe große Schwachpunkte". Er forderte eine Folgestudie, "damit mehr Licht in dieses Dunkelfeld kommt."

 

Bei der offiziellen Vorstellung der Studie am 25.9.18 äußerte sich der Leiter der Studie zu dem Ergebnis der Ermittlungen. Ich zitiere die Tageszeitung vom 26.9.18:

 

Das laut Studie weiter fortbestehende Risiko des Missbrauchs durch Kirchenangehörige begründete Dreßing [Anm.: Leiter der Studie] unter anderem mit der ausgeprägten klerikalen Macht, der Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) sowie einem innerkirchlich "problematischen Umgang" mit dem Thema Sexualität - vor allem mit der Homosexualität. Er betonte, wenn die Kirche die Missbrauchsthematik wirklich überwinden wolle, dann müsse sie sich mit diesen Themen "ernsthaft" und mit dem Mut zur Veränderung" befassen.

 

Es bleibt also noch einiges zu tun. Ein neues Denken ist gefragt. - Das ist meine Auffassung. Ähnlich lässt sich wohl auch formulieren, was bei der offiziellen Vorstellung der Studie am 25.9.18 an Reaktionen von Seiten der Kirche zu hören war.

 

Bei Pressekonferenzen in Passau und Regensburg legten die Generalvikare ihre regionalen Zahlen vor. Auch hier wurden Forderungen nach Konsequenzen laut. So schlug das Bistum Regensburg eine staatlich organisierte, unabhängige Zertifizierungsstelle vor. Die Federführung könnte der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, übernehmen. "Wir müssen noch besser werden, schneller, transparenter und verlässlicher", sagte Generalvikar Michael Fuchs.

 

Sehr aufschlussreich sind ein paar Sätze aus einem Kommentar von

Ralf Lipp (Straubinger Tagblatt vom 26.9.18):

Aufschlussreich sind ein paar Sätze aus dem folgenden Kommentar. Zunächst lobt der Autor gewisse Fortschritte in den vergangenen Jahren, um dann auf eine spezielle Problematik einzugehen: Absolut nicht nachvollziehbar war seinerzeit das Martyrium eines Buben im Landkreis Regensburg, der offensichtlich nur deswegen zum Opfer wurde, weil der vorher bereits einschlägig vorbestrafte Täter stillschweigend einfach in eine andere Pfarrei versetzt worden war. Entsprechende Erklärungen des damaligen Regensburger Bischofs [Anm.: Bischof Ludwig Müller] waren teilweise so absurd, dass sich nicht wenige Gläubige entsetzt abwandten. Von einer Bestrafung der Missbrauchstäter hat man kaum je etwas gehört.

 

Die Studie belegt nun, dass diese stillschweigenden Weiterversetzungen bei der Kirchenführung ein deutschlandweit beliebtes Modell waren.

 

Probleme wurden nicht gelöst, sondern einfach an die nächste Pfarrei weitergegeben. Die Schäfchen vor Ort blieben im Ungewissen. Dass diese Praxis System hatte, zeigt exemplarisch, welchen weiten Weg die Bischöfe bei ihrem Reinigungsprozess vor sich haben. Beachtenswert bleibt hier die Forderung des Passauer Bischofs Stefan Oster bereits vor Tagen nach einer neuen „radikaleren Form der Selbstkritik“ der Kirche verbunden mit einer Systemänderung. Bischöfe-Vorsitzender Reinhard Marx sieht folgerichtig in der Missbrauchsstudie einen „Wendepunkt für die katholische Kirche“.

 

Zum Abschluss dieses Kapitel zitiere ich noch einmal aus einem ausführlichen Bericht der Tageszeitung vom Tag nach der Konferenz:

 

Der (damalige) Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hatte bei der Vorstellung der Studie in Fulda von einem "Wendepunkt" gesprochen, an dem sich die katholische Kirche angesichts des Missbrauchsskandals befinde. "Hier geht es nicht um Stimmung und persönliche Befindlichkeiten, es geht um die Opfer und um die Zukunft der Kirche. Die Menschen glauben uns nicht mehr. Wir müssen handeln und dann hoffen, dass man uns wieder vertraut" sagte der Erzbischof bei der Vollversammlung.

 

Es bleibt zu hoffen, dass diese Worte bei den Verantwortlichen in der Kirche gehört und beherzigt werden, denn auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz dürfte als frei Gewählter wohl kaum die Möglichkeiten der Einwirkung haben, wie sie ein Vorgesetzter der Bischöfe hätte. Der Vorgesetzte der Bischöfe ist der Papst. Und der muss natürlich zunächst einmal von den Vorgängen erfahren, die zu ahnden sind. Allerdings wird dieser Papst - wenn er von entsprechenden Vorfällen hört - ohne Ansehen der Person handeln. 

Einen Tag nach der Vorveröffentlichung der Studie war in einer kleinen Zeitungsnotiz zu lesen, dass Papst Franziskus dem Rücktrittsgesuch eines amerikanischen Bischofs stattgegeben hat. Dieser Bischof hat anscheinend in diesem Bereich Schuld auf sich geladen (Sexuelle Belästigung von erwachsenen Priesterschülern). Über McCarrick liest man bei Wikipedia:

Theodore Edgar McCarrick (* 7. Juli 1930 in New York, USA) ist ein strafweise in den Laienstand versetzter früherer römisch-katholischer Priester, Erzbischof von Washington und ehemaliger Kardinal. Er ist der erste Kardinal der katholischen Kirche, der wegen im Priesteramt begangener sexueller Übergriffe entlassen wurde.[1]

Die Annahme des Rücktrittsgesuches ist eine wohl in der Kirche übliche Form des Rauswurfs eines höheren Funktionärs aus einem Amt. Gut zwei Wochen später hat Franziskus im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche weitere Konsequenzen gezogen. Wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen ergriff das katholische Kirchenoberhaupt gegen zwei chilenische Geistliche eine der härtesten Maßnahmen überhaupt: Der... und... [Anm.: Die schwierigen und langen Namen erspare ich mir und Ihnen]  „wurden in den Laienstand versetzt, wie der Vatikan am Samstag [Anm.: 13.10.18] mitteilte. Im Übrigen sieht das Kirchenrecht keine Bestrafungen vor, wie sie im bürgerlichen Recht üblich sind.

 

Relief an der Ulrichskirche in Regensburg
Ein Relief von Christus an der Ulrichskirche in Regensburg, der Weg zum Dom führt die Domspatzen regelmäßig an dieser Kirche vorbei

Es ist wichtig, den bevorstehenden Prozess zu beobachten. Von Bedeutung ist sicherlich, wie die katholischen Laien die Situation bewerten. Am 23.11.18 forderte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) von der Kirche: „Innerkirchliche, klerikalistische Machstrukturen müssen zeitnah aufgebrochen werden, denn das Problem liegt im System.“ So steht es im Beschluss der Vollversammlung, der mit großer Mehrheit verabschiedet worden ist. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, sagte in Köln zu den Forderungen, die Bischöfe wollten in einen „offenen transparenten Gesprächsprozess“ auch über den Zölibat eintreten. Von den Erfahrungen her, die ich in meinem Beruf und in meinem Leben machen konnte, kann ich nur sagen: Bitte nicht bloß diskutieren, sondern eine Regelung endlich abschaffen, die keinen Nutzen bringt und den Menschen immens schadet. Wenn die Kirche sich hier nicht bewegt, wird sie sehr viel an Vertrauen verlieren. Im Übrigen gibt es schwer zu beweisende Vermutungen, die darauf hindeuten, dass die Missbrauchsproblematik etwas ist, das es anscheinend nicht nur in der Kirche gibt.  In der Organisation der Kirche sind aber - ähnlich wie an Schulen - die Strukturen so, dass Täter viele Möglichkeiten finden, ihr abscheuliches Tun vorzunehmen. Das muss sich ändern.

 

Anscheinend ändert sich manches - wohl nicht unbedingt zum Guten. Es scheint so zu sein, dass das von einer Organisation in KiTas angebotene "Original play" eine Einladung für pädophile Menschen (anscheinend sind das vor allem Männer) ist. Aus einer Dokumentation von Kontraste Ende Oktober 2019 scheint dies hervorzugehen. Wahrscheinlich wird man in der nächsten Zeit noch mehr über diesen seltsamen "Zeitvertreib" für Erwachsene hören. 200 bis 250 € zahlen die "Gäste" als Eintritt für die Rangelei mit Kleinkindern. Über ihr Vorleben brauchen keine Unterlagen (wie polizeiliches Führungszeugnis) beigebracht werden. Vielleicht sollten sich nicht nur beunruhigte Väter und Mütter, sondern auch die Staatsanwaltschaften mit der Thematik befassen, um dem Recht des Kindes auf körperliche und geistige Unversehrtheit Nachdruck zu verleihen.

 

Dass trotzdem in manchen Einrichtungen ein gewisses Umdenken im positiven Sinn stattfindet, dafür möchte eine Äußerung vom Trierer Bischof Ackermann Hoffnung machen. Der Beauftragte der Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich sagte der Deutschen Presse-Agentur:

 

„Auf jeden Fall ist das eine Zäsur in der Geschichte der Kirche mit der Herausforderung, in einer größeren Wahrhaftigkeit Kirche zu sein...“  Für Veränderung an Machtstrukturen sieht Ackermann nur einen Weg: „Um Machtmissbrauch zu verhindern, muss Macht geteilt und kontrolliert werden.“

 

Wünschen wir, dass diese Verlautbarung in den letzten Tagen des Jahres 2018 zu einem neuen Weg führt. Die Verantwortlichen in der Kirche wissen, dass es um die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche geht. Die Austritte aus der Kirche haben im Jahr 2018 um beinahe 25% zugenommen. Das ist eine alarmierende Zahl für uns, die wir an der Kirche festhalten wollen. Ich denke, dass die in diesem Kapitel beschriebenen Geschehnisse mit dieser Zahl in Zusammenhang stehen. An anderer Stelle erörtere ich die Frage, warum es bei dieser Institution zu solchen Entgleisungen ihrer Vertreter kommen konnte. Ich muss den Herausgebern der Studie durchaus mit meinen Erfahrungen zustimmen: Es gibt tatsächlich Kirchenmänner, die - mögen sie unten oder oben in der Hierarchie stehen - mit einer derart furchtbaren Arroganz auf die einfachen Menschen blicken, dass es wahrlich zum Himmel schreit.

Ich möchte aber auch dazusagen, dass uns werdenden Ärzten im Studium dargelegt wurde, dass das von der Universität vermittelte Wissen ein kostbarer Schatz ist. Das ist richtig. Allerdings könnte man leicht zu der Auffassung kommen, dass man als „Wissender“ zu einer Art Elite gehöre. Und das ist natürlich ein unsinniger Trugschluss, der sich besonders prekär auswirkt, wenn man - beispielsweise wegen des Fehlens eines korrigierenden Partners - diesem Irrtum erliegt. Wenn man dann ohne Kontrolle handelt, kommt es zu Verfehlungen. Schon allein deswegen ist denjenigen unter den Bischöfen unbedingt Recht zu geben, die eine Abschaffung des Zölibats ins Auge fassen. Allerdings liegt die Haupt-Ursache wohl in der klerikalen Macht, wie das aus den Untersuchungen deutlich wird.

Anfang des Jahres 2019 geht die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in die nächste Runde. Da wird nämlich im Vatikan diskutiert. Der Papst hat - damit es nicht beim Reden bleibt - im Vorfeld des Gesprächs schon einmal den amerikanischen Bischof McCarrick mit der größtmöglichen Kirchenstrafe belegt, die von dieser Institution vergeben werden kann: Er hat diesen Mann wegen sexuellen Fehlverhaltens in den Laienstand versetzt. Ich denke, das ist eine notwendige und gute Entscheidung, die den künftigen Weg der Kirche anzeigt.

 

Im Februar 2019 kam eine Diskussionsrunde im Vatikan zusammen, um über das weitere Vorgehen gegen Missbrauch zu diskutieren. Mit den Worten „Das Volk Gottes schaut auf uns und erwartet von uns... konkrete und wirksame Maßnahmen.“ eröffnete Franziskus das Treffen der 190 Teilnehmer. Der Papst legte einen 21-Punkte-Plan zum Kampf gegen den sexuellen Missbrauch vor. Verschiedene Aussagen Betroffener wurden dem Plenum zur Kenntnis gebracht. Man sollte hinzufügen, dass dieser Kongress als historisch anzusehen ist, da derartige Themen bisher niemals vor einem großen Publikum diskutiert worden sind.

 

Zu hören bekommen die Bischöfe auch das Zeugnis einer Frau, die über 13 Jahren von einem Priester vergewaltigt wurde. Immer und immer wieder. Dreimal sei sie gezwungen worden, abzutreiben - „ganz einfach, weil er keine Kondome oder Verhütungsmittel wollte“. Der Erzbischof von Brisbane, Mark Coleridge, bezeichnet die Worte der Betroffenen aus verschiedenen Regionen der Welt als „gewaltig“. Sie hätten ihn stärker bewegt, als er erwartet habe. Der Papst verlangt, die staatlichen Behörden und die übergeordneten kirchlichen Stellen bei Missbrauchsfällen nach „geltendem kanonischen und bürgerlichen Recht“ zu informieren. 

 

Das war in der Tagespresse vom 22.2.19 zu lesen. Am Ende des Kongresses hat der Papst noch einmal seine Meinung zur „Abscheulichkeit“ des sexuellen Missbrauchs deutlich gemacht, wurde am 25.2.19 mitgeteilt. Konkrete Maßnahmen wurden nicht beschlossen, was wohl auch innerhalb von drei Tagen kaum möglich gewesen wäre. Wichtig ist jetzt, dass ein entschlossener und nachhaltiger Prozess den Worten folgt, denn die Opfer waren mit dem Ergebnis des Kongresses nicht zufrieden. Vielleicht kann ich dieses Kapitel, das uns noch lange beschäftigen wird, mit ein paar versöhnlich wirkenden Sätzen aus einem Leitartikel von Prof. Balle aus der Zeitung vom 2.3.19 abschließen:

 

Die Enttäuschung über das Treffen der Kardinäle mit ihrem Papst in Rom am letzten Wochenende war groß... [Am Schluss des Artikels wird auf die Verdienste dieses Papstes verwiesen, die ich hier nur andeuten werde,] Der nicht in den Vatikan einzog, weil er von normalen Menschen umgeben sein wollte. Der sich in seiner Enzyklika dagegen wehrt, dass wir die Umwelt auf Kosten der zukünftigen Generationen verfrühstücken, der sich für den Frieden in der Welt einsetzt wie kaum ein Papst vor ihm.

 

Den Stab über ihn brechen, heißt auch den Stab über die Heils- und Glaubenschance brechen, die sich mit ihm und den Guten, die es noch gibt, für uns vom Glauben her eröffnet. Heißt uns selber den Heilsweg zuzustellen, den Kirche immer noch auftun kann. Die Verbrecher aber, die sich dort eingenistet haben, gehören in aller Härte zur Rechenschaft gezogen.

 

Es ist fraglich, ob ich selbst noch erleben darf, dass dieses Kapitel einen guten Abschluss findet. Es ist zu viel in zu langen Zeiträumen immer wieder verkehrt gemacht worden. Einen Gedanken möchte ich aber nicht verschweigen, nachdem wir alle uns ein anderes Ergebnis vom Missbrauchs-Gipfel erwartet hätten: Kann der Papst überhaupt von einem Tag auf den anderen alles auf den Kopf stellen? Auch wenn die Kirche keine demokratische Einrichtung ist, eine Änderung im System ohne Zustimmung der Bischöfe ist auch dem Oberhirten der Kirche kaum möglich. Und wenn das möglich wäre, würde so eine im Hau-Ruck-Verfahren geschaffene Gesetzgebung auch sinnvoll sein? Dem Ernst des Themas angemessen? Ich bin überzeugt, dass eine Regelung kommen wird, die dem Missbrauch einen Riegel vorschieben wird.

 

Nach Kenntnisnahme von der Situation - diese Frage wurde bei einer anderen Gelegenheit aufgeworfen - müssten nun auch die Rechtsstaaten, die von solchem Unrecht wissen, Unterlagen über das Geschehene von der Kirche anfordern und handeln. Es ist doch bekannt, dass das Kirchenrecht ausschließlich Vergehen ahndet, die sich gegen die Kirche selbst richten. Der Schutz der Menschen, die mit der Kirche zu tun haben, ist nicht Teil dieses sogenannten Kirchenrechts. Es ist Aufgabe der Staatsanwälte - darum heißen die so - für die Staatsbürger einzutreten. Und ich denke, dass dieses Eintreten des Staates für das Recht seiner Bürger schon dann einzusetzen hat, wenn Vorfälle bekannt werden, die ein solches Eingreifen nötig machen könnten. Allein der Verdacht müsste da doch ausreichen. Zumindest sagt mir das mein Rechtsverständnis. Denn: Vor Gericht zu gehen ist etwas, das allen Opfern schwerfällt. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn das so einfach wäre, würde es gar keine Opfer geben. Es ist äußerst wichtig, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, die Mauer, welche die Opfer einerseits von ihren Bekannten und Freunden, die sie gerade in ihrer Not dringend benötigten, abriegelt. Andererseits werden durch das Schweigen die Missetäter vor dem Rechtszugriff geschützt. Beides ist schädlich. Insofern ist es unabdinglich, dass die Rechtsstaaten durch entsprechende Dokumentationen auf Missstände aufmerksam gemacht werden. Und damit Möglichkeiten bekommen, Gerechtigkeit durch Bestrafung der Schuldigen herbeizuführen.

 

In diesem Sinn mache ich auch an dieser Stelle öffentlich, was Arte im Jahre 2017 durch eine entsprechende Dokumentation erstmals ausgestrahlt hat. Der Film wurde am 5.3.19 erneut der Öffentlichkeit in Deutschland präsentiert. Der Streifen ist betitelt: Gottes misshandelte Dienerinnen. Nach Kenntnisnahme der Geschehnisse ergibt es sich meines Erachtens als notwendig, von den staatlichen Stellen der jeweiligen Länder entsprechende Nachforschungen anzustellen, um den geschädigten Bürgerinnen ihres Landes zu ihrem Recht zu verhelfen. In der Dokumentation geht es darum, dass Klosterfrauen von Priestern sexuell vergewaltigt   u n d   die Taten von den Vorgesetzten vertuscht wurden. Mit der Veröffentlichung des Filmes geht die Verantwortung nun zusätzlich an den Staat, nachdem die Organe der Kirche bei der Verhinderung weiteren Missbrauchs versagt haben, weil die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Es war ein deutliches Fehlverhalten der Kirche, dass sie die Täter vor dem Zugriff der Justiz geschützt hat. Insofern haben sich nicht nur die Täter, sondern auch deren Vorgesetzte, die von den Verbrechen wussten und keine Anzeige erstattet haben, schuldig gemacht. Allerdings bewegt sich anscheinend doch etwas: In einer Pressemitteilung vom 8.3.19 war zu entnehmen:

 

Frankreich höchster katholischer Würdenträger ist überraschend wegen Vertuschung von Missbrauchsvorwürfen schuldig gesprochen worden... Für zahlreiche Beobachter ist die Entscheidung des Gerichts historisch. Das Gericht in Lyon verurteilte den Erzbischof der Stadt zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung, weil er Fälle sexueller Übergriffe auf Minderjährige nicht angezeigt habe.

 

Hinzuzufügen ist auch noch, dass die Kirche nicht - wie wir immer meinen - der „allumfassenden“ Macht des Pontifex gehorche. Die Bischofskonferenzen haben durchaus ihre geografische Zuständigkeit. Für Deutschland also der Wille des Plenums, dass der jeweilige Vorsitzende der Konferenz beachten muss. Ein gemeinsames Vorgehen im Sinne einer positiven Veränderung ist da nicht unbedingt auf Anhieb zu schaffen. Das zeigte sich auch schon bei den ersten Pressemitteilungen von der Frühjahrskonferenz der deutschen Bischöfe in Lingen Mitte März 2019. Bei dieser Konferenz ging es wesentlich um eine Wende im Kampf gegen den Missbrauch.

Ganz wichtig scheint es mir zu sein, nach den Strukturen zu suchen, die Missbrauch ermöglichen oder sogar fördern. Eine Bekämpfung des Missbrauchs muss unbedingt bei diesen Grundvoraussetzungen ansetzen. Viele Ansätze, die nur mit zusätzlichen Regelungen die Problematik bekämpfen wollen und nicht bei den Ursachen Änderungen herbeiführen möchten, greifen zu kurz. Eine Einsicht in den „Mechanismus“ des Verbrechens erst bietet die Möglichkeit, dem Übel tatsächlich an die Wurzel zu gehen. Selbst die unbedingt notwendige Abschaffung des Zölibats aus verschiedenen sehr wichtigen Gründen würde allein für sich nicht genügen, um dem Missbrauch Einhalt zu gebieten. Wenn dem so wäre, gäbe es im außerkirchlichen Bereich keinen Missbrauch. Missbrauch gründet sich stets auf Macht und hat mit dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Täter und Opfer zu tun. Im Übrigen ist wohl anzunehmen, dass der Missbrauch in der Kirche zwar aus verschiedenen Ursachen heraus als sehr bedeutend bekannt geworden ist. Es wäre jedoch völlig fatal, wenn man annehmen würde, dass die Kirche hier eine Sonderstellung einnimmt. Sie ist nur deswegen von besonderem Interesse, weil mehrere Ursachen, die dem Missbrauch Vorschub leisten, bei der Kirche real vorhanden sind. Und das ist in anderen Bereichen nicht so eklatant.

 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang folgende Zeitungsmeldung vom 18.12.19, die ich kommentarlos zitiere: Papst Franziskus schafft im Kampf gegen Missbrauch in der katholischen Kirche das umstrittene "päpstliche Geheimnis" ab. Künftig dürfen Informationen aus Kirchenprozessen an staatliche Behörden gehen.

Zur Macht der unheiligen Kirchenmänner kommt dazu, dass diese ihre wahren Absichten unter dem Deckmantel des „Göttlichen“ verbergen („Die Wölfe kommen im Schafspelz daher“). Ein Zweites: Anscheinend leiden Kleriker gern unter einem seltsamen "Elitedenken", das nach dem Motto funktioniert: Es gibt nur eine Wahrheit und in deren Besitz bin ich, der Mann, der zur "Elite" gehört. "Ich weiß, was ich tue." Und ein dritter Punkt ist wohl noch von Bedeutung: Nach dem Wort Jesu ist Vergebung von Sünde etwas ganz Wichtiges, etwas, das tatsächlich nur die Kirche geben kann. Das führt zu dem Missverständnis mancher Oberen, dass man die Verbrechen „unter den Teppich“ kehren dürfe, frei nach dem Motto: Man hätte ihnen ja ihre Sünde vergeben. Damit sei der Fall abgeschlossen. Und ein dritter Punkt dürfte bedeutsam sein: Die kirchliche Gerichtsbarkeit sieht im Gegensatz zum weltlichen Strafrecht eine Ahndung nur dann vor, wenn Verfehlungen gegen die Kirche als solche begangen werden. Verbrechen gegenüber Menschen wird von der Kirche nicht bestraft.  Das ist aber bei uns Laien viel zu wenig bekannt. Demzufolge besteht aber die unbedingte Pflicht der Kirche, mutmaßliche Täter den zuständigen weltlichen Gerichten auszuliefern. Im Übrigen hat Papst Franziskus schon einigen Verbrechern im Vatikan die Immunität entzogen, damit ordentliche Gerichte Zugriff auf diese Personen bekommen. Das war anscheinend bei den Vorgängern von Papst Franziskus anscheinend nicht (oder nicht in ausreichendem Maß) der Fall. Meine Kenntnisse auf diesem Gebiet können nicht fundiert sein, sondern gründen auf Gelesenes. Deshalb bin ich für Korrekturen offen und dankbar. Was ich eigentlich ausdrücken wollte: Missbrauch ist ein Phänomen, das es nicht nur in der Kirche gibt. Aber dort eben in einer sehr schlimmen Form.

 

Noch etwas ganz Allgemeines: Jeder Mensch fängt in seiner Entwicklung nicht bei "0" an, sondern übernimmt genau das, was bei der Bezugsperson zu diesem Zeitpunkt Bedeutung hat. Wenn nun die Eltern vorleben, dass der Mann das "Sagen" in dieser Ehe hat, dann hat das für das Kind entscheidende Bedeutung. Das wird verinnerlicht. Sehr viel später erst kann es sein, dass solches "Elterngut" in Frage gestellt und hinterfragt wird und vielleicht eine Entwicklung in ganz anderer Richtung beginnt. Entscheidend ist, in welchem Alter all diese Prozesse anlaufen. Aber diesen Weg sind wir alle gegangen oder gehen ihn noch. Immer wieder ist Umkehr notwendig. Das ist wohl das Abenteuer unseres Lebens, von dem wir niemals wissen, ob alles gut ausgeht. Von daher ist wohl auch zu verstehen, dass wir auf diesem Weg schuldig werden - und letztlich alle der Barmherzigkeit bedürfen. Es ist auch kein Geheimnis, dass die „seelische“ Entwicklung der Menschheit der technischen gewaltig nachhinkt. Beispiel dafür ist die ausgeklügelte Rüstungstechnik. Salopp gesagt: Wenn es um die Technik des Tötens geht, dann sind wir tatsächlich ganz vorne dran.

 

Über Missbrauch im kichlichen Raum (https://www.dbk.de/themen/sexualisierte-gewalt-und-praevention) gibt es ein Informationsportal der Deutschen Bischofskonferenz.

 

Das Buch "Schattenkind - Wie ich als Kind überlebt habe" von Philipp Gurt im Goldmann-Verlag informiert über das Leben eines missbrauchten Menschen.

 

Eigentlich war ich der Auffassung, hier bräuchte ich nicht weiter zu berichten, denn schließlich schien es wenigstens zur Mitte des Jahres 2020 so, als würde doch einiges getan. Bei der Bischofskonferenz bemüht man sich redlich. Schließlich wurde ja auch Entsprechendes von seiten der Kirche angekündigt. Allerdings scheinen nicht alle Kirchenmänner an einer wirklichen und endgültigen Aufklärung des Geschehens interessiert zu sein. Jedenfalls lässt ein Artikel in der Ulmer Presse vom 30.11. alle Alarmglocken wieder bei mir läuten. Ich bringe diesen brisanten Beitrag mit dem anscheinend harmlosen Titel "Woelki will Gutachten öffnen", der auf ein schlimmes Fehlverhalten von Kardinal Maria Woelki hinweisen könnte, in voller Länge. So können Sie sich ein klares Bild machen:

 

Köln. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki will das von ihm zurückgehaltene Missbrauchsgutachten "für interessierte Einzelpersonen", insbesondere Betroffene oder Journalisten" zugänglich machen. Dies solle nach der Veröffentlichung des von ihm in Auftrag gegebenen neuen Gutachtens "im rechtlich möglichen Rahmen" geschehen, teilte das Erzbistum Köln mit.

 

Woelki hatte ursprünglich ein Gutachten bei der Münchner Kanzlei Westpfahl in Auftrag gegeben. Die Kanzlei sollte den Umgang des Erzbistums mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Priester untersuchen. Nachdem die Kanzlei das Gutachten fertiggestellt hatte, beschloss Woelki aber, es doch nicht zu veröffentlichen. Dafür führte er rechtliche Bedenken an. Woelki beauftragte stattdessen einen Kölner Strafrechtler mit einem neuen Gutachten. Es soll im März fertiggestellt werden. Inzwischen ist der Inhalt des zweiten Gutachtens bekannt gemacht worden: Kardinal Woelki wird dem Gutachten zufolge von der Schuld des Vertuschens freigesprochen. Allerdings bleibt bei uns Beobachtern des Geschehens ein schaler Nachgeschmack, der das Vertrauen in die Führungsriege der Kirche nicht gerade festigt.

 

Die Entscheidung Woelkis hat eine tiefe Krise im größten deutschen Bistum ausgelöst. Woelki wurde vorgeworfen, hohe katholische Funktionsträger schützen zu wollen, die im ursprünglichen Gutachten belastet werden. dpa 

 

Das war alles mehr oder weniger graue Theorie. Schlimm genug. Aber wie sieht es denn in der Wirklichkeit für viele der Missbrauchten aus. Darüber brachte das "Straubinger Tagblatt" am 29.5.2021 einen sehr ausführlichen Bericht unter dem Titel: Jeder Tag ist ein Kampf. Stefan H. wurde jahrelang von einem Prediger missbraucht. Als Erwachsener bricht er sein Schweigen. Sein Fall zeigt: Opfer werden mit ihrem Trauma oftmals allein gelassen.

 

Sein größtes Trauma scheint es zu sein, dass er mit den Folgen des Missbrauchs aus seiner Sicht völlig alleingelassen wird. Sein Trauma, jahrelang verdrängt, ist durch die Anzeige [H. hatte Anzeige erstattet], hochgekommen. Jedes Mal, wenn er bei Polizei, Staatsanwaltschaft und schließlich vor Gericht aussagt, tauchen die Bilder auf. Und mit ihnen die Angst, die Scham der Ekel.

 

1. Warum allein gelassen? In einem Interview mit dem Jugendpsychiater Jörg Fegert bringe ich eine der Antworten: Die heutigen niedergelassenen Therapeuten sind zu einer Zeit ausgebildet worden, wo man das noch nicht gelernt hat... Ein großer Anteil an Psychotherapeuten gab an, sich keine Traumatherapie zuzutrauen.

 

An dieser Stelle ist es nicht möglich, die wichtige Thematik noch weiter aufzuarbeiten. Unter www.idowa.plus finden Sie das geführte Interview. Allerdings wohl gegen eine Gebühr, was ja auch irgendwie verständlich ist.

 

IIIh8,1 Schlussbemerkung zum MIssbrauchsskandal

 

Einen Schlussstrich unter dieses traurige Kapitel kann leider heute noch niemand ziehen. Aus eher technischen Gründen muss ich allerdings dieses Kapitel abschließen, nachdem inzwischen ein Gutachten einer schon öfter genannten Kanzlei aus München veröffentlicht wurde, das hohe Wellen geschlagen hat, Wellen, von denen der greise Ex-Papst Benedikt anscheinend überrollt wird. Welche Rolle er spielte, als man über das Erzbistum vor Jahren einem als Missbrauchstäter bekannten Pfarrer in Bayern einen neuen Wirkungsort vermittelte, das wollte oder konnte der über 90-Jährige nicht überzeugend erklären. Es ist auch völlig unwichtig, ob sich der alte Herr an eine derartige Entscheidung erinnern kann oder nicht. Als oberster Kirchenvertreter hat er die Entscheidungen - auch wenn wirklich über ihn hinweg entschieden worden war - zu verantworten. Das ist Fakt. Und es hat durchaus eine Berechtigung, wenn Bischof Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz eine ganz persönliche Entschuldigung vom emeritierten Papst Benedikt fordert. Mit bemerkenswerter Offenheit sagte Bätzing am Sonntag dem 30.1.2022 in der ARD-Talkshow von Anne Will im Hinblick auf die geforderte Entschuldigung: "Ich traue ihm das zu - wenn er es schafft, sich von Beratern zu distanzieren. Das ist nun wirklich eine Schwäche von Benedikt XVI., von Joseph Ratzinger, sich nicht immer mit den besten Beratern zu umgeben." Diese Kritik dürfte auf Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein abzielen.

 

So war es am 1.2.2022 im Straubinger Tagblatt zu lesen. Dem möchte ich hinzufügen, dass Papst Benedikt doch wohl anscheinend sein Amt als Papst auch deswegen aufgegeben hat, weil er wusste, dass er dem ständigen Druck im Vatikan nicht standhalten konnte. Hieß es nicht damals schon, dass er erst am Abend aus dem Fernsehen erfuhr, was für Aussagen seine Untergebenen in seinem Namen verfasst und veröffentlich hatten? Die Kämpfe um die Macht werden deutlich, wenn man verfolgt, was sich hinter den dicken Mauern des Vatikans alles tut. Doch bei dieser Problematik geht es um mehr als um das Ansehen der Kirche, das man immer wieder versucht hat, mit allen Mitteln zu retten. Es geht um Wahrheit. Und nur das ist von Bedeutung.

 

Ich möchte das Kapitel beenden mit einem Auszug aus einem Leitartikel von Prof. Balle (Straubinger Tablatt). Am 25.1.2022 bringt er den Gegenentwurf für eine Kirche, die etwas anders aussieht als das heutige Szenario: "Eugen Biser hat dem autoritären Glaubensverständnis den Begriff des therapeutischen Glaubens entgegengesetzt. Das Glaubensgeschehen findet unabhängig von jeder Kirche und jedem Dogma im einzelnen Menschen als Glaubenserfahrung statt.

 

Kirche muss als Gemeinschaft diesen Glauben bewahren und besprechen, soll ihn aber nicht dogmatisch verordnen. Deshalb lud er am Ende der Messe auch immer alle Geschiedenen, die im Glauben stünden, zur heiligen Kommunion ein. Ein konservativer Bischof kommentierte das so: "Dafür wird er sich vor Gott verantworten müssen." So lustig das für einen aufgeklärten Christen ist, am Ende ist es vor allem traurig.

 

Der Jesuit in München, der sich so verständnisvoll an die Seite der Gläubigen stellte, indem er seine eigenen Fehler offen mit ansprach, hatte am Ende für seine versammelten Schäfchen einen Trost: "Wenn wir uns so jede Woche neu bemühen, dann stellen wir doch fest, das Böse wird über die Zeit weniger ..." Auf einen solchen Glauben und auf ein solches Selbstverständnis von Bischöfen und Priestern wird die Welt kaum verzichten wollen. Und auch gegen das durchaus auch bösartige Kirchenbashing, das es jetzt auch gibt, ist ein solches bescheidenes Selbstverständnis das einzige Mittel, das für das Christentum Zukunft verheißt.