ZWIEGESPRÄCH
Lesen Sie an dieser Stelle ein fiktives Gespräch zwischen einem betenden Menschen und Gott. Was geschieht, wenn auf einmal Gott selbst antworten würde?
Der schon etwas ältere aber trotzdem sehr interessante Text ist der Mappe „Vater unser“ von Pfarrer Leo Tanner, katechetische Arbeitststelle des Dekanats St. Gallen entnommen.
„Vater unser im Himmel“
„Ja, was ist?“
„Unterbrich mich nicht, ich bete.“
„Aber du hast mich doch gerade angesprochen.“
„Ich mit Dir gesprochen? Nein, eigentlich nicht. Das beten wir so. Vater unser im Himmel.“
„Da, schon wieder, ganz deutlich, du sprichst mit mir. Was kann ich für dich tun?“
„Geheiligt werden Dein Name.“
„Meinst du das ernst?“
„Was soll ich ernst meinen?“
„Ob du meinen Namen wirklich heiligen willst. Was bedeutet dir das?“
„Das bedeutet… das bedeutet… du meine Güte, ich weiß nicht einmal, was das bedeutet. Woher soll ich das auch wissen?“
„Es heißt ganz einfach, dass du mich ehren willst, dass ich dir einzigartig wichtig bin, dass dir mein Name wertvoll ist.“
„Aha, hm, So ist das. Ja, das verstehe ich jetzt. Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie imHimmel, so auch auf Erden.“
“Schön und, aber tust du auch etwas dafür?“
„Dass Dein Wille geschieht? Natürlich! Ich gehe jeden Sonntag in den Gottesdienst. Ich gebe auch Geld für die Mission und Caritas.“
„So, ich möchte aber auch noch etwas ganz anderes. Ich möchte, dass dein Leben in Ordnung kommt. Dass deine Angewohnheiten, mit denen du anderen auf die Nerven gehst, verschwinden, dass ich in deinem Leben das Sagen habe…“
„Warum hältst du das ausgerechnet mir vor? Was meinst du zu den vielen steinreichen Kirchgängern, die jeden Sonntag in der letzten Reihe in der Kirche sitzen. Schau doch die an!“
“ Entschuldigung! Ich dachte, du betest ernsthaft darum, dass mein Herrschaftsbereich kommt und mein Wille geschieht. Weißt du, das fängt ganz persönlich bei dem an, der darum bittet.“
„Ja, das leuchtet mir ein, aber kann ich jetzt einmal weiter beten?“
„Unser tägliches Brot gib uns heute…“
„Entschuldige, dass ich die schon wieder unterbreche. Wenn due einmal eine ruhige Minute hast, überlege einmal, um was du mich bittest. Ich glaube, es ist dir klar, dass es nicht um das Brot geht, das du jeden Morgen beim Bäcker kaufst.“
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“
„Was ist mit Petra…“
„Petra, meine Nachbarin, hm… jetzt fängst du auch noch damit an. Du weißt doch, dass sie mir in der Waschküche immer die Wäsche zusammenhängt. Dann redet sie im Geschäft noch schlecht über mich. Und dann am Abend, wenn mein Mann nach Hause, hat sie sicher noch etwas im Treppenhaus zu tun, damit sie ihn anlächeln und ihm schöne Augen machen kann.“
„Oh, ich weiß, ich weiß! Aber was hast du gerade gebetet?“
„Ja, aber ich meinte es nicht so.“
„Du bist wenigstens ehrlich. Aber es macht dir gar nichts aus, mit so viel Bitterkeit und Abneigung herumzulaufen?“
„Doch, es macht mich krank.“
“Siehst du, genau da will ich dich heilen. Vergib Petra, und ich vergebe dir. Es kann sein, dass Petra komisch reagiert. Vielleicht verlierst du sie als Babysitter. Aber du selber, du wirst einen tiefen Frieden in deinem Herzen haben.“
„Hm! Ich weiß nicht, ob ich mich dazu überwinden kann.“
„Hab keine Angst, ich helfe dir dabei.“
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“
Nichts lieber als das, genau das will ich ja tun. Meide alle Personen und Situationen, durch die du in Versuchung geführt wirst.“
„Wie meinst du das?“
„Du kennst doch deine Schwächen, deine Unverbindlichkeit, deine Bequemlichkeit, deinen Umgang mit dem Geld, mit der Sexualität, deine Aggressionen und auch dein Gerede über andere. Gib diesen Versuchungen keine Chance.“
„Ich glaube, dies ist das schwierigste „Vater unser“, das ich je gebetet habe. Aber es hat auch zum ersten Mal etwas mit meinem alltäglichen Leben zu tun.“
„Schön, jetzt kommen wir vorwärts. Bete jetzt in aller Ruhe fertig.“
„Denn dein ist das Reich und die und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“
„Weißt du, was ich herrlich finde?Wenn Menschen wie du anfangen, mich ernst zu nehmen, wenn sie anfangen, ehrlich zu beten, auch auf mich zu hören und dann auch noch das tun, was mein Wille ist. Sie spüren dann plötzlich, dass ihr Leben viel glücklicher und zufriedener wird.“