VII 68wki SINN des BÖSEN
Was hat dieses Kapitel hier zu suchen? Hier, wo es um Gottes gute Schöpfung geht? Die Erklärung finden Sie im Text.
Wie soll denn das Boese einen Sinn haben?
Zunächst einmal: Das Boese ist anscheinend allgegenwärtig. Und nun fragen wir noch nach dem Sinn des Boesen. Der Sinn des Boesen - diese Formulierung bereitet unserem Verständnis Schwierigkeiten. Bevor wir ernstlich auf die Frage nach dem Sinn des Boesen eingehen, lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen, was uns bewegt: Wir müssen ganz klar feststellen, dass sich die Macht - und zwar eine ganz besonders finstere - dort etabliert hat, wo zumindest wir Christen Güte und Menschenfreundlichkeit verortet hätten. Priester missbrauchen Frauen und Kinder. Das ist jedes Mal ein Schlag gegen Christus. Die Kirche ist in einer ganz schweren Krise und wer diese Verfehlungen zu verharmlosen versucht, macht sich schuldig und behindert die grundlegende Erneuerung der Kirche. Gleichzeitig sollte man aber auch sagen, dass uns "Persönlichkeiten" im Wirtschaftsleben und in der Politik eine "kalte Welt" ohne gegenseitiges Verstehenwollen vorleben. Stichwort Abgas-Skandal. Auch unter den Ärzten, die zu einer Bevölkerungsgruppe gehören, die noch einen guten Ruf in der Allgemeinheit hat, finden wir immer wieder solche, die rücksichtslos durchsetzen, was sie sich zum Ziel gesetzt haben. Gut, dass die Medien auch so etwas anprangern.
Jesus hat uns deutlich beauftragt, Frauen und Kindern ihre Würde und die ihnen zustehenden Rechte zu gewähren. Das Machtproblem ist etwas, das die Kirche bisher geflissentlich übersehen hat. Nun ist es überhaupt nicht realistisch, anzunehmen, dass jemand, der ein gewisses Ansehen in der Öffentlichkeit genießt und dem man Respekt entgegenbringt, deswegen allen Versuchungen (sagen wir: zum Machtmissbrauch) besser widerstehen könnte als ein Normalbürger. Im Gegenteil, der Normalbürger ist durch seine Eingliederung in Familie oder Arbeitsprozess besser kontrolliert und damit im Endeffekt weniger gefährdet.
Machtansprüche ganz anderer Art verhindern, dass die Armen in dieser Welt zu ihrem Recht kommen. Auch das verurteilt der Herr sehr deutlich. Wir Menschen der westlichen Welt stehen vor einer
großen Entscheidung: Entweder wir lassen alle Menschen an unserem Reichtum partizipieren, was sicherlich gewisse Einschränkungen unseres (teilweise überzogenen) Lebensstandards mit sich bringen
wird. Doch die können wir verkraften. Aber wir verhalten uns kontraproduktiv, wir praktizieren die Abschottung gegenüber den Armen auf dieser Welt und beuten sie aus als Sklaven. Dieses Unrecht
muss unbedingt beendet werden. Da gibt es für uns ein riesiges "Entwicklungspotenzial".
Wir steuern mit unserem Konsumverhalten auf einen Zeitpunkt zu, an dem wir alle, die Armen und die Reichen, in eine grenzenlose Not geraten. Das könnte in einem unvorstellbares Chaos mit
Auseinanderbrechen der staatlichen Ordnungen und in der Anarchie enden.
Im Frühjahr 2020 allerdings kam diesem Schreckens-Szenario etwas zuvor, was wir tatsächlich nicht gewollt hätten, was aber vielleicht doch ein gewisses Umdenken bewirkt hat: Die Corona-Krise. Es gibt tatsächlich nichts Schlechtes, das nicht irgendwie auch etwas Gutes mit sich bringt.
Vor dieser Krise, die nun schon so viele Opfer gefordert, hatte ich noch etwas zu der Situation vor Corona geschrieben. Da knüpfe ich jetzt wieder an: Einige Politiker der Gegenwart haben die
Problematik erkannt und versuchen, Hilfen für die Menschen in Not zu etablieren. Dabei ist man sich bewusst, dass die genannten Probleme miteinander verknüpft sind und ganzheitliche Lösungen
umfassen müssen, die den Menschen vor Ort direkt helfen und gleichzeitig dem Klimaschutz dienen. Der bayerische Ministerpräsident Söder pflanzte bei seinem Besuch in Äthiopien einen Baum und
drückt die Situation so aus: “Wer keine Opfer im Mittelmeer will, muss den Menschen hier helfen.“
(Straubinger Tagblatt 17.4.19)
Und nun komme ich wieder auf mein Thema zurück: Das Böse macht tatsächlich unserer ganzen Welt zu schaffen. Etwas Grundsätzliches dazu kann ich nicht selbst sagen, ich kann es mir von Menschen erklären lassen, die sich mit diesen Zusammenhängen auseinandergesetzt haben. Für mich hat Prof. Bartscherer mit seinem Artikel und den Worten des früheren von mir sehr verehrten Papstes Johannes Paul II. eine Tür des Verstehens geöffnet.
Sinn des Boesen - eine Überlegung von Prof. Bartscherer
Zuerst einmal wird die Frage gestellt, warum Gott das Böse überhaupt zulässt. Dabei kommt der Autor auch darauf zu sprechen, dass solche Erörterungen zwar sehr interessant sein mögen, jedoch angesichts der Verbrechen der Nazis in den Konzentrationslagern möglicherweise gar fehl am Platz sind, da man angesichts des furchtbaren Unrechts eigentlich nur noch schweigen kann. Wir wollen trotzdem gemeinsam mit dem Autor dieser Frage nachgehen, denn wenn Menschen solche Verbrechen begehen, ist es nicht verkehrt, zu versuchen, dieses Geschehen in irgendeiner Weise aufzuarbeiten und die Frage zu stellen, warum Menschen sich zu derartigem Tun haben hinreißen lassen.
Also zunächst einmal ganz neutral: Warum gibt es überhaupt das Böse? Darauf gibt es eine ganz klare Antwort: Hätte Gott den Menschen als ein vollkommenes Wesen – also ohne die Fähigkeit zum Bösen – erschaffen, wäre dieser nicht viel mehr als ein perfekter Roboter oder eine bis ins Letzte vorprogrammierte Glücksmaschine. Eine andere Möglichkeit hätte Gott auch noch gehabt, er hätte uns als eine Art mechanisch funktionierender Puppen erschaffen: Unser Leben wäre dann nach einem primitiven „Tun-Ergehen-Mechanismus“ geregelt, wonach Glück und Leid berechenbare Größen sind, die jeweils von unserem Gehorsam oder Ungehorsam gegenüber Gott abhängen. Da Gott aber wollte, dass der Mensch von seiner Freiheit, sich zum Guten und Bösen zu entscheiden, weiterhin Gebrauch macht, hat er ihn mit einem entsprechenden Entwicklungspotential ausgestattet, das seine Zukunft in der Geschichte offenlässt. Da hat Er natürlich ein ziemlich großes Risiko in Kauf genommen. Denn - ehrlich gefragt - könnten wir diesem Anspruch überhaupt standhalten? Und ehrlich geantwortet: Nein. Prof. Bartscherer erklärt nun, wie Gott es unternimmt, uns die Freiheit zu lassen und uns dabei nicht zu v e r -lassen. Bartscherer verweist auf eine Aussage Johannes Paul II. Und dieser zeigt auf das Kreuz, das Zeichen der bedingungslosen Liebe und äußersten Selbsterniedrigung Gottes. Die wichtigsten Gedanken aus diesem Aufsatz will ich hier herausgreifen. Der Autor kommt von Hiob und dessen Leiden auf den Holocaust zu sprechen und fragt, warum Gott nicht wenigstens bei dem letztgenannten Geschehen eingegriffen habe, wenn er sich doch als ein liebender Gott zu erkennen gegeben hatte. Das alles sind doch Fragen, die für einen glaubenden Menschen sehr bedeutsam sind.
Dass durch die Jahre des "Auschwitz-Wütens" kein Wunder geschah, Gott also nicht eingriff, sondern schwieg, beantwortet Jonas * mit einem Verneinen göttlicher Omnipotenz. Denn „nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, griff er nicht ein“. Für die Zeit des Weltprozesses hat Gott nämlich, wie Jonas vermutet, auf „jede Macht der Einmischung in den physischen Verlauf der Weltdinge“ verzichtet.
*[Jonas - über den Autor finden Sie weitere Angaben im Verzeichnis VIf Quellen]
Um die Welt aus dem Nichts erschaffen und dem Menschen die Freiheit für sein Tun garantieren zu können, war nämlich ein Akt göttlicher Selbstbeschränkung nötig: „Verzichtend auf seine eigene Unverletzlichkeit erlaubte der ewige Grund der Welt zu sein. Dieser Selbstverneinung schuldet alle Kreatur ihr Dasein (…). Nachdem er sich ganz in die werdende Welt hineingab, hat Gott nichts mehr zu geben: Jetzt ist es am Menschen, ihm zu geben.“ Deshalb liegt die Verantwortung für das Gute und Böse in Welt allein in den Händen des Menschen. Der sich seiner Machtfülle begebende Gott aber steht auf alle Fälle auf der Seite des leidenden Menschen: „Auch das, so scheint mir, ist eine Antwort auf Hiob: dass in ihm Gott selbst leidet.“
Damit tritt Jonas für ein Gottesbild ein, das in einem zentralen Punkt mit dem christlichen konvergiert. Auch für die christliche Theologie war nach den Worten von Hermann Häring das Faktum der nationalsozialistischen Konzentrationslager mit der Erkenntnis verbunden, „dass Gott gerade in diesen Opfern anwesend sein muss, zumal sich – aus christlicher Perspektive geurteilt – das Geheimnis von Jesu Leiden in ihnen allen wiederholt“. Gottes Liebe gilt also in erste Linien nicht den Erfolgreichen und Glücksverwöhnten, die über die Welt und die Geschichte triumphieren, sondern den vom Schicksal Geschlagenen, denen durch Erfahrungen des Bösen das primordiale Urvertrauen geraubt wurde: „Gott steht nicht neutral über den Menschen, sondern parteilich auf Seite der Opfer, unabhängig von deren religiöser Zugehörigkeit oder moralischen Haltung. Die universale Bedeutung des Christentums bemisst sich nach der Allgegenwart derer, die an den Rand gedrängt sind.“ (Häring)
Im Übrigen darf ich an dieser Stelle schon einmal auf die universale Bedeutung des Sohnes des Höchsten hinweisen, dessen Bedeutung - wie hier deutlich wird - von nichtchristlichen Gelehrten ganz klar wahrgenommen wird. Ähnliche Parallelen wird man bei Martin Buber finden.
Gott kann nach Härings Überzeugung auf der Seite der Opfer stehen, weil er durch die Sendung und den Tod seines Sohnes gezeigt hat, dass er in die Geschichte des Bösen selbst verwoben ist und am Leiden des Menschen liebend partizipiert:
„Der Gott Jesu Christi steht in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, also in Sieg und Niederlage, auf der Seite der Menschen.
Er nimmt die Erfahrung menschlicher Demütigung als seine eigenen Erfahrungen auf, wird vom menschlichen Tod mitberührt. Er setzt seine eigene Macht dieser Ohnmacht auf die Gefahr hin aus, dass er selbst ohnmächtig wird.“
Gottes Liebe als Antwort auf die Folgekette der Gewalt
... Bereits die Urgemeinde wurde ja – bevor die Auferstehung die erlösende Antwort gab – von der quälenden Frage umgetrieben, warum der Meister, der sich durch die Wundermacht seines Wortes und Wirkens als Sohn Gottes ausgewiesen hatte, gerade dieses schmähliche, ansonsten nur Schwerverbrechern vorbehaltene Ende am Kreuz nehmen musste. Forciert wurde diese Aporie noch durch die grausige Tatsache, dass das Leben Jesu mit einem entsetzlichen Notschrei erlosch. Nichts erschüttert unseren Glauben an einen gütigen Gott mehr als die herzzerreißende Absurdität dieses Schreis. Als wollte der Gekreuzigte damit nicht nur seine eigene Agonie, sondern das Leid der ganzen Welt artikulieren, begehrt dieser Schrei gegen die vermeintliche Gleichgültigkeit dessen auf, der all dies erschaffen hat, ohne den Mächten der Vernichtung Einhalt zu gebieten. Der Todesschrei Jesu versprachlicht, so betrachtet, die nicht in Worten fassbare Verzweiflung und Ratlosigkeit Jesu angesichts eines Gottes, der sich ihm als Liebe manifestiert hatte, und ihn nun doch am Hass seiner Feinde scheitern lässt. Es ist der von Gottes Sohn selbst erlittene Sturz in den Abgrund des Theodizee, der sich auf diese Weise äußert.
Dass ausgerechnet dieser nach außen Gescheiterte von Gott gerechtfertigt wird, ja dass er bereits am Kreuz in die Liebe Gottes hineinstirbt, wurde uns von so kühn denkenden Theologen wie Eugen Biser sinnfällig vor Augen geführt. Damit ist die Theodizeefrage zumindest aus Jesu Perspektive beantwortet. Entscheidend ist nun aber, dass sie auch aus menschlicher Sicht beantwortet wird, und das kann sie – mit Johannes Paul II. gesprochen – nur durch das Skandalon des Kreuzes, das das Zeichen der bedingungslosen Liebe und äußersten Selbsterniedrigung Gottes darstellt:
"Das Ärgernis des Kreuzes bleibt der Schlüssel zur Interpretation des großen Mysteriums des Leidens. Selbst gegenwärtige Kritiker des Christentums stimmen in diesem Punkt überein. Sogar sie sehen ein, dass der gekreuzigte Christus der Beweis von Gottes Solidarität mit dem leidenden Menschen ist. Gott selbst stellt sich auf die Seite des Menschen. Er macht dies auf eine radikale Weise: ‚Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.‘ (Phil 2, 7-8).
Das ist Gottes Antwort auf alles individuelle und kollektive Leiden, ... Nicht durch die Aufhebung der Schöpfung und ein Ende der menschlichen Freiheit will er das Böse bezwingen, sondern durch das Zeugnis seiner uneingeschränkten Liebe, verkörpert in seinem von Menschenhand ermordeten Sohn, der bis in die dunkle Stunde des Todes hinein den Leidensweg des Menschen teilt: „Gott ist immer auf der Seite der Leidenden. Seine Allmacht manifestiert sich genau in der Tatsache, dass Er selbst willentlich sein Leiden akzeptierte. Er hätte sich dagegen entscheiden können. Er hätte sich dazu entscheiden können, seine Allmacht selbst noch im Moment der Kreuzigung zu bezeugen...
Die Tatsache, dass er am Kreuz bis zum Ende blieb, die Tatsache, dass er am Kreuz wie alle Leidenden sagen konnte: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ (Mk 15,34) ist in der menschlichen Geschichte das stärkste Argument geblieben. Wenn der Todeskampf am Kreuz nicht stattgefunden hätte, wäre die Wahrheit, dass Gott Liebe ist, unentdeckt geblieben. Ja! Gott ist Liebe, und genau aus diesem Grund hat er seinen Sohn hingegeben, um sich selbst ganz und gar als Liebe zu offenbaren. Gott ist derjenige, der ‚liebte … bis zur Vollendung‘ (Joh 13,1). ‚Bis zur Vollendung‘ heißt bis zum letzten Atemzug.“
(Johannes Paul II.; aus dem Englischen von C. B.)
Auf die Verhöhnung, Geißelung und Kreuzigung seines Sohnes durch die Instanzen irdischer Gewalt reagiert Gott eben nicht mit Gegengewalt und einer brutalen Demonstration seiner Macht, sondern mit Liebe. Nur so kann die Folgekette des Bösen durchbrochen, die Dynamik des Hasses neutralisiert und der Mensch gerettet werden. Trotz aller menschlichen Bosheit bleibt Gott dem Menschen damit treu und solidarisiert sich mit ihm, um seinem zum Gotteskind berufenen Ebenbild den Weg der Selbstwerdung durch Liebe zu zeigen.