VII 52wki* NEU und WIRKLICH

VII 52wki* NEU und WIRKLICH

Voller Freude und voller Stolz auf unsere Gegenwart habe ich Ihnen im vorherigen Abschnitt Vk vom Gedenkgottesdienst in Berlin am 18.4.2021 berichtet. Das ist natürlich ein großes Ereignis, wenn sich bei einer derartigen Feier Menschen aller Religionen für einen Dialog bereit zeigen. Ich erinnere daran, dass es dieses Miteinander schon immer wieder zumindest für begrenzte Zeiträume auch schon in der Vergangenheit gegeben hatte. Von Omar Khayyam bis Franziskus lassen sich Bestrebungen nach einem guten Miteinander der Religionen finden. Denken Sie an die Mauren, Christen und die Juden, die während des Mittelalters in Spanien friedlich miteinander lebten

 

Das ging solange gut, bis die "christliche" Herrscherin Isabella von Kastilien dem Frieden ein Ende setzte und die "Ungläubigen" der beiden nichtchristlichen Religionen vertrieb. Übrigens mit dem Erfolg, dass mit der Vertreibung ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Landes sinnlos zerstört wurde. Vielleicht ein Beispiel dafür, wie Potentaten auf ein Schlag kaputtmachen können, was im Laufe der Zeit gewachsen ist. Die Kreuzzüge, die vom "christlichen" Europa ausgegangen waren, zeigen, dass damals auf unserem Kontinent die Anhänger fremder Religionen nichts Gutes von uns zu erwarten hatten. Das Verhalten der Europäer auf dem neu entdeckten Kontinent Amerika ist ein Schandmal unserer Geschichte. Zusätzlich zu dem unfairen Umgang mit der einheimischen Bevölkerung kam der Sklavenhandel, der eine weitere große Gruppe von Menschen in für uns unvorstellbarem Ausmaß unterjochte. Erst jetzt - 2021- versucht der neue Präsident der USA Joe Biden auf eine Gleichberechtigung der Nichtweißen hinzuwirken. Eine Aufgabe, die nur ein Weißer auf sich nehmen konnte. Einer aus dem "Establishment". Herr Obama hätte da gar keine Chance gegen die Übermacht der Weißen gehabt. Also auch hier Lichtblicke nach langen Zeiten des Unrechts. Ist es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht so, dass auch jetzt noch Schwarze, wenn sie aufgrund ihrer kulturellen Leistungen Preise entgegennehmen dürfen, nach der Feier wieder abtauchen müssen in die Anonymität ihrer einfachen Quartiere, während ihre weißen Kollegen in den Luxushotels feiern? Das könnte sich ja nun endlich ändern. Warten wir es ab.

 

Mit diesem Blick auf den geschichtlichen Hintergrund, der übrigens keine Schuldzuweisung darstellt, sondern nur eine objektive Zustandsbeschreibung ist, schauen wir nun weit zurück in das Jahr nach der Zeitenwende zum zweiten Jahrtausend. Da wurde nämlich der spätere Wissenschaftler und Dichter Omar Khayyam in Persien geboren. Bei Wikipedia finden Sie übrigens ein recht schönes Bild, wie der weise Mann in ein Buch schaut. Und um ein Buch geht es auch mir. Ich habe nämlich von meinem Freund Mehdi eine Geschenkausgabe seiner berühmten Vierzeiler bekommen. Und - was glauben Sie, wer zwischen den vielen anderen und schönen Bildern zu sehen ist? Sie lesen es gleich im folgenden Vierzeiler und sehen die bedeutende Person, die im Islam als Prophet verehrt wird, auf einem Bild, das mein Freund Johannes nach einer Darstellung im Buch angefertigt hat.

 

Hier ist der Text, neben dem wir in der vorliegenden Ausgabe von "Omar Khayyam's Quatrains" ein Bild unseres Herrn vor einem blühenden Baum sehen:

 

 

Wo neu das junge Jahr die Sehnsucht spannt,

Da sucht wer sinnen will das stille Land,

Wo Jesu Odem aus der Erde dringt

Und weiss die Zweige sind wie Mosis Hand.

 


Bei Khayyam spürt man beim Lesen seiner berühmten Vierzeiler, dass sein religiöses Empfinden sehr frei war. Viel ist von "Wein, Weib und Gesang" die Rede, wenn man das mit unseren Worten ausdrücken möchte. Überhaupt haftet anscheinend allen jungen Religionen noch etwas von Freiheit an, wie wir das ja auch von den ersten Christen kennen, die in einer Gemeinschaft lebten, die man heute vom Eigentumsempfinden als so etwas wie eine Kommune ansehen würde. Sicherlich mit Ausnahme der ungebremsten sexuellen Freizügigkeit, an die wir sofort denken müssen, wenn wir über die Kommunen der jüngsten Vergangenheit sprechen. Aber auch die Verse des berühmten Dichters lassen einige interessante Schlüsse auf eine Weltsicht zu, die sich wohl kaum an Konventionen hielt. Wie Sie es nun sehen wollen, aus der Sicht des Moralisten oder dem Aspekt des abgeklärten Menschen, Khayyam muss eine interessante und tolerante Persönlichkeit gewesen sein.

 

Im "finsteren" Mittelalter wurde ein Mönch ziemlich bekannt, der sich gegen den Ablasshandel der Kirche wandte, seinem Möchtum Ade sagte und dann auch noch eine Nonne heiratete: Martin Luther. Es heißt, er habe die Kirche gespalten, denn seine Gefolgsleute gründeten die evangelisch-lutherische Kirche. Anscheinend lag diese Kirchenspaltung nicht in seiner Absicht. Er wollte wohl nur die katholische Kirche dazu veranlassen, von der Ausbeutung der arbeitenden Menschen durch den Ablasshandel wegzukommen. Doch es kam eben anders. Und sozusagen als "Nebenprodukt" seiner "Schutzhaft" auf der Wartburg übersetzte er die Bibel ins Deutsche. Nun das ist Ihnen alles bekannt. Ich erinnere hier nur daran, weil durch seine Standhaftigkeit über Reformation und Gegenreformation ein Prozess in Gang kam, der letztendlich auch zu Veränderungen in der katholischen Kirche geführt hat. Vielleicht lässt sich daran erkennen, dass das Zusammenhalten um jeden Preis nicht unbedingt optimal ist. Aber nun haben wir in Deutschland zwei große Kirchen, die sich im Verständnis mancher Sachverhalte konträr gegenüber stehen. Es gibt gute Ansätze zu Gesprächen und gemeinsamen Aktionen. Aber die Spaltung ist geblieben.

 

In diesem Zusammenhang ist auf den Liedermacher und Jesuiten Graf Friedrich von Spee zu verweisen. Der hat nämlich immer wieder versucht, im Sinne der Ökumene - ein Wort, das sicher seinerzeit noch unbekannt war - auf beide Seiten einigend einzuwirken. Im Kapitel IIIh habe ich das aufregende Leben dieses braven "Rebellen" ein wenig hinterfragt. Es war zumindest sehr abenteuerlich und keineswegs einfach. Eine Menge an Kirchenliedern verdanken wir dem tapferen Mann. Dieser Mann hat also versucht, den Bruch der Kirche wieder zu kitten. Man kann in ihm auch einen Menschen sehen, dem es wie vielen anderen Menschen lieber wäre, wir würden Gott alle in ähnlicher Weise verehren. Aber vielleicht will der große und gütige Gott lieber die Vielfalt als eine Einigung um jeden Preis. Vor allem aber wird er eine Einigung durch Gewalt auf gar keinen Fall wollen.

 

Übrigens spielt das Thema "Kirchenspaltung" auch heute wieder eine Rolle. Aber die Angst vor einem solchen Prozess ist enorm. Schließlich geht es um viel Macht und um viel Geld. Von Beidem will sich Franziskus als Zivilperson und vor allem als höchster Vertreter der katholischen Kirche trennen. Diese Ziele sind den Erzkonservativen aber äußerst suspekt. Der Hardliner und frühere Bischof von Regensburg Gerhard Ludwig Müller hat schon vor längerer Zeit davor gewarnt, dass es "durch das Verhalten von Papst Franziskus" zu einer Kirchenspaltung kommen könnte. Ein großes Geschütz, das er da aufgefahren hat. Man erkennt an dieser Formulierung, dass die Spaltung eigentlich schon latent vorhanden ist. Nur nach außen hin noch nicht erkennbar, weil formal der Bruch noch nicht vollzogen wurde und Papst Franziskus keine Breitseite für einen erfolgreichen "Abschuss" bietet. Ein Abrücken der Hardliner von ihren festgefahrenen Vorstellungen ist allerdings kaum zu erwarten. Schließlich hat sich das Schema der klerikalen Macht über 2000 Jahre lang bewährt. Da wird man sich doch von einem Papst, dem man schon den Rücktritt angeboten hatte, als er noch in seiner Heimatstadt als Bischof wirkte, nicht kleinkriegen lassen! Meinen die ewig Gestrigen. Bei Franziskus spielt das Miteinander der großen Religionen eine ganz wichtige Rolle. Und er kämpft vehement gegen alles Unrecht in der Welt. Aber einen "Barmherzigkeitsjunkie", den wünscht man sich in konservativen Kirchenkreisen nun wirklich nicht als Papst, was aber Franziskus andererseits wenig beeindruckt.

 

Khalil Gibran, der Sohn aramäischer Christen, der 1883 im Libanon geboren wurde, hat uns viel an guten Gedanken überlassen, die die Zeiten überdauert haben (IIIj2). Immer wieder schlägt der Dichter die Brücke zwischen den Religionen. Vor mir liegt ein kleines Büchlein vom Herder Verlag aus dem Jahre 1988, aus dem ich immer mal wieder auf meiner Website zitiert habe. Auf Seite 67 ist zu lesen: Die Glaubenssätze und Lehren, die den Menschen unglücklich und verbittert machen, sind nichtig und wertlos. Es ist Pflicht des Menschen, glücklich zu sein auf dieser Erde und die Pfade zum Glück zu lehren da, wo er Menschen begegnet. Derjenige, der das Himmelreich in diesem Leben nicht entdeckt, wird es auch im kommenden Leben nicht erfahren. Wir sind nicht als Verbannte und Verworfene in diese Welt gekommen, sondern als Kinder, die die Freuden und Schönheiten kennenlernen und durch die Kenntnis dieser Geheimnisse den ewigen Schöpfer anbeten sollen. Das ist die Wahrheit, die ich entdeckte, als ich die Lehren Jesu des Nazareners las, und das ist das Licht, das seine Worte in meinem Innern bewirkten. (Rebellische Geister, 70)

 

So wie Khalil sich über Religionen äußert, deren Anhänger sich gleich den Pharisäern und Schriftgelehrten an den Buchstaben der Überlieferungen halten aber kein Herz für ihre Mitmenschen haben, braucht man sich nicht darüber wundern, dass keine der großen Religionen in Khalil Gibran einen Menschen sieht, der besonders verehrungswürdig ist. Schließlich hat er sich mit seinen Aussagen keiner religiösen Macht unterworfen. Wie man aus dem kleinen Textabschnitt erkennt, hat er sich allein auf Den berufen, Der alle Religionen in Eintracht verbinden will, für alle Menschen da sein will. Ich denke, dass er seiner Zeit ziemlich weit voraus war. Und heute verstehe ich die Ärzte in Indien, die 1986 auf meine Frage nach ihrem Glauben auf ein bekanntes  Buch von Khalil Gibran verwiesen: Der Prophet. Damals wunderte mich diese Antwort, denn wir sind es gewohnt, auf eine solche Frage eine Antwort zu bekommen, die man einer bestimmten Rubrik, also hier einer jedermann bekannten Religion, zuordnen kann. Heute verstehe ich diese Aussage ganz gut, denn letzthin verweist sie auf Den, Der da im Namen des Herrn zu uns gekommen ist. Es ist immer gut, sich auf die Wurzeln zu berufen. Denn Menschen verbiegen so manches aus der Tradition zu ihrem Vorteil. Geht es uns nicht ähnlich, denn so etwas geschieht immer unbewusst, ich sage mal: ohne böse Absicht.

 

Zeitlich uns am nächsten stehend finden wir Papst Franziskus. Vehement sucht er die Verbindung zu anderen Religionen. Bei seiner Reise in den Irak im Frühjahr 2021 unter Lebensgefahr. Warum tut er das? Vielleicht, weil er spürt, dass die Gottsuchenden nicht in eine Schublade gepresst werden dürfen. So wie es seit 2000 Jahren immer wieder versucht wird - und vorher natürlich auch schon - sie brauchen nur an die Pharisäer zu denken. Es geht immer wieder nach dem Motto: Wir allein haben das richtige Rezept, wie man zu Gott findet! Doch so funktioniert das anscheinend nicht. Gott ist größer - wie unsere Freunde, die Muslime - das auszudrücken pflegen. Doch auch dieser wunderbare Satz ist schon deswegen wieder entwertet, weil die Feinde der Menschen genau dieses Wort rufen, wenn sie dabei sind, menschliches Leben zu vernichten. Die Verräter kommen bekanntlich immer aus den eigenen Reihen. Das war schon vor 2000 Jahren so. Jesus hat den Verräter nicht vernichtet. Und wenn Er schon keinen Einfluss auf den Abtrünnigen hatte, wieso sollen wir die Kraft haben, die Feinde Gottes zu besiegen? Wir müssen lernen, mit ihnen zu leben. Wie sagte doch Jesus gleich wieder: Das Unkraut nicht ausreißen. Man würde dabei auch gute Pflanzen in Mitleidenschaft ziehen. Doch im Gegensatz zum Herrn haben wir immer noch die Möglichkeit, Verbrecher zu bestrafen und sie daran hindern, Unrecht zu tun. Das steht dem Rechtsstaat zu.

 

Papst Franziskus ist ein Mittler zwischen den Religionen. Er weiß sicher mehr, als er ausspricht. Beten wir für ihn, denn Er ist eine ganz wichtige Schlüsselfigur, der einer großen Aufgabe nachgeht. Und kaum jemand aus der Curie erleichtert es ihm.

 


Grundstein für Mehrreligionen-Gebäude House of One gelegt.


Ich zitiere einfach diese erfreuliche Nachricht aus der Tageszeitung vom 28.5.2011: Christen, Muslime und Juden werden in Berlin in Zukunft unter einem Dach ihre Gottesdienste feiern können. Mit dem House of One bekommt die Hauptstadt ein gemeinsames Haus, das als Kirche, Synagoge und Moschee die Gläubigender drei großen monotheistischen Religionen aufnehmen kann. Gut so - das stelle ich mir unter Ökumene vor.