VII 53leb KIDS WEHRLOS
Weil sie oft kaum Rechte haben, sind Kinder wehrlos. In allen Kriegen sind es neben den Frauen immer die Kinder, die am
meisten darunter leiden. Große Schuld dürfte bei den Machthabern liegen, die auch heute noch Kriege anzetteln - oder bei denen, die
Waffen dazu liefern. Unser Land spielt hier eine bedeutende und durchaus negative Rolle! Und wer bereitet den Boden für dieses Geschehen: Die Unterhaltungsindustrie, von der immer wieder
gewaltbereite Helden hochgejubelt werden. Denken Sie an die Spiele, die sich auch junge Menschen vom Internet herunterladen können. Und eine Spielzeugindustrie, die schon den Kindern die
Hemmschwelle zum Töten nimmt. Inzwischen ist man davon weitgehend abgekommen, Miniatursoldaten und Waffen anzubieten. Dafür gibt es - gemäß den Vorgaben der Science-Fiktion-Literatur -
Fantasiewaffen, die den Kindern das Töten (des Feindes natürlich) als eine gute Tat vermitteln. Die Anschauung, dass man den Anderen töten darf, ist allgemein verbreitet. Das ist allerdings eine
Verkürzung des allgemeinen Rechts. Jeder darf sich gegen einen Übergriff wehren. Dabei gibt es tatsächlich Fälle, in denen das nur möglich ist, wenn man den anderen tötet. Dieser Grundsatz, dass
Notwehr erlaubt ist, darf aber nicht als Ausrede für alle möglichen Verbrechen und Kriege hergenommen werden. Systematisch wurde bei Kassim die Hemmschwelle zum Töten zerstört. Das Wort
"Miniatursoldaten" verharmlost eigentlich die Situation.
Der Lüge, dass Kriege notwendig seien, steht die Forderung des Herrn entgegen, der ohne Gewalt für den Frieden eingetreten ist. Christus hat sich nicht gewehrt, als man Ihn an das Kreuz nagelte.
Krieg ist etwas Furchtbares. Kinder zu Soldaten zu machen ist der Gipfel des Bösen. Caritas international will Kindersoldaten helfen, in ein normales Leben zurückzufinden. Das geht nach dem Schema: Demobilisieren, Ausbilden, Resozialisieren. Wie man sich denken kann, ist das jedes Mal ein langer und schwieriger Weg für die jungen Menschen. Jules hat diesen Weg geschafft. Heute arbeitet er als Leiter des Zentrums für Kindersoldaten in Ost-Kongo für Caritas. Aus eigener Erfahrung heraus versteht er es, mit den traumatisieren Kindern umzugehen. In der Region, in der er tätig ist, werden bis heute Kindersoldaten rekrutiert. Diese Information habe ich einem Rundschreiben von Caritas international entnommen.
Boxer Kassim Ouma war Kindersoldat
Von Matthias Kerber erschien am 25.12.2017 in der Abendzeitung ein Bericht über den Box-Weltmeister Kassim Ouma. Die folgenden Textteile erinnern uns daran, dass wir gern verdrängen, was sich Furchtbares in der Welt ereignet.
Seine Vergangenheit ist sein übermächtiger Gegner, sein größter Feind. Wenn Ouma redet, senkt er oft die Augen. Manchmal schüttelt
er sich. So, als müsste er einen Gedanken, ein Bild aus seinem Kopf vertreiben. Bilder, die ihn verfolgen, die aber ein Teil seines Lebens sind, in dem er so viel sehen, erleben, begehen musste.
Dieses Leben, es beginnt am 12. Dezember 1978 in Magamaga in Uganda. Damals herrscht dort der bestialische Diktator Idi Amin über das Land. Über 300 000 Menschen werden ermordet, zu Tode
gefoltert. In den Flüssen werden so viele Leichen versenkt, dass die Krokodile sie verschmähen, sie haben sich sattgefressen an den Kadavern.
Kassim kommt als Julius zur Welt. Er ist das siebte von zwölf Kindern. Die Eltern sind Bauern - und Christen. 1979 flieht Ide Amin, Uganda versinkt im Bürgerkrieg. Dafür braucht es Soldaten. Kindersoldaten. Sie sind formbar, man kann ihren Willen brechen, ihre Gewissen vernichten, die Seelen töten. Ouma besucht ein Internat in Kibouga. Er ist ein paar Tage dort, als er von Soldaten gekidnappt wird. Ouma ist fünf Jahre alt. Es ist der Tag, an dem die Unschuld einer Kinderseele mit Waffengewalt genommen wird. "Sie brüllten uns an: Ihr habt keine Mamis und Papis mehr", erzählt Ouma.
Es gibt nur noch Generäle und Soldaten. Die Kinder werden geschlagen, getreten, gefoltert. Solange, bis sie gebrochen sind. Er lernt zu gehorchen, unsichtbar zu sein, wenn die Folterknechte kommen. "Ich werde abgerichtet, wie ein Hund. Ich habe gesehen, was passiert, wenn man nicht gehorcht hat. Ich wollte nur überleben", sagte er einst dem "Spiegel". Er muss mit ansehen, wie Körperteile abgehackt werden, wie Menschen ermordet werden. Er tötet selber. Wie viele? Das weiß er nicht. Aber er erinnert sich an das erste Opfer. Einen Schulfreund, der seine Munition hat fallen lassen. Ouma bekommt den Befehl, ihn zu erschießen. Er zögert. Der Vorgesetzte sagt ihm, dass, wenn er nicht schießt, beide sterben müssen. Er drückt ab. "Ich kann selber nicht glauben, was ich alles erlebt haben. Es ist so irreal", sagt er und senkt wieder den Blick, aber was soll ich machen? Es ist mein Leben." Damals zwingen sie ihn, Allah anzubeten, und so wird aus Julius irgendwann Kassim. Den Namen, den er immer noch trägt. Kassim versucht, diesen Bildern zu entkommen. Er trinkt, er kifft. Um zu vergessen, zu verdrängen. Etwa das Bild, wie er auf einem Leichenberg sitzt und sich eine Zigarette ansteckt.
Ich setze die Beschreibung des Grauens nicht weiter fort, weil ich meine, dass das genügt. Im Kapitel "WIR UND KIRCHE" muss ich leider noch einmal
auf die Thematik zurückkommen.